Die 90er Jahre: Die besten Melodic Death Metal Alben des Jahrzehnts II

Nachdem es im ersten Teil vor allem darum ging, die Pioniere und Wegbereiter des Genres auszuloten, werfe ich an dieser Stelle einen Blick auf die Bands, die sich durch Melodie, Pathos aber auch avantgardistische Experimente weit von den Ursprüngen des Death Metal entfernt haben… mitunter so weit, dass nicht mehr eindeutig zu klären ist, ob sie sich überhaupt noch in den tödlichen Doublebass-Regionen des ursprünglichen Genres befinden. Für diesen eklektischen Stilwandel gäbe es dann auch mehr als genug Bezeichnungen: Gothic Death Metal, Symphonic Death Metal, Progressive Death Metal, und so weiter und so fort. Um nicht den Überblick zu verlieren gönne ich mir an dieser Stelle aber wieder die eine oder andere Bezeichnungsunschärfe und packe alles zum Melodic Death Metal, was zwischen dem High Speed- und Dampfwalzen-Sound, den gutturalen Growls und dem wütenden Geshoute des klassischen Death, sowie dem Epischen, Melodischen und Hymnischen des in den 90ern aufgekommenen Melodic Death oszilliert. Ein bisschen pauschal mitunter, aber letzten Endes geht es doch um die Musik. Und diese passt Dank ihrer Größehärtebreite ohne Zweifel in das Genre…

In Flames – The Jester Race

(Nuclear Blast, 1995)

Einen prototypischen, klar zuordenbaren Klassiker gäbe es dann aber doch noch zu erwähnen. The Jester Race ist vielleicht nicht das formvollendetste Werk des Melodic Death Metal, aber mit Sicherheit eines der einflussreichsten des gesamte Subgenres. Das zweite Album von In Flames beherrscht schon perfekt jenen Stilmix, der sie zu Größen des melodischen Todesstahls und darüber hinaus zu Größen des 90er Jahre Metal ganz allgemein werden ließ. Heftige Doublebass-Attacken, intelligente Lyrics und vor allem ein mächtiges Hitpotential, das sich in kleinen, versponnenen Hymnen äußert, die geschickt zwischen Härte, Opulenz und Pop transzendieren. Es ist schon erstaunlich wie zeitlos, zeitgemäß das Album klingt, das mittlerweile immerhin über 15 Jahre auf dem Buckel hat. Liegt wahrscheinlich nicht zuletzt daran, dass auch zahllose Metalcore-Größen unserer Zeit sich von der geschickten Kreuzung von amtlichen Metal und melodischem Breitwand-Pathos inspirieren lassen. In Flames beweisen nicht nur, wie Todesstahl auch bestens mit Melodien und Hymnenhaftigkeit funktionieren kann, sondern geben auch noch gleich die Stoßrichtung für einen am Puls der Zeit treibenden, dichten und mitreißenden Metal vor.

Amorphis – Elegy

(Relapse, 1996)

Dass sich der Death Metal auf Melodic-Pfaden selbst die Möglichkeit gibt, sukzessive zu seiner Todesstahl-Herkunft auf Distanz zu gehen, ist ein offenes Geheimnis. Zu den konsequentesten Death-Metal-Abgesängen gehört mit Sicherheit das dritte Studioalbum von Amorphis, Elegy. Trotz nach wie vor festverankerter Death Metal Schwere bewegen sich die Finnen mit diesem Meisterwerk des eklektischen Metal in Gefilden zwischen Progressivität, Epik und 70er Jahre Reminiszenzen. Wie auf keinem anderen Melodic Death Album der damaligen Zeit treffen cleaner Gesang und hymnische Gitarrenläufe zusammen und generieren mit atmosphärischen Hits eine fast schon klassische Stadionrock-Atmosphäre. Und doch bricht die Melodic Death Metal Herkunft immer hervor, äußert sich in opulenten Growls und breiten Basswänden: Das ist auch Progressive Metal, das ist auch Hard Rock, das ist auch ein bisschen pathetischer Symphonic Metal… alles in allem aber doch ein unfassbar großes, dichtes und präzises Melodic Death Werk: Grenzgang, der sich keinen Extremen anbiedert und dadurch bei großer musikalischer Schönheit ankommt.

