Die 90er Jahre: Die besten Sludge Metal Alben des Jahrzehnts

Während dem klasisschen Doom-Metal der 90er etwas sehr Erhabenes, Zeitloses, Universelles bis Transzendentales innewohnt, ist der Nischen-Bastard Sludge von allem metaphysischen Ballast gereinigt: Klar, Doom Metal ist in seiner Schwere, Dichte, Langsamkeit und Transzendenz nicht von dieser Welt, beinahe sakral, religiös. Was ihm aber definitiv fehlt, sind der Groove und der ordentliche Asskick. Der Sludge Metal hat beides im Überfluss zu bieten: Doom Metal kombiniert mit fetten Hardcore-Anleihen, einmal durch den Stoner-Fleischwolf gedreht und ordentlich im staubigen Wüstensand gebadet. Sludge ist der gefallene Stiefsohn des Doom Metal, der dreckige und räudige kleine Bruder, der sich einen Scheiß um Depressionen kümmert und stattdessen lieber mit satter Psychedelic-Note, viel Zynismus und Trockenheit alles niederwalzt, was irgendwie an Erhabenheit übrig ist. Nicht die subtilste Art von Musik, aber in ihrer konsequenten Genresprengung stilprägend für diverse Drone- und Avantgarde Metal Bands der 90er und 00er Jahre. Die besten Alben der Nische der Nische der Nische, die besten Werke dieses kleinen, verzogenen Doom-Abkömmlings präsentieren wir nach dem Klick.

Neurosis – Enemy of the Sun

(Alternative Tentacles, 1993)

Die Erhabenheit und psychopathische Sakralität des Doom Metal sollten Neurosis im Laufe der 90er noch für sich entdecken und damit dann auch bedingungslose, langsamkeitsfürchtige Meisterwerke produzieren. Auf ihren frühen Alben sind sie davon allerdings noch weit entfernt. Stattdessen gehen auf diesen Doom, Death und Hardcore eine ungeheuer brutale, deftige und alles niederreißende Melange ein, die gerade im Nachklang eine unfassbar eindringliche Avantgarde- und Experimental-Attitüde offenbart. Enemy of the Sun ist laut… höllisch laut. Und sadistisch, im Rausch der Niederhöllen kämpfend… eklektisch, sowieso. Und mit dieser grandiosen Mischung machen Neurosis ihre Hörer fertig, baden genüsslich im eigenen Martialismus, schlagen zu, brechen auf, reißen nieder… und lassen nichts unversucht die Welt in die Vorhölle hinabzuziehen. Das ist durch und durch extrem, waghalsig, ohne Atem- oder Verschnaufpause, geschweige denn Gnade oder Erbarmen. Aber gerade in dieser teuflischen Konsequenz genial und wegweisend. Enemy of the Sun ist ein Monolith des Extreme Metals, ein räudiger Hybrid aus Hardcore, Death, Doom und Höllenpforte, ein nicht so schnell vergessener Trip, der auch heute noch alles was sich laut nennt, in seine Schranken weist.

Electric Wizard – Electric Wizard

(Rise Above, 1995)

Electric Wizard sind die Stoner, Kiffer, Desert Rocker… ja manchmal sogar die Hippies unter den Sludge und Doom Metallern. In ihrem Sound ergeben träge schleppender Southern Rock, Hard und Heavy Groove, Blues und eine gute Brise relaxter Psychedelic eine dampfende, staubige und vor allem hypnotisierende Mischung. Das selbstbetitelte Debütalbum gehört dabei immer noch zum Besten, was sie je aufgenommen haben. Unglaublich, was für relaxte Hymnen sich aus schweren Doom Metal Hits bilden lassen; großartig, wie chillig und verplant tiefergestimmte Bässe und monolithische Gitarren klingen können! Electric Wizard brauen ihren ganz eigenen Cocktail aus bluesigen Black Sabbath Reminiszenzen, in Ton gegossenem LSD und heißem Wüstensand. Das klingt verdammt sexy, nach dem verkaterten Aufwachen nach einer Orgie in Las Vegas, nach dem zu sich Kommen nach einem guten (oder auch schlechten) Trip, nach der Erdung der Referenzen und zugleich nach deren komplett verdrogter Aufsprengung. Desert Metal, Doom Metal, Stoner Metal… whatever. Wo ist meine Shisha?

Down – NOLA

(Elektra, 1995)

Darf es auch ein ordentlicher Thrash und Blues Einfluss sein? Down bewegen sich mit ihrem schweren, heavy und zugleich trägen Sound tief in den Welten des US-Metal der 80er Jahre. Neben Metallica dürfen auch Black Sabbath, Slayer und Pantera vorbeischauen. Kein Wunder, für die Songs des für den trägen Südstaaten-Sludge wegweisenden Meisterwerks NOLA ist zum größtenteil Phil Anselmo verantwortlich, der bereits Pantera den Geist der amerikanischen Südstaaten auf den Leib schreiben durfte. Wie eine runtergepitchte Version diverser 90er Groove und Neo Thrash Metal Bands klingen Down dann auch: Groovy, staubig, trocken, whiskeyverseucht und vor allem uramerikanisch, zumindest wenn man das räudige Dasein einer stilisierten White-Trash-Existenz als Referenz heranzieht. Was die Mini-Hits auf NOLA aber definitiv alle hinkriegen, ist zu rocken, Ärsche zu Kicken und nebenbei auch noch zum verwegenen (Pogo)-Tanz aufzurufen: Doom, Heavy, Rock N Roll und Punk perfekt auf den Punkt gebracht.

