Die 90er Jahre: Die besten Melodic Death Metal Alben des Jahrzehnts I

Kaum zu glauben, was für eine stark aufgestellte Bewegung gegen Mitte der 90er im Death Metal aufkam und das Genre bis tief  in die 00er Jahre hinein – und darüber hinaus – prägen sollte. Ausgehend von Genre-Veteranen wie Carcass, die ihren massiven Doublebass-Sound vorsichtig um hymnische Refrains und industrielle Interludes ergänzten, entstand eine ganze Szene, die schließlich vollkommen zurecht das Subgenre Melodic Death Metal für sich beanspruchen durfte. Vor allem um das Epizentrum Göteberg herum, sollte sich dieser neue, symphonische, hymnische, melodische und moderne Sound in der ganzen Metalwelt verbreiten. Bands wie At the Gates und In Flames kombinierten auf grandiose Weise das Hymnische Moment des Power Metal mit der Härte des Todesstahls und stießen damit sogar bis in die europäischen und internationalen Charts vor. Wie flexibel dieses Subgenre des Death Metal ist, kann man bis heute sehen, da mittlerweile gar Metalcore und Nu-Metal-Einflüsse im Melodic Death Einzug gehalten haben. Und ebenfalls daran, dass die Werke von Dark Tranquility, Hypocrisy und Konsorten auch heute noch verdammt trendy und mitreißend klingen. Der Melodic Death ist auch so etwas wie ein Statement der Zeitlosigkeit innerhalb der Metal-Szene… und damit ist dieser Artikel auch weniger 90er Nostalgie als viel mehr Sammlung auch heute noch bestens funktionierender Alben.

Carcass – Heartwork

(Earache, 1993)

Wenn eine Grindcore/Extreme Metal Band plötzlich die Charts erklimmt kann doch irgendetwas nicht stimmen… Auf Heartwork sagen Caracass Lebewohl zu den expliziten Lyrics, den zerberstenden Grinds, den mitunter unkonsumierbaren Metal-Attacken und schließen die Melodie und das epische Moment in die Arme. Eine echte, titelgebende Herzensangelegenheit der einstigen Genre-Provokateure, die damit 1993 so etwas wie ein proto-prototypisches Melodic Death Metal Album schufen, geadelt von H.R.Giger, der das Frontcover für die Band gestaltete. Heartwork lebt vor allem von seinem ungemein dichten Sound, seiner nach wie vor vorhandenen Trennschärfe zwischen aggressiven Attacken, Doublebass und hymnischen Refrains und erreicht durch das sagenhaft brutal und konsequent vorgetragene Kreuzüber der unterschiedlichen Stilmittel für eine fast schon progressive Atmosphäre. Ein früher Geniestreich des Genres, der sich keineswegs vor seinen Epigonen verstecken muss.

At the Gates – Slaughter of the soul

(Earache, 1995)

Das letzte Album der Schweden At the Gates gilt als einer der größten Meilensteine des skandinavischen Death Metals. Kein Wunder, die industriell verspielten, epischen und symphonischen und dennoch brutal nach vorne keifenden Metal-Attacken von Slaughter of the Soul klingen auch heute noch so frisch, als wären sie gerade erst aus dem Ei geschlüpft. Auf unfassbar packende Weise kreuzen At the Gates aggressive Härte, deftige Death Shouts und gnadenlose Riffs mit einem Gespür für Melodik und Breitwandsound, der Dank seiner Kompromisslosigkeit nie Gefahr läuft in pathetischen Kitsch abzudriften. Der Schlachter der Seele ist eine Achterbahnfahrt von einem Album: Zwischen High Speed, gnadenlosen Tempowechseln, vielseitigen Experimenten und opulenter Klassik-Attitüde: und das alles komprimiert in dreiminütigen Songs, die neben ihrer Eingängigkeit so viel Abwechslung aufweisen, wie manche andere Bands auf einem vollen Album nicht zu Stande bringen. Auch heute noch ein bedingungsloses Meisterwerk und immer wieder aufs Neue hör- und erlebbar.

