Die 90er Jahre: Die besten deutschen Alben des Jahrzehnts III

Hui, das macht langsam richtig Spaß! Wo ich eigentlich die deutschen Alben bewusst ganz nach hinten geschoben habe, fällt mir nun erst wieder auf, was für ein mutiges Jahrzehnt eigentlich die 90er-Dekade in der Heimat war. Da wurde wild rumexpermentiert, da wurden Grenzen aufgebrochen und Deutscher Hip Hop war auf seinem Höhepunkt angelangt. Ein tolles Jahrzehnt für Musik aus deutschen Landen… Hoffentlich liest gerade ein 15 jähriger mit, schmeißt später seinen ganzen Wir sind Julimond-Mist in den Müll (oder löscht ihn von der HD) und fängt wieder an spannende Musik jenseits von kantenlosem Pathos-Rock oder Heuli-Soulpop wie Tim Bendzko zu hören. Und ihr Musikproduzenten und Plattenlabels solltet diesem Beispiel folgen… Ganz ehrlich, liebe Bands aus Deutschland, dann fange ich auch wieder verstärkt an eure Musik zu hören und kaufe mir wieder eure Alben. Versprochen! So, aber nun übertrieben guten Hip Hop von Torch, frühe Qualitätsarbeit von The Notwist, nur das Beste von Mutter, Überraschendes von Grönemeyer und Grenzenloses von Den Goldenen Zitronen und Fischmob.

The Notwist – Shrink

(Big Store, 1998)

Angefangen beim Hardcore und irgendwann auf dem Weg zur vielleicht besten deutschen Indie-Band überhaupt. The Notwist sind mittlerweile Deutschlands anerkanntester Export-Schlager in Sachen Indie. Die Band aus Weilheim hat eine weltweite Fanbase und es gibt wohl kaum ein Album , was nicht in den höchsten Tönen von den Kritikern gelobt wird. Shrink ist noch aus dem Zeitraum der endenden 90er, als Elektronik ein immer wichtigerer Bestandteil wurde und auf alle Genres Einfluss hatte. Bandmitglied Console alias Martin Gretschmann konnte nun vermehrt seine Breakbeats und Ambient-Sounds einbauen und erzeugte eine düster-melancholische Atmosphäre die irgendwo zwischen Jazz, Electro, Dub, Postrock und Indie-Rock liegt.

Torch – Blauer Samt

(V2 Records, 2000)

Mit seiner Band Advanced Chemistry war Torch neben den Fanta 4 der Wegbereiter für den Erfolg des deutschen Rap. Wo die Stuttgarter aber immer stark in Richtung Pop schielten, versuchten diese Band sowas wie die deutschen Public Enemy zu werden und hatten sich somit im Underground und in der Szene einen wichtigen Status erarbeitet. Der Durchbruch kam leider nicht und als Ende der 90er der große Hip Hop Boom ausbrach, war Torch leider schon Geschichte. In “Wir waren mal Stars” rechnet Torch augenzwinkernd mit dieser verpassten Chance ab und fordert aber auch zugleich den Respect für seine Pionier-Taten. Doch eigentlich hätte er gar nicht auf die Vergangenheit hinweisen müssen, denn Blauer Samt ist stärker, besser, härter, fetter (beliebige Rap-Floskel bitte hier einsetzen) und eines der ganz großen Alben des deutschen Hip Hop. Torch ist auf blauer Samt Mahner, Prediger und Pate zugleich und hat sich seinen Platz in der Hall Of Fame des Sprechgesangs damit redlich verdient.

