Die 90er Jahre: Die besten deutschen Alben des Jahrzehnts II

“Damals hatten wir noch Gefühle” stand bei dem Youtube Kommentaren zu einem Jonas Video, die wir im ersten Teil der 90er Alben-Retrospektive vorgestellt haben. Ist natürlich “Früher war alles schöner”-Gejammer, aber so wütend wie auf Digital ist besser waren Tocotronic vielleicht nie wieder: Wo heute gesetzter Indie-Pop für Berlin Mitte regiert, war es früher roher Lo-Fi infizierter Sound, der irgendwo in einem dunklen Keller in Hamburg entstand. Ihre Begabung für Pop schimmerte schon damals durch. Die Einstürzenden Neubauten wagten sich mit Tabula Rasa erst einmal sehr vorsichtig und schemenhaft an das von ihnen eher ungeliebte Genre der Populärmusik, Selig und Die Fantastischen Vier indes hatten damit noch nie Probleme und erreichten mit ihren 90er Alben den künstlerischen Zenit.

Tocotronic – Digital ist besser

(L’age d’or, 1995)

Wie kaum einer anderen deutsche Band gelang es Tocotronic das Lebensgefühl einer Generation in kurze prägnante Sätze zu packen. “Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk” beschrieb perfekt das Gefühl, sehnsüchtig in Richtung der USA zu schauen und zu wissen, dass man nicht in der damals wichtigsten Stadt der Welt war sondern dem kleinen, mitunter viel zu engen Deutschland lebt. Der Hass auf provinzielles Kleinbürgertum in “Freiburg”, die Anti-Spaßgesellschafts-Hymne “Samstag ist Selbstmord” und der Weltschmerz von “Drüben auf dem Hügel möchte ich sein” trafen den Nerv all derer Jugendlicher, die bewusst nicht mit dem Strom schwimmen wollten. Wo Blumfeld vielleicht schon zu abgeklärt waren, überzeugten Tocotronic durch jugendliches Ungestüm und kamen ihrem und unserem Wunsch in Seattle zu sein so nah wie kaum ein andere deutsche Band dieser Zeit.

Selig – Hier

(Sony, 1996)

In der Hamburger Schule bekamen Selig Zutrittsverbote. Obwohl sie aus der Hansestadt kamen, wurden sie von den anderen Indie-Bands ignoriert. Ein Grund dürfte der Testeron-getränkte Sound der Band sein, und die hardrock-affine Hinwendung zu großen Melodien und Posen. Hippie-Metal nannte die Band ihren Sound. Ihr zweites Album “Hier” ist sehr rockig und großkotzig, aber auch hungrig und ambitioniert. Selig wollen keine Studenten-Band sein sondern von allen Schichten und Klassen gehört werden, und Plavkas Hang zum Pathos wird  schon hier ohne Reue ausgelebt. Wabernde Feedback-Orgien und 70er Reminiszenzen sind ohnehin England näher als der deutschen Indie-Szene-Polizei, die Selig zum Kotzen fand. Egal, denn so wichtig sind Szeneklüngeleien ohnehin nicht und “Hier” ist schlicht und ergreifend verdammt sexy.

Whirpool Productions – Dense Music

(Universal, 1996)

Hans Nieswandt muss dem geneigten Electro-Fan nicht mehr näher erklärt werden. Der legendäre Kölner DJ machte sich bereits in den 90ern daran, zusammen mit Justus Köhncke und Sänger Eric D.Clark, die Genres Clark House und Cologne Minimal Techno miteinander zu versöhnen. Mit From Disco From To Disco gelang ihnen ein dabei ein großer Schritt und die Single konnte sich europaweit in den Charts festsetzen. Auch der Rest von Dense Musik hat gute elektronische Popmusik zu bieten und zeigt das große Können von Nieswandt, dem sicherlich erst später die richtigen Großtaten gelangen, der aber auch in seiner Frühphase überzeugen kann.

Einstürzende Neubauten – Tabula Rasa

(Our Choice, 1993)

Wenn wir schon bei international respektierenten Bands sind, müssen natürlich die Neubauten genannt werden. Die Band um Blixa Bargeld fordere ihre Zuhörer, und einiges von ihrem Output ist sicherlich mehr als Experiment zu kategorisieren, denn als unter einem üblichen Songschema einzuordnen. Tabula Rasa zeigt im Gegensatz zu einigen Alben davor und auch danach weniger Stacheln und gibt auch dem Neuling die Chance nicht überfordert aus dem Neubauten-Kosmos zurück zu kommen. Das wahrscheinlich sanfteste Album der Band bleibt zwar immer noch Silence, aber auch auf dessen Vorläufer gibt es für Neubauten-Verhältnisse Songs, die sich wie “Die Interminsliebenden” einigermaßen geordnet und sogar industrial-poppig geben. Trent Reznor von den Nine Inch Nails hat sich sicherlich nicht nur einmal bei Blixa Bargeld und seinen freigeistigen Kollegen inspirieren lassen.

Atari Teenage Riot – 60 Second Wipeout

(Digital Hardcore Recordings, 1999)

Berlin, krachende Sounds, mit der Wut des Punk/Hardcore und der Energie von elektronischer Musik. Nein, wir sind nicht mehr bei den Neubauten, sondern bei dem Kollektiv Atari Teenage Riot, dessen “Sänger” und Mastermind Alec Empire sogar einmal von Trent Reznor als Genie geadelt wurde. Wo Punk-Musik in den 90er schon langsam anfing, komisch zu riechen, nahmen die Berliner dessen Spirit und schwangen sich, nicht nur zu Deutschlands führenden, Klang-Terroristen auf. Ein radikaler Sound, eine radikale Band, ein Wahnsinn von einem Album… Und angesichts der momentanen Situation wissen wir: Der Kampf geht weiter.

Die Fantasischen Vier – Lauschgift

(Four Music, 1996)

Ja, meine Güte, sie haben den blöden Nervsong “Die Da” geschrieben und die letzten Alben sind erschrecken Wetten Dass- und ZDF-Fernsehgarten-kompatibel. Doch sollte man darüber hinaus nicht vergessen, dass die Fantas in den 90ern zur Speerspitze des deutschen Hip Hop gehörten und trotz Szene-Bashing LPs auf Top-Niveau ablieferten. Lauschgift ist das Comeback-Album, nachdem es nach den Charts-Erfolgen der frühen 90er ein wenig ruhig wurde und man sich nach dem Spott und dem fehlenden Respekt der Kollegen ein wenig anderen Projekten zuwandte. Genau in dem Moment, wo sich jüngere Bands anschickten, den Erfolg der Fantastischen Vier zu wiederholen, kamen sie mit Lauschgift mit einem Album zurück, dass die Band auf dem Höhepunkt in Sachen Beats und Texte präsentiert. Was vorher pubertär war, wird durch Coolness ausgetauscht und anstatt sich auf ewig für den ungeliebten Smash-Hit zu schämen, zeigt man es den Hatern mit den Klassikern wie “Krieger” und “Sie ist weg”. 1996 waren die Fantas endgültig eins: Populär.


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