Die 90er Jahre: Die besten Doom Metal Alben des Jahrzehnts

Okay… ich weiß, es wirkt langsam ein wenig exzentrisch, hier jedem noch so kleinen Metal-Subgenre einen eigenen Artikel zu widmen. But, hell, it’s Doom. And Doom is pretty amazing. Schwere, langsame, schleppende Hymnen… ja, eine gewisse Verwandtschaft zu Gothic, Death- und Black Metal besitzt dieses Genre schon, aber gerade in seiner 90er Jahre Ausprägung ist es nicht nur einzigartig sondern auch wegweisend Richtung Avantgarde und Extreme Metal der 00er Jahre. Bands wie Isis, Cult of Luna, Sunn O))), praktisch der gesamte langsame Avantagarde Metal und Drone unserer Zeit ist beeinflusst von diesen frühen Pionieren: Winter und Goatlord, die noch tief im Black Metal verankert sind, Neurosis, die mit dem Hardcore den langsamen Tod überwinden wollen, Candlemass, die den 70ern ihr Tribut zollen, Skepticism und Thergothon, die ihr verzögertes Sterben dem Ambient und Postrock weihen, Solitude Aeturnus, die gar Richtung Pop schielen… sie alle kreieren – verbunden in der Langsamkeit – originäre Alben, düstere, lange und avantgardistische Epen, die mitunter heute sogar frischer und zeitgemäßer wirken als zu ihrer Entstehungszeit. Doom Metal, das beweisen die hier zu Wort kommenden Werke, ist alles andere als tot. Er lebt stirbt weiter. Und weiß auch heute noch zu erschaudern…

Winter – into darkness

(Nuclear Blast, 1990)

Winter sind die verloren gegangenen, viel zu oft vergessenen großen Pioniere des 90er Jahre Doom Metal. Ganz knapp schrammeln sie mit ihren tiefen Soundwänden und gutturalen Lauten aus der Gruft am Death Metal vorbei, um mit schweratmigen, monotonen und laaaangsamen Riff- und Bassorgien die Welt zur Ohnmacht und zur schleichenden Apokalypse zu zwingen. Into Darkness tut weh in seiner schmerzhaft konsequenten Langsamkeit, in seinem Ertrinken zwischen Hadesmeeren und zähflüssiger Resignation. Der Sound dieses Albums ist so etwas wie der kleine bastardische Bruder der Depression, der im Keller eingeschlossen und mit rohen Fischköpfen gefüttert wurde, um jetzt ganz langsam emporzuklettern und sich mit unfassbarer, suizidaler Schwere an allen Hörern zu rächen. Das ist keine Musik für jedermann, keine Musik für jede Gelegnheit, keine Musik für Sensibelchen (egal ob emotional oder physisch)… aber mein Gott! Hölle, ist das gut, wenn es dich langsam in seinen abgründigen Schlund zieht.

Goatlord – Reflections of the Solstice

(Turbo Music, 1991)

Die Grenzen zum Death und Black Metal werden von Goatlord, die mit nur zwei veröffentlichten Studioalben zu den großen Unbekannten des 90er Doom Metal gehören, in mehrer Hinsicht gestreift. Ihr Debüt Reflections of the Solstice ist ein roher Klumpen pechschwarzer Masse, die schwer und unerbittlich über den Hörer hereinzieht: Schmerzhaft verzerrte gutturale Vocals, dumpfe Gitarren, zentnerschwere Basswände… Goatlord sind noch tief im klassischen Death Metal der Marke Celtic Frost verwurzelt und wagen doch immer wieder den schwermütigen, langsamen Ausbruch in magmatische Doom-Gefilde. Das klingt dann sowohl martialisch als auch phlegmatisch, höllisch langsam und zugleich dunkel enervierend: Ein faszinierendes, alles andere als leicht bekömmliches Proto-Meisterwerk des Doom Metal der 90er Jahre Prägung

Neurosis – Times of Grace

(Relapse, 1999)

Im Doom Metal Bereich und auch weit darüber hinaus gebührt den irren Kaliforniern Neurosis seit jeher eine Sonderstellung. Eigentlich aus dem Hardcore-Bereich stammend, war es schon auf den ersten Alben der frühen 90er Jahre das Ziel der Band, Genregrenzen sukzessive aufzusprengen, um einen eigenen originären Sound zu finden. Kein Wunder also, dass die Reise durch gleich ein ganzes Dutzend Stilvarianten und Subgenres führt: Death Metal, Postcore, Ambient, Avantgarde und Progressive und schließlich über den Doom und Sludge Metal zu einer ganz eigenen Form von atmosphärischem Drone. Schon schwindelig? So soll es sein; denn trotz klassischer, doomiger Behäbigkeit gelingt es Neurosis, eine ebenso hypnotische wie fragmentiert zerfetzende Dynamik zu entwickeln. Times of Grace, das dabei so etwas wie eine doomige Zwischenstation darstellt, ist unglaublich dissoziativ, fokusspringend, fern von jeglichen gängigen Klischees und Dogmatismen. Schon so etwas wie eine Antizipation späterer Avantgarde Metal Meisterwerke wie A sun that never sets (2001), aber auch für sich selbst stehend ein atemberaubender Trip, der seine Zuhörer fordert, bewegt und letzten Endes mit brutaler Experimentierfreude aufsaugt. Hardcore, Experimental und Extreme Metal-Wut treffen auf Psychedelic, Sludge und Doom-Trägheit. Gewaltig!

