Die 90er Jahre: Die besten deutschen Alben des Jahrzehnts I

Deutsche Musik, das waren für mich als Kind Grönemeyer, Westerhagen und die Toten Hosen. Alles Künstler, die ich weniger großartig fand, und überhaupt habe ich englischsprachige Musik bevorzugt, obwohl ich nicht mal die Sprache konnte. Wäre ich damals älter gewesen, wären mir wohl beim ersten Blumfeld Album die Tränen das Gesicht runter gelaufen. Kein aufgesetztes Malocher-Gegröle, sondern feinsinnige Texte, die aber trotzdem den Spirit des Punk atmen und sich mit Krautrock-Anleihen auf die innovativste musikalische Ära berufen, die dieses Land je gehabt hat. Auch wenn das Epizentrum damals in Hamburg lag, entwickelte sich auch abseits der Großstädte eine neue Indie-Kultur. Koblenz, Würzburg und Bentheim klingen vielleicht nicht nach der großen weiten Welt, die Musik von Blackmail, Miles und Jonas hingegen schon.

Blumfeld – Ich Maschine

(Indigo, 1992)

Onkel Jochen Diestelmeyer kennt man mittlerweile eher durch gefälligen Indie-Pop, der sich nur noch selten Ausbrüche wie “Wohin mit all dem Hass?” gönnt. Schade, dieser Song hätte sich auf dem wegweisenden Ich Maschine ebenfalls gut gemacht. Die Mischung aus Punk, Krautrock, Pop und Noise war so gut, dass bei dem Nachfolger sogar der NME aus England auf die Band aufmerksam wurde und ihr Album in seine Jahres-Bestenliste mit aufnahm. Die traurige Grundstimmung von Ich Maschine und die teilweise geniale Prosa waren der damals dringend benötigte Gegenpol zu Grönemeyers Stechschritt-Gegröle und Westerhagens Arroganz. Hier gibt es kein Männer-Gestampfe, sondern eine Poesie, die die Songs eher wie vertonte Gedichte wirken lässt, dabei aber auch ein Höchstmaß an Emotionalität erreicht, die seitdem nur noch Tocotronic gelungen ist. Für mich, trotz der nächsten Großtat “L’Etat et Moi” das beste deutschsprachige Album der 90er Jahre, das selbst noch 20 Jahre später für sich alleine steht, auf einem Status von dem Diestelmeyer leider mittlerweile selber weit entfernt ist.

Die Sterne – Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interessanten

(L’age d’or, 1997)

Wem Tocotronic und Blumfeld zu düster und roh waren (kaum zu glauben, dass man sowas über diese Bands mal gesagt hat), für den waren Die Sterne immer eine wilkommene Abwechslung. Auch wenn die Texte sozialkritisch und punk-infinziert waren, waren die Sterne immer die Indie-Band, zu deren Klänge man auch hemmungslos tanzen konnte. Den Einfluss von Krautrock, der ja immer schon leicht durchschimmerte, ist auf dem Album “Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interessanten” am deutlichsten vertreten. Mitunter 6 Minuten lang wird mit Elektronik, Rhythmen und psychedelischen Klängen experimentiert und damit der Sound von Can und Neu! in die 90er Jahre geholt. Die Vorliebe für Pop überwiegt aber, und so kann man zu “Ganz normaler Tag” in Ruhe einen Kaffen trinken, während das Licht durch die verschmierten Fenster dringt und der Toco-Fan nebenan noch gar nicht wach ist.

Jonas – September Sex Relationship

(L’Age d’Or, 1998)

Wir waren hier nicht In Seattle, aber trotzdem kam aus Bentheim eine großartige Post-Grunge Band, die sich ausnahmsweise nicht an dem Stadionrock von Pearl Jam sondern stark an den punkigen “Bleach” Zeiten von Nirvana orientierte. Songitel wie “Suicide Sunday” sagen eigentlich alles aus, und genauso trostlos und gleichzeitig wütend klingen dann auch die Alben dieser Band, deren Mitglieder später in Union Youth spielten und denen auch dort trotz begeisterter Kritiken nie der Durchbruch gelang. Eine Schande!

Miles -The Day I Vanished

(V2 Records, 1998)

Tobias Kuhn ist ja mittlerweile als Produzent für Thees Uhlmann und sein Projekt Monta bekannt, aber schon in den 90ern galt er zusammen mit seiner Band Miles als große Indie-Rock-Hoffnung aus Würzburg. Schöne Pop-Melodien, die wahrscheinlich auch heute, wo Tomte und Konsorten Charts-Themen sind, beachtliche Erfolge gefeiert hätten. Damals galten sie als zu brav und zu bieder, der Mix aus Indie, Beatles und Beach Boys, zu gutgelaunt für den realen Underground. Und nachdem Pretty Day für eine Rama-Werbung verramscht wurde, war es dann auch mit der Kredibilität vorbei.  Schade um eine sehr unterschätze Band, die mit Hits wie Pretty Day und My Friend Boo tolle Songs zu bieten hat.

Blackmail – Science Fiction

(Blu Noise, 1999)

Aydo Abay und seine Mannen muss man ja nicht lange vorstellen, schließlich sind Blackmail und die vielen Seitenprojekte der Bandmitglieder mittlerweile eine deutsche Indie-Instution. Auch wenn Biss Please das beste Album der Jungs bleibt, sollte man auf keinen Fall das zweite Album Sciene Fiction außer acht lassen. Das Album war 1999 ein Meisterwerk und bietet auch heute noch zeitlosen und großartigen Indie-Rock. Unfassbar, wie Blackmail schon so früh so gut den Weg zwischen Schrammel-Rock und Pop hinbekommen hat. Unfassbar überhaupt, wie genial deutsche Bands sein konnten, ohne dass es irgendjemand bemerkte. Blackmail spielen mittlerweile ohne Aydo und sind eine feste Größe im deutschen Indie-Bereich, der große Durchbruch richtig weit hinein in den Mainstream gelang ihnen indes leider nie.

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