Pokerboom, Pokerpoesie und Pius Heinz, der als erster Deutscher die WSOP gewonnen hat

Wir dürfen uns jetzt alle ganz vorsichtig auf den zweiten großen Pokerboom in Deutschland einstellen… Mittwoch Morgen um ca. 9 Uhr 30 hat der in Deutschland geborene, in Österreich lebende 22jährige Pius Heinz die World Series of Poker 2011 in Las Vegas für sich entscheiden können. Neben dem – in der Pokerwelt – begehrten, ursthässlichen Bracelet darf er zusätzlich einen satten Gewinn von über 8 Millionen Dollar mit nach Hause nehmen. Als wäre das nicht schon Ruhm genug, wurde er noch nebenbei Mitglied des Pokerstars-Team, was so viel bedeutet, dass ihm – im Gegenzug zur Bereitstellung von Werbung auf seiner Kleidung – die Antrittsgebühren für kommende Poker-Turniere (zwischen 1000 und 10.000 Dollar) spendiert werden. Es sei dem jungen Pokerchampion gegönnt: Mit halbem Ohr und halbem Auge habe ich Sonntag Abend und heute morgen beim Frühstück den Livestream der entscheidenden Hände verfolgt, und soweit ich mitgekriegt habe, hat Pius ausgezeichnet gespielt, aggressiv gesetzt und die anderen Mitspieler größtenteils dominiert. Aber unabhängig von diesem Live Changing Win für den jungen Profispieler dürfte das Ergebnis auch eine Menge für die deutsche Pokerlandschaft zu bedeuten haben…

…Ein zweiter großer Boom des Glücksspiel/Strategiespiel-Bastards steht bevor. Jepp, ein zweiter Boom, der dem ersten aber doch um Längen überlegen sein dürfte. Ausgelöst wurde dieser damals im Zuge des internationalen Pokerbooms, nachdem der amerikanische Poker-Amateur Chris Moneymaker 2003 die WSOP für sich entscheiden konnte und aus einer Einzahlung von 39 Dollar (den Qualifikationsturnieren online sei Dank) über zwei Millionen Dollar machte. Was danach in der Pokerwelt passierte, ist mittlerweile legendär: Aus den 839 Teilnehmern des Main Events 2003 wurden im darauffolgenden Jahr 2567 Glücksritter, diese Zahl verdoppelte sich 2005 noch einmal auf über 5000 Entries, und die Teilnehmerzahl erreichte 2007 schließlich ihren Höhepunkt mit über 8000 Spielern… Das war dann auch das Jahr, in dem der große Pokerboom der 00er Jahre wieder abzuebben begann. Davor war in den Pokerfloors, in den Online-Casinos und den Medien die Hölle los. Dank des erheblichen Glücksfaktors des Spiels war jeder einzelne Spieler scheinbar ein potentieller Pokermillionär, Dank der erforderlichen Skills in Mathematik, Stochastik, Psychologie und Fitness gelang es nur den wenigsten, tatsächlich von der Pokerwelle zu profitieren. Stattdessen freuten sich die Profis und leidenschaftlichen Spieler über viele neue kleine Fische, die sie genüsslich ausnehmen konnten.

Mit einer Verspätung von 1-2 Jahren gelang der Pokerboom auch nach Deutschland: Eine Zeit lang waren die WSOP-Übertragungen im DSF der heißeste Scheiß im vor sich hindarbenden Sportfernsehen. Zusätzlich meldeten sich zahllose Spieler bei den großen Online-Plattformen wie Full Tilt Poker, Party Poker oder Pokerstars an, um ihr Geld entweder zu verdonken oder zu Lasten der Donks zu vervielfachen. Ich habe damals praktisch beides gemacht. Aus einem von einem kleinen Pokeranbieter geschenkten Startvermögen von 25 Dollar wurden irgendwann 100 Dollar. Diese wechselten dann zu Pokerstars, wo ich irgendwann durch beharrliches Spielen der kleinen Turniere auf 300$ emporgeklettert war. Ohne Disziplin, Ehrgeiz und das nötige Quentchen Glück kann es im Poker – gerade online – aber auch sehr schnell wieder bergab gehen, und so gelang es mir innerhalb kürzester Zeit das Geld in idiotischen Moves achtlos zu versemmeln… Zumindest das Kapitel Online-Poker war damit für mich abgeschlossen. Ins Casino oder zum Homegame mit den Kumpels gehe ich heute aber immer noch hin und wieder gerne. Wenn schon Pokern, dann live und in der richtigen Atmosphäre!