Arch Enemy – Black Earth

(Wrong again, 1996)

Black Earth sollte den Grundstein legen, Arch Enemy zu einer der berühmtesten und angesehensten Bands des Melodic Death Metal werden zu lassen. Bereits auf dem Debütwerk der technisch versierten, geschickt zwischen den Genres pendelnden Band sind alle Trademarks vorhanden, die diese ohne weiteres in Reihe mit Genregrößen wie In Flames und At the Gates stellen. Saubere, perfekt arrangierte Wechsel zwischen High Speed Thrash Metal Rasereien und tonnenschwerem Death Metal Doublebass, Oszillationen zwischen Härte und symphonischen Interludes, eine mitunter unterkühlte, beinahe industrielle Atmosphäre und über allem thronend das mächtige Organ von Vokalist John Liiva, der das bedrohlich apokalyptische Gutturale ebenso beherrscht wie aggressives Thrash Geshoute und fast schon punkige Rotzerei. Ein verdammt starkes Debüt einer Band, die nach wie vor zu den Besten des Subgenres gehört.

Children of Bodom- Something Wild

(Spinefarm, 1997)

Children of Bodom sind die eklektischen Symphoniker des Melodic Death Metal. Auf ihrem Debütalbum Something Wild kreuzen sie auf gekonnte Weise Einflüsse von Black-, Dark und Symphonic Power Metal mit den schweren und ultraschnellen Riffs des Melodic Death zu einem großen, pathetischen Hybriden aus Opulenz und Raserei. Dabei ist vor allem ihre Nähe zum symphonischen Black Metal britischer Prägung mehr als signifikant: Sakrale, klassisch inspirierte Hymnenhaftigkeit wird von bitterbösen Shouts zwischen Gekeife und Gutturalgetöse durchbrochen, himmlische Melodien werden zerschossen von höllischen Riffs und Doublebass-Attacken, während die epischen Stücke (bis zu 9 Minuten) eine Biegung nach der nächsten nehmen, einen Genresprung nach dem anderen vollführen. Und dennoch klingt dies alles ungemein homogen, rund und passend in seinem Eklektizismus. Something Wild ist so etwas wie die schwarze, pechschwarze Oper des Melodic Death Metal, ein tonneschweres, symphonisch permanent aufgelockertes Meisterwerk, das sich durch seine stilistische Offenheit angenehm von anderen, klar zuordenbaren Alben des Melodic Death abhebt.

Crematory – Illusions

(Massacre, 1995)

Jaja, schon klar. Eigentlich gehen Crematory so generell eher in die Gothic Metal- und Dark Metal- Richtung. Auf ihren früheren Werken sind aber die Death Metal Einflüsse nicht nur prägnant sondern mitunter sogar tonangebend. So auch auf dem dritten Studioalbum Illusions, auf dem die deutschen Genrewandler einen klasisschen Gothic Metal Hintergrund gekonnt mit tiefen und dunklen gutturalen Lauten – die direkt aus der Death Metal Vorhölle stammen – und heavy Gitarren kreuzen. Dass das dann vielleicht doch eher Dark Symphonic Gothic sonstwas Metal ist… meinetwegen. Funktioniert aber dank der einkalkulierten Härte und der ständigen Sprengungen des eigenen Grufti-Rahmens perfekt als melodisches Death Metal Album vor, an und über der Grenze zum Gothic der Marke Paradise Lost. Ist aber im Grunde genommen gar nicht so wichtig, da der melodische Metal-Genrespagat hier derart angenehm geglückt ist, dass nur Genrepuristen sich in lächerlichen Schubladendebatten verlieren können. Alle anderen knien ehrführchtig und entzückt vor ihren Lautsprechern und lassen sich umarmen und niederwalzen… und das alles in einem Atemzug.

Edge of Sanity – Purgatory Afterglow

(Black Mark, 1994)

Reden wir über die Avantgarde… Eine gewisse Nähe zu verschwurbelten und epischen Klängen kann man dem Melodic Death Metal definitiv nicht absprechen, auch wenn die meisten Bands des Subgenres sich dann zwischen progressiven Geschwindigkeitswechseln doch allzu gerne auf eingängige Hooklines und catchy Riffattacken verlassen. Edge of Sanity sind in diesem Punkt anders. Ihre brutalen, mitunter alles anderen als melodischen Todeshymnen tauchen tief hinab in die Strukturen und Klängen des Avantgarde und Extreme Metal. Da darf es dann auch nicht verwundern, wenn der melodische Anteil mitunter auf praktisch Null zurückgefahren wird, zu Gunsten von hochkomplexen, atemberaubend vielseitigen Bastardklängen, die mal hypnotisch progressiv, mal verspielt vertrackt, mal einfach nur extrem und hart sind. Die Tour de Force durch das – im besten Sinne des Wortes – unstete Material von Purgatory Afterglow lohnt sich aber durch und durch. Edge of Sanity spielen schon in ihrer eigenen Melodic Death Liga: Mal todesschwer, mal aggressiv kämpfend, mal mit melodischen Auflockerungen, und dann wiederum eiskalt durchgeschüttelt, durch eine wahnwitzige Rhythmusmaschine gejagt. Ein atemberaubendes Erlebnis, das auch Hörern von Meshuggah mehr als gut schmecken dürfte.

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