Konzertbericht: Bon Iver, E-Werk, Köln und ein Koffer

Junge, Junge ich sag dir, diese Trips nach Köln sind ja schon so ein Abenteuer für sich. Wenn man mit einem schwer bepackten Koffer (liebevoll von Mutti zusammengestellt) in Köln-Mühlheim ankommt und keine Möglichkeit gefunden hat, diesen irgendwo abzuschließen, hat man eine bereits leise Vorahnung, dass dieser Abend interessant werden könnte. Die Tanke gegenüber der Haltestelle Keupstraße hat auch schon um 23 Uhr zu, so dass mir nix anderes übrig bleibt, als den Koffer irgendwo in eine dunkes lauschiges Plätzchen hinter 2 Gebrauchtwagen zu stellen. Wer Mülheim kennt, weiß, dass sowas leicht daneben gehen kann, aber das Konzert von Bon Iver ist wichtiger als ein paar Socken und 2 Hosen.

Schon kurz vor dem Konzert habe ich noch auf Facebook rumgealbert, wie das heutige Publikum aussehen könnte. Wird es etwa die zu befürchtende Schwemme an Nerdbrillen, Jutebeuteln und bärtigen Jünglingen, die sich ihr iPhone lässig in das Karohemd stecken? Die Antwort fällt anders und überraschend aus: Der Großteil der anwesenden Konzertbesucher ist eher dem Typ Normalo zuzuordnen und eher wenig dem Indie-Dresscode zugetan. Dass Bon Iver kein szeniges Publikum mehr haben, ist natürlich auch ein Verdienst des neuen selbst betitelten Albums, das sich im Gegensatz zu dem introvertierten Vorgänger dem Pop öffnet und mit gut produzierten Songs in Amerika in den Mainstream vorgedrungen ist.  Dass das E-Werk voll, und ich meine damit wirklich VOLL ist, ist also kein Über-Nacht Erfolgsmärchen sondern Bon Ivers Willen geschuldet, nicht auf ewig vor einer überschaubaren Indie-Klientel zu spielen. Er spielt für uns:  den Musiknerd, das Bio-Mädchen, den Occupy-Demonstranten und den Dude von der jungen Union. Wir alle sind eingeladen und alle sind gekommen.

Bevor die Party steigt, kann oder muss man sich allerdings noch Kathleen Edwards anhören, die wie eine Mischung aus dem Hauptact und Aimee Mann und vor allem immer gleich klingt. Eine schwer sympathische junge Frau, mit der man gerne mal einen Kaffe trinken würde, aber natürlich nur Fair Trade und nicht bei Arschloch-Unternehmen wie Starbucks, obwohl Bon Iver ja neuerdings, wie Sonic Youth, auch dort ihre CD`s verkaufen. Nachdem Frau Turner ihre Kampagne  eingepackt hat und von wohlwollenden Klatschen verabschiedet wird, muss ich erst einmal eine dieser merkwürdig langen Umbauphasen über mich ergehen lassen. In den gefühlt 2 H keinen Roadie oder Techniker auf der Bühne zu sehen, lässt die Sache noch überflüssiger erscheinen, als sie eh schon ist. Hätte man nicht schon um seinen Stehplatz auf der Tribüne gekämpft, wäre nun der richtige Zeitpunkt ein leckeres kühles Bier oder in der Not auch ein Kölsch zu holen.

Genau in dem Moment, wo mir der Gedanke immer sympathischer wird, gehen über mir die Lichter aus, der Meister betritt die Bühne und der Stakkato Rhythmus von “Perth” donnert durch die Halle. DAS klingt, toll, das klingt rund, das ist…vorhersehbar… und als Justin Vernon auch noch 1:1 wie auf dem Album singt, kommen schon die erste Zweifel, ob Bon Iver nicht doch sowas wie die neuen Coldplay werden könnten, und man sieht schon riesige Luftballons und Konfettiregen vor seinem geistigen Auge. Das schunkelnde Päärchen vor mir und das Mädel neben mir, in weißem Rock und Stiefeln wippen fröhlich mit und in meinen Kopf formen sich schon Wörter wie “routiniert” und “überraschungsarm”.  Doch als ob die Band sich nur einen Spaß erlauben wollte, geht es mit überaschend vielen Songs von For Emma,Forever Ago weiter, die sich immer wieder Ausflüge in den Avantgard Jazz und Prog erlauben. Hier ist er also, der Künstler und nicht der neue Konsens-Liebling. Das gefällt nicht jedem und unterbricht folgerichtig die Schunkel-Veranstaltung vor mir abrupt. Die Intensität, mit der Justin Vernon seine Songs vorträgt, zieht allerdings auch die beiden vermeintlichen Schlagerfans in den Bann, und aus Schunkeln wird plötzlich andächtiges Zuschauen. Bei “Flume” vernehme ich ein leises Schluchzen neben mir und peinlich berühtes Husten des 2 Meter Mannes, der sich ein wenig wegen seiner Gefühle schämt.

Höhepunkt des Abend ist allerdings, als die perfekte eingespielt Band die Bühne verlässt und nur Justin zurücklässt, der ganz allein Re:Stacks singt. Hier erkennt man, dass er auch ohne aufwendige Light Show und nur mit seiner Gitarre in der Hand das Publikum für sich gewinnen kann. Ein erhabener Moment, der sicherlich in den Top 5 der schönsten Konzerterlebnisse 2011 landen wird.  Den Rest besorgen die wie schon erwähnten Jazz-Ausflüge, die in minutenlangen  Sax-Soli enden und zeigen, dass Bon Iver eigentlich doch eher Künstler als Performer ist und das auch den neuen Fans -von den einige wohl nur wegen des New Moon Soundtrack oder der Collabo mit Kanye West hinzugekommen sind –  beweisen möchte.

Den Zugabenteil verpasse ich leider zur Hälfte, weil die Sorge um einen Koffer mich früher aus der Halle treibt, als ich das gerne gehabt hätte. Hinter mir wird der Jubel immer leiser und ich begebe mich schnell zu den Gebrauchtwagen, wo dankenswerter und trotz vorherhiger Warnungen des Tankstellen-Besitzers (“Nen Koffer, HIER in der Gegend abzustellen?? Viel Spaß…”) der Koffer immer noch auf mich wartet und ich sogar noch rechtzeitig die S-Bahn nach Köln Messe/Deutz bekomme. Plötzlich stehe ich mitten in der Nacht alleine dort, die Bahn kommt nicht und ich stelle fest, dass meine persönlicher Zugabe weitaus weniger schön ausfällt als die der bestimmt immer noch jubelnden und verzauberten Menschen ca . 18 Minuten entfernt von mir.

Setlist:

Perth
Minnesota, WI
Towers
Michicant
Flume
Creature Fear
Hinnon TX
Wash
Holocene
Blood
Re: Stacks
Calgary
Lisbon, Oh
Beth / Rest
The Wolves (Act I and II)
————
For Emma
Skinny Love

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