Anyway, das hier ist ein Kulturblog und kein Pokerforum: Ich werde an dieser Stelle also keine albernen Mimimi-Bad-Beat-Stories erzählen, nicht darauf rumreiten, wie viel Glück und wie viel Können für erfolgreiches Pokerspiel nötig sind (nur so viel: Die, die von Poker keine Ahnung haben, gehen von einem viel zu hohen Glücksfaktor aus; die, die viel und gekonnt Poker spielen, von einem viel zu hohen Skill-Faktor) und ich werde an dieser Stelle auch nicht zu irgendwelchen Glücksspielseiten verlinken. No way, an dieser Stelle soll es um die Kultur des Games gehen. Denn Poker macht nicht nur Spaß, wenn man selbst spielt, sondern kann auch für die Zuschauer eine ganz eigene Schönheit und Poesie entfalten (so wie so ziemlich jeder Sport außer Curling*). Man könnte ja meinen, ein paar Leuten zuzuschauen, wie sie ihre Karten spielen, wäre langweilig… ist es mitunter auch… muss es aber keineswegs sein.

In dieser Hand gibt es nicht weniger als die pure Schönheit des Bluffs zu sehen… und das gleich mehrmals. Bluff over Bluff over Bluff over… He knows, that he knows, that he knows… Phil Ivey und Paul Jackson liefern sich einen Kampf mit nichts, wissen wahrscheinlich jeweils, dass der andere ebenso nichts hat und steigern sich in einen wahnwitzigen Bluff-Rausch.

Nicht nur ein gelungener Bluff, sondern auch eine enttarnte Lüge kann ihre ganz eigene Poesie entfalten. In der folgenden Hand lässt sich Mike Sexton von Mike Matusow nicht hinters Licht führen und macht bei einem mehr als gefährlichen Board einen absolut mutigen Call, einen Hero-Call mit der unterdurchschnittlichen Hand 33. Nicht nur die Hand selbst sondern auch die Reaktion des dritten Mitspielers Daniel Negreanu machen diesen Ausschnitt zu einer der schönsten Szenen des TV-Pokers überhaupt.

Daniel Negreanu gehört ohnehin zu den unterhaltsamsten Typen der Pokerlandschaft. Das liegt nicht nur an seiner Gesprächigkeit am Tisch, sondern vor allem auch an den teilweise echt sicken, ziemlich perfekten Reads, die er auf seine Kontrahenten hat, wenn er ziemlich exakt weiß, welche Karten sie gerade in der Hand halten.

Nicht nur “sinnvolle” Talks wie der Versuch den Gegner durch Lesen von dessen Hand zu verunsichern, sorgen am Pokertisch für Unterhaltung… Gerade die Geschwätzigen, mal Aggressiven, mal Beleidigenden oder weinerlichen Spieler sind immer gerne gesehene Gäste an jedem TV-Table, bringen sie doch die notwendige Würze in das Spiel. Einer der extremsten Table Talker ist Mike Matusow, der nicht zu Unrecht den Nickname “The Mouth” trägt und auch gerne mal über die Stränge schlägt:

Ebenfalls immer gut für Table Talk zwischen Selbstüberschätzung und Mimimi nach der Niederlage gegen einen Amateur, ist der WSOP-Rekordsieger Phil Hellmuth, hier mit einem seiner berühmtesten Oneliner: “I can dodge Bullets, Baby!”

Immer wieder unterhaltsam sind auch zahllose Bad Beats und Suckouts, wenn der Spieler mit der besten Hand, Dank der Varianz des Spiels dennoch verliert. Einer der fiesesten dieser Art stammt von Jean-Robert Bellande, der während der WSOP während eines Suck Outs eine beeindruckende Performance an Tragödie und selbsterfüllender Prophezeiung aufs Parkett legte.

Und zu guter Letzt sind natürlich einfach die Dynamik, das Spiel, die Spannung bei zahllosen Turnieren ausschlaggebend für den Reiz, der auch beim bloßen Zuschauen entstehen kann. Pokervideos satt, mit allen möglichen Turnieren von damals bis heute, von den USA bis Europa, gibt es übrigens bei Pokertube (und in diversen YouTube-Playlists) zu sehen. Gerade die englischsprachigen WSOP-Episoden sind es Dank der unglaublich lustigen und interessanten Kommentare von Norman Chad wert, einmal genauer unter die Lupe genommen zu werden… und in diesen lassen sich auch oft genug astreine (sportliche) Unterhaltung, spannende Situationen und hin und wieder sogar ein bisschen Poesie finden.

*Hiermit entschuldige ich mich offiziell bei allen Curling-Fans. Es gibt bestimmt Langweiligeres als Besenkräften zuzuschauen, wie sie die Eisbahn für die Eishockeyspieler säubern…

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