Dark Tranquility – The Mind’s I

(Osmose, 1996)

Dark Tranquility gehören zu jenen Death Metal Bands, denen es durch ständige Neuerfindungen und Sounds dicht am Zeitgeist immer wieder gelungen ist, ihr Publikum zu überraschen, frisch und trendy – allerdings nie anbiedernd – zu klingen. Auf The Mind’s I prügeln sie mit einem dichten, versponnenen Epik-Klumpen auf ihre Hörer ein, vergarben sich tief in klassischem Death Metal, um dann abrupt in himmlischer Melodik wiedergeboren zu werden. Im Gegensatz zu den anderen Größen des Genres ist des dabei nie das Ausbalancieren der Gegensätze, das ihnen am Herzen liegt, sondern viel mehr das Spiel mit diesen, das irre, unberechenbare Kreuzüber, das kurzfristige in Sicherheit Wiegen und unerwartete Ausbrechen. The Mind’s I ist ein wahrer eklektischer Bastard, der sich nie entscheiden kann, entscheiden will, welche Richtung er als nächstes einschlagen soll: Schnelle High Speed Interludes, plötzliche Schwere und Tragik, opernhaftes Himmelhochjauchzen, tiefe Growls, heiseres Gekreische… die Stile und Einflüsse wechseln im Sekundentempo und kreieren einen unberechenbaren aber auch immer anschmiegsamen Mix aus Death, Thrash, Industrial und Symphonic Metal.

In Flames – Whoracle

(Nuclear Blast, 1997)

In Flames sind groß, vielleicht sogar die größten der skandinavischen Melodic Death Metal und Göteborg-Szene. Keiner anderen Band des Genres gelingt es so gekonnt, Härte, Anspruch und Eingängigkeit unter einen Hut zu bringen. Auf Colony, einem frühen Antizipator späterer Großtaten sind schon alle Trademarks vorhanden, die In Flames so besonders machen: Auf einem harten, tonnenschweren Metal-Fundament breiten sie ihre epischen, philosophischen Gedanken aus, verzichten auf jegliche Metzel- und Gore-Lyrics und tauchen stattdessen tief hinab in die Kulturgeschichte, die Religion und Dystopie unseres Planeten. Und aus diesen komplexen Gedanken, eingebettet in einen harten Metal-Sound kreieren sie Hit um Hit. In Flames beherrschen die Klaviatur des Pop-Business, schreiben Hooklines, für die jeder Pop-Produzent seine Seele verkaufen würde, hauen maßgeschneiderte Ohrwürmer raus. die gar zum mitsingen einladen…  Es ist schon fast paradox, wie Stücke der harten Metal-Gangart ein solch hitträchtiges Eigenleben entwickeln können und dabei nicht an Anspruch einbüßen. Whoracle ist neben den späteren Alben der Band wie Colony (1999), Reroute to Remain (2002) und insbesondere Clayman (2000) das perfekte Album, um dem Metal-Neueinsteiger zu beweisen, dass Death Metal melodisch, eingängig und sogar poppig sein kann, ohne an Credibility einzubüßen. ein erschreckend gelungener Genrespagat und ein Meisterwerk des modernen Death Metal.

Hypcrisy – The final Chapter

(Nuclear Blast, 1997)

Hypocrisy gehören zu jenen Death Metal Bands, die sich nie so ganz entscheiden konnten, ob sie jetzt auf bleischweren Todesstahl oder hymnische Melodien setzen sollten. Auf The final Chapter – das ursprünglich das Abschlusswerk der Band darstellen sollte – spielen sie mit genau jener Unentschiedenheit, zeigen sich hin und her gerissen zwischen wildem High Speed Getöse, schwerem Doublebass-Death und episch angelegten Midtempo-Songs. So pendelt das Album geschickt zwischen Hitträchtigkeit, harten und klassischen Stücken sowie einer unerhörten Größe, die sich in pathetischen und dennoch alles zerfetzenden Hymnen äußert. Hypocrisy gehören zu den härtesten und schwersten Bands des Melodic Death Metal. Dank der präzisen Riffs und der alles in Grund und Boden schlagenden Growl/Shout-Stimme von Peter Tägtren ist The Final Chapter eine beinahe religiöse Härte-Offenbarung, die immer wieder in himmlische Sphären abhebt, um von dort unerwartet und schnell wie ein Blitz auf den Hörer einzuschlagen.


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