Die 90er Jahre: Die besten Thrash Metal Alben des Jahrzehnts II

Bei unserer Metal-Retrospektive kommt mir meine musikalische Sozialisation sehr zu Gute. Von Anfang bis Ende der Dekade – als ich dann schließlich Postrock, Progressive und Indie für mich entdeckte – bin ich eigentlich ziemlich konstant zwischen Punk Rock Hörer und Metalhead gependelt. Das führte dann auch irgendwie dazu, dass ich einfach mal alles erleben musste, was die beiden Genres hergaben. Anhören war das mindeste, egal welches Subgenre, egal aus welchem Land und egal in welcher Kategorie. Der EMP-Katalog, der alles vom Mainstream bis zum Underground bot, gab mir viele Anregungen, eine Zeit lang war die Rock Hard meine Bibel… und als das Internet schließlich vorsichtig in mein Leben trat, waren es gleich als erstes die Musikseiten, die ich nach neuem (und altem) Stoff durchwühlte. Thrash Metal war dabei schon so etwas wie mein Favourite Genre, einfach weil er zu der damaligen Zeit im Vergleich zu Power Metal, True Metal oder Black Metal das meiste Groove- und Rock-Potential bot… und eben auch die Härte, die man als jugendlicher Rebell (*ähmmm) einfach erwartet.

So viel zur Vorrede: Nach dem Klick gibt es Episches von Annihilator, Mainstreamiges von Sepultura, Avantgardistisches von Prong, Groovendes von Machine Head und Pantera und erstaunlich experimentierfreudiger, modernisierter Teutonen Metal von Kreator. Hörenswert sind diese Thrash-Alben jedenfalls alle… auch heute noch.

Annihilator – Never, Neverland

(Roadrunner, 1990)

Die Kanadier Annihilator haben in den 90ern einen Weg eingeschlagen, den man als Fan der Band nicht unbedingt begrüßen musste. Weg vom Thrash Metal hin zum Power-, melodischen Speed- und gar True Metal. Auf Never, Neverland wird diese Entwicklung bereits angedeutet, aber noch mehr als anständig von deftigen Thrash Metal Attacken begleitet. Das 1990er-Werk ist damit nicht nur das letzte wirklich originär harte und mitreißende Album der Band, sondern zugleich auch ihr persönliches Opus Magnum, das unter Beweis stellt, wie wunderbar Härte, Melodie und auch Progressivität auf einem Metal-Album harmonieren können. Never, Neverland ist ein Epos vor dem Herrn, eine annähernd spirituelle Wanderung durch heftige Riff-Attacken, eingängige Hooklines, pathetische und mitreißende Melodien und Lyrics, die eine eigenständige Geschichte erzählen, wirken, fesseln und faszinieren. Traumhochzeit zwischen Progressive Metal, Thrash und einem nicht zu leugnenden großen Leinwand-Pathos, meisterhaft umgesetzt und aus jeder Note Größe schreiend ist es vielleicht sogar DAS Meisterwerk der Band überhaupt, das Album, das weder zuvor noch danach übertroffen werden sollte.

Prong – Prove you wrong

(Epic, 1991)

Genre-Grenzen waren den experimentierfreudigen Metal-Avantgardisten von Prong schon immer schnuppe: Hardcore, Punk, Thrash, Speed, Industrial… genommen und verarbeitet wird, was gefällt, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten von traditionellen Metalhörern. Prove you wrong ist dabei das Album, das am ehesten in die Thrash Metal Sparte fällt und dort auch mehr als gut aufgehoben ist. Heftige Riff-Attacken, ein amtlicher Groove, aggressive Vocals und keine Angst vor Modernisierung und Veränderung. Dank der Rücknahme des Hardcore-Anteils verliert sich das 91er Werk nie in hemmungslosem Eklektizismus, sondern findet stattdessen immer wieder einen bleischweren, wild nach vorne rockenden roten Faden. Klar, das könnte man auch Groove Metal, Avantgarde oder sonstwie nennen: Die Härte und das Knüppel-Potential lassen Prong in diesem Stadium ihres Schaffens aber perfekt in jedem thrash-affinen CD-Player rotieren. Ein spannendes, avantgardistisch experimentelles und dennoch stets ordentlich knallendes Thrash Metal Fest… im Gegensatz zu den anderen Veröffentlichungen der Band auch Traditionalisten ordentlich den Nacken klopfend.

Sepultura – Chaos A.D. / Roots

(Roadrunner, 1993 / 1996)