Candlemass – From the 13th sun

(Music for Nations, 1999)

Um gleich mal klar zu stellen wo der Doom herkommt… die frühen Black Sabbath – und niemand sonst – sind die eigentlichen Gründer des slow heavy Sounds… und wer könnte ihnen besser ein Denkmal setzen als die großen Wegbereiter des 90’s Doom, Candlemass? Auf ihrem siebten Studioalbum zelebrieren die Schweden ganz offen ihre Zuneigung zu den frühen Proto-Doomern, widmen der Band gleich das ganze Album und betreiben munter Exegese der 70er Jahre. From the 13th sun ist ein dreister, nur ganz vorsichtig modernisierter 1:1-Bastard des klassischen Black Sabbath Sounds: Schwer, räudig, inspiriert von Heavy, Punk und Blues… und mit diesen Zutaten einen ganz eigenen düsteren, postapokalyptischen Sound kreierend. Und ja: Wenn man lange genug zuhört erkennt man mehr als genug Genuität von Candlemass, versteckt hinter den großzügigen Black-Reminiszenzen und Sabbath-Fassaden. From the 13th sun ist ein faszinierender Trip in die Vergangenheit und Ursprünge des Doom Metal und legt zugleich Zeugnis darüber ab, warum dieses Genre ebenso aktuell wie zeitlos sein kann.

Skepticism – Stormcrowfleet

(Red Stream Inc., 1995)

Es gibt tatsächlich ein Genre, das gemeinhin als Funeral Doom Metal bezeichnet wird. Während man sich noch fragt, ob es denn wirklich eine Nische der Nische der Nische braucht, packt einen auch schon der sakral schwere, sich pathetisch nach vorne schleppende Sound von Stormcrowfleet und man wagt es nicht mehr, weiterhin skeptisch zu sein. Skepticism spielen eine düstere, dem symphonischen Gothic Metal nahe stehende Version von Postrock und Doom Metal, die einmal durch die epische Ambient-Hölle gejagt wird. Menschlich ist wenig an diesem zähen, düsteren Infernal der Langsamkeit, das tatsächlich direkt aus der Gruft und den dahinter verborgenen Zwischenwelten zu fließen scheint. Stormcrowfleet ist eine gerade durch ihren Düsterpathos ziemlich eingängige, beinahe transzendentale Post Doom Apokalypse, die weniger die brutale, physische als viel mehr die transzendentale, metaphysische Seite des Todes betont. Vielleicht auch so etwas wie die Doom Version des Melodic Death Metal, durchaus auch für Doom-unerfahrene Hörer geeignet, und dennoch in jeder Note kompromisslos, bösartig zäh und befreiend bewegungslos. Eine hemmungslos sakrale Exegese der Lethargie und des Todes.

Solitude Aeturnus – Beyond the Crimson Horizon

(Roadrunner, 1992)

Hmmm… die sind irgendwie so ein bisschen in Vergessenheit geraten. Warum eigentlich? Mit ihrer tiefen Verwurzelung im epischen, langsam gespielten Thrash-Metal der 80er Jahre gehören Solitude Aeturnus nicht nur zu den traditionellsten und dem klassischen Metal am nächsten verwandten Bands des Genres, sondern sind darüber hinaus auch durchaus chartkompatibel. Einige Songs lassen an die Slow-Epen früherer Metallica-Alben denken, während andere durch den Wechsel von schleppender Monotonie und monumentalem, auch mal schneller werdendem Pathos gar tief in die Emo-Trickkiste greifen… Und dann ist das natürlich auch noch diese unglaublich charismatische, androgyne und ambivalente Stimme von Sänger Robert Lowe, der die himmelhochjauchzenden Solochoräle ebenso beherrscht wie das tiefe Growlen und Flehen nach der Apokalypse. Beyond the crimson horizon ist ein wunderschöner Hybrid aus eingängigen Arien und dunklen Doom Metal-Attacken, so etwas wie ein Gottesdienst für die Westentasche, eine fantastische Reise in die verschlungenen Pfade der Langsamkeit und ein erstklassiger Doom Metal Pop Bastard.

Thergothon – Stream from the Heavens

(Avantgarde Music, 1992)

Das letzte langsame Dahinsiechen gebührt den Finnen von Thergothon… und das fällt in diesem Fall äußerst sphärisch und zugleich metallen aus. Durch klassische Heavyriffs geleitet, die einmal durch den Hochgeschwindigkeits-Entlangsamer jejagt werden, von spröden, sporadisch eingesetzten Chorälen und tiefen Growls begleitet, spielt die Band auf ihrem einzigen Studioalbum einen amtlichen Bastard, der sich aus trocken langsamem, ätherischen Death und düsterem Doom-Pessimismus zusammensetzt. Damit greifen sie ganz sachte, dafür aber umso intensiver direkt an die Kehle des Hörers… und drücken erbarmungslos zu. Das sakrale, dem Funeral Doom verwandte Langsamkeitsmanifest der Skandinavier ist ein bitterer, schmerzhafter, trotz pathetischen Interludes herrlich emotionsloser Alptraum, der zwischen Musik und atmosphärischer Anti-Musik oszilliert. Metaphysische Selbstgefangennahme, schwelende Vorahnungen und rabenschwarze Nächte sind die Begleiter in den ätherischen Kreis der Thergothon’schen Finsternis… ein atemberaubendes Erlebnis.

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