Acid Bath – Paegan Terrorism Tactics

(Rotten, 1996)

So ganz zu greifen sind Acid Bath eigentlich nie und selbst im Exoten-Genre des Sludge Metal gehören sie noch zu den Exoten. Das liegt vor allem daran, dass sie sich nicht mit der für den Sludge klassischen Mischung aus Groove, Doom, Blues und Hardcore begnügen… Mit einem – mitunter ironisch zwinkernden – Augen schielen sie in die Richtung des Dark- und Black Metal, surfen knapp am Gothic Metal vorbei und lassen nichts unversucht ihre dadurch kreierte morbide, pathetische Atmosphäre mit sarkastischen Punk-Interludes aufzubrechen. Klingt ein bisschen so, als würden die Melvins die Pixies schlachten, weil es ihnen von Cannibal Corpse befohlen wurde, während die frühen Paradise Lost auf den Zuschauerrängen Beifall klatschen… Ähmmm, ja… Das war jetzt zu viel Namedropping für eine Band, die musikalisch echt mal schwer einzuordnen ist. Was soll man auch machen, wenn der Punk-Faktor plötzlich in Düster-Pathos (inkl. Choräle) überführt wird, wenn die Apokalypse dann plötzlich wieder durch clowneske Free Metal Attacken aufgebrochen wird, wenn Geschwindigkeit und Chaos in das Geschehen hereinbrechen und das wüste Treiben plötzlich doch eine tiefe, dunkle Struktur offenbart? Immer noch ratlos? Hier kann eigentlich nur “selbst anhören” empfohlen werden, denn Dank der Experimentierfreude, Unberechenbarkeit und dem wüsten Genre-Kreuzüber klingen Acid Bath wirklich einzigartig… und sind dabei noch ein musikalisches Vergnügen auf höchstem Niveau.

Eyehatehgod – In the Name of Suffering

(Century Media, 1992)

Eyehategod… und der Bandname darf in diesem Fall durchaus wörtlich genommen werden. Unglaublich perfide, dunkle Hassklumpen, die Zorn gegen die Welt egal ob dies- oder jenseitig kolportieren, die mit wachem Auge alles verdammen, was ihnen in den Weg kommt. In the Name of Suffering… und auch der Albenname sollte in diesem Fall wörtlich genommen werden. Beinahe schmerzhaft ist der langsame, aggressive Trip in die Finsternis: Begleitet von schweren dumpfen Gitarren, befohlen von außerirdische Shouts zwischen Death Metal und Hardcore gleitet der Hörer hinab in die eigenen und fremden Abgründe, wird zerrissen, zermartert, gebrochen und erhält im musikalischen Alptraum eine transzendentale Wiedererweckung. Als hätten die Pioniere des NY Hardcore plötzlich die Langsamkeit für sich entdeckt, jeden Prollfaktor, jede Coolness aus ihrem Sound herausdestiliert, um zum gnadenlosen, brutalen Kern vorzudringen. In the Name of Suffering ist eine schmerzhafte direkte Konfrontation mit Wut, Hass, Angst, Lethargie und Aufbegehren… gegossen in bleiernes Metall, das in gleichem Maßen zerdrückt wie befreit, die Luft zum Atmen nimmt und in libertären Rausch Erlösung findet. Befreie die Dunkelheit in dir!

Melvins – Stag

(Atlantic, 1996)

Die Melvins haben immer ihr eigenes – nie so richtig zu kategorisierendes – Ding gemacht, zahllose Bands der 90er Jahre beeinflusst und wahrscheinlich auch noch so im Vorbeigehen den Sludge Metal erfunden. Am sludgigsten, trägsten und in voller Schwere genialsten klingen sie dabei auf ihrem 96er Sludge Metal Streich Stag, der wild umherwuselnd zwischen Doom, Experimental, Avantgarde, und Extreme einen eigenen Zugang zu aggressiven, grenzwertigen und zäh fließenden Sounds findet. Die Melvins sind halt doch die Melvins sind die Melvins und so weiter. Habe ich schon bei der Grunge-Retrospektive konstatiert und kann ich an dieser Stelle auch nur wieder bestätigen. Und doch ist Stag für alle, die auf trägen, schweren und hammerharten Metal stehen, genau das Richtige, um in den Sumpf der außergewöhnlichen Band einzutauchen. Ob man wieder hochkommt, ob man das dann überhaupt noch kann, überhaupt noch will… das sei jedem selbst überlassen. Stag ist ein hypnotisches, räudiges, brutales und unheimlich befreiendes Erlebnis: Erquickung für Körper und Geist der extremen Art, und ein astreines avantgardistisches Metal/Rock-Meisterwerk.

Iron Monkey – Our Problem

(Earache, 1997)

Die vom HC/Doom-Mashup der Marke Eyehategod entscheidend geprägten Slow-Punker von Iron Monkey haben ihre ganz eigene tragische Geschichte hinter sich. Nach diversen Umbesetzungen und gerade mal drei Studioalben trennte sich die 1994 gegründete Band bereits 1999 wieder und hat seitdem nicht mehr zusammen gefunden. Tragisch insbesondere deswegen, weil die Musik auf Our Problem locker ausreicht, um zu erahnen, welche Meisterwerke uns bei einer stabilen Bandbesetzung noch hätten beglücken können. Das 1997er Album ist ein wüster und wütender Bastard aus Doom, Stoner und Crust Punk, der in seinen ganz eigenen derb nach vorne peitschenden Sounds verloren geht. Über zehn Minuten kämpft sich das chaotische Geschrammel, Gekeife und Geshoute in mal trägen mal schnellen Metall-Landscapes nach vorne. Fast schon meditativ ist die ausufernde Länge dieser dreckigen, rohen und zugleich epischen Sludge-Hits, die Iron Monkey auf die Menschheit loslassen. Das ist alles andere als leicht bekömmlich, aber gerade in seiner wilden Konsequenz eine großartige Metal-Offenbarung.

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