Trotz drei Jahre Distanz gehören diese beiden Meisterwerke von Sepultura für mich einfach zusammen. Sie sind nicht nur das letzte gelungene Lebenszeichen der Band, bevor Max Cavalera seine Tasche packte und Richtung Nu-Metal-Land abdüste (wovon sich der Rest der Band lange Zeit nicht erholen sollte), sondern auch ein Aufschrei für Kompromisslosigkeit, Experiment und gleichzeitige Massentauglichkeit des Thrash Metal. Mehr denn je zuvor setzen Sepultura bei beiden Alben auf Bedingungslosigkeit, auf Groove, auf derbe Hardcore-Einflüsse, vor allem aber auch auf die Macht der Hookline. Chaos A.D. und Roots sind so etwas wie Hit-Alben, die erstaunlicherweise trotz ihrer Härte großen Anklang beim “Massenpublikum” fanden. Sanfte Riesen sind sie aber mit Sicherheit nicht. Während der Mainstream-Ritt von Metallica mit einem Sukzessiven Metall-Abbau verbunden war, blieben Sepultura der Härte und Aggression des Genres treu. Ja, verdammt, diese Hits rocken nicht nur, sondern schlagen auch erbarmungslos zu. Zwischen Tribal-Sounds, Percussions und archaischer Brutalität entwickeln die eingängigen Hits der beiden Scheiben so etwas wie die perfekte Mischung aus kompromissloser Härte und Radiofreundlichkeit. Songs wie Roots Blood Roots und Refuse/Resist sind schmerzhaft intensive Ohrwürmer, die sich in den Gehörgängen und im Kopf des Publikums festfressen und von dort aus ordentlich Druck auf die Nackenmuskulatur ausüben. Hart, treibend, experimentierfreudig… und eben dennoch groovend und eingängig. Man mag die vorherigen Werke besser, kompromissloser, härter truer oder whatever finden: Roots und Chaos A.D. zeigen Sepultura aber auf ihrem songwriterischen und vor allem produktionstechnischen Höhepunkt. They fuck the audience, and therefore  the audience love them.

Kreator – Cause for Conflict

(Gun, 1995)

Auch die teutonischen Vertreter des 90er Jahre Thrash Metal blieben nicht in den 80ern stehen sondern versuchten ihren Sound – inspiriert vom amerikanischen Groove Metal – vorsichtig zu erweitern. Kreator ist dies mit Album Cause for Conflict immer noch am besten gelungen, gerade weil es so hemmungslos eklektisch ist und alle Spielarten rund um den Thrash Metal mit offenen Armen empfängt. Das 95er Werk der deutschen Thrash Metal Größen ist zerfahren, mitunter fragmentarisch, sucht im Thrash, Industrial und Extreme Metal nach Inspiration… und zerfetzt diese zahllosen Einflüsse dann mit einer Kettensäge. Kreator sind auf diesem Album hart, so hart wie nie zuvor. Ihre schweren Attacken auf die eigene Modernisierung erreichen beinahe Meshuggah-Niveau, dem Einfluss Amerikas begegnen sie mit der vollen Riff- und Thrash-Gewalt. Cause for Conflict ist Erneuerung mit gleichzeitiger Selbstzerfleischung. Es entsteht eine harte, kompromisslose Metall-Maschine, unmenschlich in ihrer Disposition, außerirdisch in ihrer Ausführung.

Machine Head – Burn my Eyes

(Roadrunner, 1994)

Burn my Eyes ist so etwas wie die Offenbarung des modernen Thrash Metal der 90er Jahre. Weder davor noch danach wurde der Groove des Neo Thrash so packend in das Korsett des klassischen Thrash Metal eingeschlossen. Auch wenn es von Machine Head – die mit diesem Album ohne Übertreibung als Pioniere bezeichnet werden können – und anderen Bands sowohl davor als auch danach Versuche gab, den traditionellen Thrash um Groove und Experimental-Elemente zu bereichern, sollte es nie derart virtuos und homogen glücken wie auf diesem Hammer von einem Metal-Album. Jede einzelne Note ist eine Offenbarung, jeder Aggressions- und Geschwindigkeitsschub schüttelt den Hörer aufs neue durch, jeder Tempowechsel schlägt ein wie eine Bombe. Burn my Eyes ist das Master of Puppets, das Reign in Blood der 90er Jahre: Ein perfekt abgestimmter, knallharter und mitreißender Hassklumpen, ein episches Metalgewitter, ein Aufschrei des Genres. Ohne Zweifel einer der größten Klassiker der Metal-Geschichte und ein Mammut von einem harten, schnellen und dennoch präzisen Album.

Pantera – Vulgar Display of Power

(Eastwest, 1992)

Die Rednecks unter den Groove Metal-Pionieren: Pantera spielen einen rockenden, tief im Süden der USA verankerten, staubigen und rohen Bastard von einem Thrash Metal Album, der sich von Stoner, Southern Rock und südamerikanischen Percussion-Attacken inspirieren lässt. Das klingt nicht nur wegen der libertären Self-Power-Lyrics uramerikanisch; ebenfalls nicht ausschließlich wegen der mitunter obskuren Botschaften der politisch mindestens zwiespältigen Jungs: Nein, auch musikalisch ist Vulgar Display of Power beinahe so etwas wie eine zweite amerikanische Sezessionsbewegung, in derbe Metal-Attacken verpackt. Das kann man prollig, moralisch fragwürdig, irgendwie auch einfach nur scheiße finden… ändert aber nichts daran, dass dieses Album rockt wie Sau, verdammt viel Aggressions- und Selbstbefreiungspotential in sich trägt und dabei auf alles und jeden scheißt, der ihm in den Weg kommt. Weder subtil, noch korrekt, noch sympathisch… aber genau der richtige musikalische Schlag in die Fresse, der manchmal einfach nötig ist (The Cover is so true) und damit eine vulgäre, obszöne und gewissenlose Metal-Offenbarung.

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