Masel Tov! – Zehn Jahre Jüdisches Museum Berlin

Diese Woche feiert das 2001 eröffnete Jüdische Museum Berlin sein zehnjähriges Bestehen. Und es gehört seit seinem Entwurf von Daniel Libeskind 1989 nicht nur zu den beeindruckendsten Museen sondern ebenso den faszinierendsten Bauwerken Berlins überhaupt. Ich kann gar nicht genau sagen, wie oft ich mittlerweile in dem Hybriden aus klasischem, barocken Altbau und postmodernem architektonischen Spiel zu Besuch war, kann aber mit Sicherheit sagen, dass sowohl Ausstellungsinhalt als auch Gebäude mich jedes mal aufs Neue faszinieren. Im Grund genommen ist es sogar so, dass sobald jemand den ich kenne nach Berlin kommt und ein gutes Museum besuchen will, ich ihn oder sie erst einmal in das Jüdische Museum schleppe… auch einfach weil das immer ein guter Grund ist, das Museum selbst nochmal zu sehen.

Die Besonderheit des jüdischen Museums liegt  in der Verknüpfung von Tradition und postmoderner Dekonstruktion sowie der Verbindung von Architektur und Ausstellungsinhalt. Nachdem man das 1735 gebaute Kollegienhaus – vorbei an leider immer noch notwendigen Sicherheitskontrollen, Kassen und Garderobenbereich – durchquert hat, gelangt man zu der eigentlichen Ausstellung, die in der verzahnten, abstrakten Erweiterung durch Libeskind beheimatet ist. Hier wird bereits deutlich, wie sehr sich das Museum von anderen Museen Berlin unterscheidet. Ein schwerer, ziemlich mühsamer Treppenaufstieg führt zu den Exponaten, die sich fast 2000 Jahre deutschjüdischer Geschichte widmen: Von den Anfängen der Diaspora über das Mittelalter und die Emanzipation bis hin zur jüngsten Geschichte, der Shoah und dem Leben der Juden nach 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und schließlich im wiedervereinigten Deutschland. Diese historische Reise gehört zu den klassichen Teilen des Museums, ist aber bereits geschickt durch viel Multimedialität und Interaktionsmöglichkeiten aufgebrochen. So kann der Besucher dreidimensionale Videoinstallationen zu den Anfängen des deutschjüdischen Miteinanders bestaunen, in Computerspielen die Rolle eines Hofjuden übernehmen, koschere Gummibärchen kaufen und zahllose Ton- und Videodokumente begutachten.

Wie es sich für ein ordentliches, dichtes Berliner Museum gehört, ist die Vielzahl an Fakten und audiovisuellen Eindrücken dabei erst einmal erschlagend. Die ganze Ausstellung an einem Tag durchzuackern, kommt schon einem gewissen Kraftakt nahe. Unzählige Texte, Bilder und Videoeindrücke, Themen, die sich über die gesamte Geschichte der Juden in Deutschland erstrecken: Philosophie, Kunst, Kultur, Politik, Religion, Alltag… es hat schon etwas Reizüberflutendes, wenn man sich von Anfang bis Ende der Ausstellung durcharbeitet. Der Weg – am besten tatsächlich aufgeteilt in zwei Besuche – lohnt sich allerdings in jeder Hinsicht, belohnt er doch mit zahlreichen interessanten Einblicken, einer spannenden ästhetischen Umsetzung und viel Raum für eigene Gedanken und Interessen. Museumspädagogik wie sie schöner nicht sein könnte.

Und schließlich steht da ja auch noch – spätestens am Ende des Rundgangs – die Auseinandersetzung mit der Architektur des Gebäudes. Neben den so genannten Voids, den schwarzen Löchern und weißen Stellen, die bereits in der historischen Ausstellung immer wieder Aufblitzen und an die Lücken erinnern, die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung in der jüdischen und deutschen Kultur hinterlassen haben, sind es vor allem die Achsen, die eine abstraktere und zugleich ungemein beeindruckende Reflexion der deutschjüdischen Geschichte anbieten. Die Achse des Exils führt über einen angewinkelten Gang zum Garten des Exils, in dem für den Besucher die Konfrontation mit der Exil-Situation der Juden im 20. Jahrhundert greifbar wird: Hohe Stelen auf einem schrägen, abfallenden Platz: Desorientierung, ein Gefühl von Verlorenheit, aber auch ein wenig Hoffnung durch die kargen Lichtstrahlen, die durch die hohen Türme (und die im Sommer darauf befindlichen Ölweiden) dringen. Am Ende der Achse des Holocaust steht der Holocaustturm, ein einzelner, hoher Turm, der nur vom Tageslicht durch einen kleinen Deckenspalt beleuchtet wird. Auch hier arbeitet die Architektur des Museums mit der Abstrahierung eines Gefühls, mit der Unfassbarkeit angesichts und der Ohmacht gegenüber der Shoah.

Aber um hier keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen: Trotz dieses konfrontativen, mit der Konstitution und Beklemmung des Besuchers spielenden Baus ist das Jüdische Museum alles andere als ein “Betroffenheits-Ort”. Das Gesamterlebnis des Besuches vermittelt viel mehr einen lebendigen, ambivalenten und vielseitigen Eindruck der Wechselwirkungen der jüdischen und deutschen Kultur, stellt dar wie lebendig das Judentum in Deutschland war und ist, und präsentiert einen tiefen Einblick in eine ungemein vitalen und vielfältigen Teil der Sozial- und Kulturgeschichte Deutschlands. Wer sich davon bis dato noch nicht überzeugen konnte, kann dies zum Beispiel am Sonntag nachholen, wenn bei freiem Eintritt das Jubiläum des Gebäudes gefeiert wird. Aber auch darüber hinaus lohnt sich ein Besuch dieses großartigen kulturellen Ortes in Berlin jederzeit.

Jüdisches Museum Berlin
Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin
Tel: +49 (0)30 259 93 300
Fax: +49 (0)30 259 93 409
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Öffnungszeiten:
Montag: 10-22 Uhr
Dienstag-Sonntag: 10-20 Uhr

Eintrittspreise:
Erwachsene: 5 Euro
Ermäßigt: 2,50 Euro
Kinder bis zum sechsten Lebensjahr: Eintritt frei
Familienticket (zwei Erwachsene, bis zu vier Kinder): 10 Euro

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