Hörenswertes Oktober 2011 II: Coldplay, Veronica Falls, Justice, Florence & The Machine

Der Herbst verwöhnt uns mit viel Sonne und mit so vielen interessanten Veröffentlichungen, dass man ganze Wochenden mit dem Anhören sämtlicher Streams, CDs und Promo-MP3’s beschäftigt ist. Ein paar Alben waren den Abbruch sämtlicher sozialer Kontakte wert, viele ließen uns eher verwirrt zurück. Eines davon sogar so sehr, dass wir uns nochmal an anderer Stelle speziell mit diesem Machwerk beschäftigen. Die neuen Coldplay dagegen verwalten, Veronica Falls verstören, Justice verlieren sich im 70er Sound-Kosmos und Florence & The Machine in vollendeter Schönheit.

Coldplay – Mylo Xyloto

(EMI, 21.10.2011)

Flirrend und schillernd, bunte Farben und ein Chris Martin, der in dem Video zu Paradise als trauriger Elefant auf dem Rad durch die Gegend fährt: In Sachen Nettigkeit spielen Coldplay sicherlich in ihrer eigenen Liga und müssen als Platzhirsche nicht mal die Obersympathen von Travis fürchten. Wer jemals gedachte hätte, dass die Briten was anderes tun, als ihren Wohlfühl-Pop zu verwalten, vielleicht sogar wieder zurück zu den Indie-Wurzeln von Parachutes zurückkehren, muss schon seit X&Y grenzenloser Optimist sein. Chris Martin kann sich noch so oft Brian Eno ins Studio holen oder seinem Harmlos-Pop irgendeinen Kunst-Kontext geben, es bleibt immer brav und erwartbar. Wer diese Band für all das liebt, macht auch bei Mylo Xyloto nichts falsch. Coldplay warten schon mit offenen Armen auf den langjährigen Hörer, um ihn zu knuddeln und mit ihm zusammen Luftballons aufsteigen zu lassen. In einer Welt voller zusammenbrechender Finanzmärkte, verlorenen geglaubter Ideale, Diktaturen und Gemeinheiten bleiben die Engländer sich selbst treu. “Us Against The World” heißt ein Song, und das sagt alles… wirklich alles.

Veronica Falls – Veronica Falls

(Bella Union / Cooperative / Universal,21.10.2011)

So, nachdem ich mit Coldplay Seifenblasen in den Abendhimmel geblasen habe, wird es nun pechschwarze Nacht. The Dark Side Of Pop schlägt  zurück und Chris Martin hat sich bei diesen dunklen Erwartungen natürlich auch schon längst aus dem Staub gemacht. Gesänge, die nahezu keltisch anmuten und schrammeliger Post Punk machen schon mal darauf aufmerksam, dass bald die Sonne ihre Winterpause einlegt. Bei aller Kälte und Dunkelheit ist schwere Depression trotzdem fern, weil Veronica Falls ein gutes Gespür für Melodien haben und hier doch deutlich mehr Grau als Tiefschwarz zu finden ist. Die Band unterscheidet sich aber dann letztendlich nicht großartig von den anderen Bands wie The Horrors, Esben & The Witch oder Minks, die überdeutlich ihren 80er Vorbildern nacheifern. Nach alle dem Hype bleibt wie so oft nur ein gutes Album.

Justice – Audio, Video, Disco

(Warner,28.10.2011)

Eine langes Intro läutet das neue Justice Album ein. Als ob sich Justice in Mercurys A Night at the Opera (1975) gewagt hätten und die 70er Queen aus Kunst-Nebel Empor steigen würden. Unfassbar bescheuert, unfassbar catchy und unfassbarer Trash, der einen gewaltig nerven kann. Hier gibt es alles, was bisher in Ruhe auf dem Speicher von Opi fröhlich vor sich hin muffelte. Einhörner, Regenbogen, Space-Pop, Disco, Hard-Rock und abgewetzte Lederjacken. Soviel Geschmacklosigkeit muss man erst einmal wagen und vor allem erlauben. Justice gelten immerhin als die Retter des 00er Electro, die dem Retro-Rock mit derben Electro-Filter-House die Eier lang zogen und denen schon damals etwas comichaftes anlastete. Das ikonische Kreuz, Lemmy-Schnäuzer, und Rock-Klischees waren 2007 plötzlich wieder heißer Hipster-Scheiß und werden auf Audio Video Disco endgültig in den 70er-Orbit geschossen. Dort wo man noch minutenlange Soli spielen darf, Vokuhila als chic gilt und Männer  Opel Manta mit Leoparden-Fellbezug über den Sternenschweif fahren dürfen ohne ausgelacht zu werden. Opi geht steil, ich glaube nicht so wirklich. Es gibt einfach Sachen die immer Scheiße bleiben und auch bei Justice so Scheiße sind, dass sie immer noch Scheiße bleiben. Immerhin bei den letzten drei Songs “Newlands” ,”Audio Video Disco”  “Helix” geht das über weite Teile missglückte Experiment sogar auf. Justice sind nun endgültig Daft Punk in ihre Discovery-Phase und Hipsters run off.

Florence & The Machine – Ceremonials

(Universal, 28.11.2011)

Keine Ahnung woran es lag, aber das erste Florence & Machine Album hat mich eher kalt gelassen. Umso erstaunter bin ich, dass mich das neue Album Ceremonials komplett überzeugt. Wo sich Leslie Feist auf ihrem aktuellen Pop-Werk doch arg zurück nimmt, hat Ceremonials einfach genügend Mut um weiter zu gehen, um vielleicht sogar eines der besten Pop-Alben in diesem Jahr zu werden. Kate Bush in hörbar und weniger ambitioniert, dafür aber mit den spannenderen Ideen. Das ergibt so tolle Songs wie “What The Waters Gave Me” , die gelungene 80er Verbeugung “Never Let Me Go” oder das an Bowie erinnernde “Breaking Down”, das auch auch Arcade Fire gut zu Gesicht gestanden hatte. Die Frau weiß eben wie man Dramen inszeniert und diese in Szene setzt. Ich könnte nun noch weitere Songs aufzählen, in der Begeisterung für die einzelnen Hits schwelgen… oder einfach sagen, dass Florence & The Machine das beste Arcade Fire Album 2011 geglückt ist, und dass Bat For Lashes mit diesem wunderbaren Sound zumindest in Sachen Produktion ein Maßstab gesetzt wurde, den diese nur schwer toppen kann.


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