Mutter – Hauptsache Musik

(DEG/EFA ,1994)

Diskurs-Pop war eigentlich eher ein Trademark, das Presse und Fans den Indie-Bands aus Hamburg aufzwängten. Doch auch die Berliner Kapelle Mutter konnte den Spagat zwischen intelligenten Texten, Geschrammel und Indie-Pop. “Hauptsache Musik” ist fast noch (bewusst) dilettantischer als die ersten Toco-Sachen, aber trotz des Nicht-Gesangs von Max Müller ist das hier eine Art sommerlicher Folk-Punk, der nicht mehr viel mit dem harten, dissonanten Noise-Punk  der Frühzeit zu tun hat. Die Fans waren geschockt, Jochen Diestelmeyer dagegen gefiel das und so war er auch direkt dabei. Wer Mutter also nur als deutsches Sonic Youth-Pedant kennt, wird sich über “Hauptsache Musik” sicherlich wundern und gleichzeitig eine allzu leicht vergessene Seite der unterschätzen Kultband kennen lernen.

Grönemeyer – Bleibt alles anders

(Groenland, 1998)

Wann immer Wetten Daß… lief, Onkel Herb war auch dabei. Er saß meist am Klavier und sang pathostriefenden 80er Belanglos-Kram mit der Aura eines Bratwurstverkäufers. Zum Glück hat Grönemeyer selbst bemerkt, dass er kurz davor war, ein Relikt aus alten Tagen zu werden und dass er dem gediegenen  Schlager-Pop gefährlich nah kam. Erst tauschte seinen 80er- Scheitel gegen eine schnittige Kurzhaarfrisur, dann ging es darum seinen Sound zu entschlacken und in den Sound der End-90er zu führen.  Schon die erste Single “Bleibt alles anders”  liefert nicht wieder den üblichen gepressten Gröhlgesang, sondern überrascht mit Trip Hop Beats und klingt mit seiner EBM-Ästethik für den ehemaligen Biedermann überraschend gefährlich. Der Beginn des neuen Grönemeyer begann mit diesem Album und machte ihn wieder interessant für diese und nachkommende Generationen, die ihn nicht zuletzt durch “Bleibt alles Anders” als modernen Songwriter in Erinnerung haben und eben nicht als den schreienden Kumpel-Typ aus Bochum.

Die Goldenen Zitronen – Das bißchen Totschlag

(Sub Up, 1994)

Fast wären die Goldenen Zitronen ein Fall für die Bravo geworden. In den 80ern noch eher auf der spaßigen NDW-Punkwelle mit den Ärzten und Extrabreit wurde aus ihnen über die Jahre eine politische Band, die zwar nichts von ihren frühen Anarcho-Charme verloren hatte, aber doch in ihrer musikalischen Ausrichtung mehr Einflüsse zuließ und sich mehr und mehr von dem Schubladen-Denken der Kritiker und frühen Fans verabschiedete. Schorsch Kameruns überdrehter Gesang und die zynischen kaputten Texte machen Das bißchen Totschlag immer noch zu einem spannenden Hörerlebnis und man fragt sich bei dessen Genuss immer wieder, warum um Teufel gerade  jüngere Bands genau dieser Mut zur Lücke fehlt, der den Zitrus-Anarchisten zu eigen war.

Fischmob – Power

(EMI, 1998)

Ein paar Freaks, die mit komischen Klamotten auf der Bühne rumtanzten und selten bekloppte Text intonierten… Man kann vielleicht nachvollziehen, warum die Kids aus Berlin sich damit nicht identifizieren konnten und später Aggro Berlin gründeten. Für Hip Hop Betonköpfe war Fischmob aber eh nie gemacht, sondern für alle die daran Spaß und kein Problem damit hatten, dass auf einem Album Hip Hop mit Ambient und auch mal Noise-Rock featuring Dinosaur jr Sänger J Mascis verknüpft wird. Fischmob war schon immer ein Kollektiv, das grundverschiedene Positionen vertrat aber sich dann doch auf einen Nenner einigen konnte. Leider auf dem letzten und besten Album Power zum letzten Mal, bevor Fischmob in dem eher mäßig spannenden House Projekt International Pony und okayen Adolf Noise alias DJ Koze- Solosachen aufgingen.


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