Die 90er Jahre: Die besten Grunge-Alben des Jahrzehnts III

So, jetzt muss ich aber auch nochmal ran, nach Rinkos beiden Grunge-Retrospektiven. Habe damals immerhin auch Holzfällerhemd und zerrissene Jeans getragen und alles dies- und jenseits von Nirvana gehört, worauf ich Dank MTV und meinem großen Bruder aufmerksam wurde. Gleich zwei Unplugged-Alben sind aus dieser Zeit in guter Erinnerung geblieben. Sowohl Nirvana als auch Alice in Chains beweisen, dass sie es auch akustisch drauf haben, Letztere auch gleich noch einmal mit einer EP von 1996. Die Stone Temple Pilots haben genau so wie Blind Melon zu den großen Westküsten-Vertretern Seattles gehört, während Pearl Jams Klassiker Ten hier nicht unterschlagen werden darf. Apropos Klassiker: Wer Nevermind vermisst. Da sgehört natürlich hier rein. Wahrscheinlich wie kein zweites Album. Dafür gibt es dann aber einen gesonderten Artikel, in dem ich vor einiger Zeit das Zwanzigjährige dieses Meilensteins euphorisch gefeiert habe. Den Rest gibt es wie immer nach dem Klick.

Stone Temple pilots – Purple

(Atlantic, 1994)

Wie klingt es, wenn der Grunge von Seattle an die Westküste wandert? Großartig! Die Kalifornier Stone Temple Pilots mischen auf ihrem zweiten Album Purple Hard Rock Roots mit Grunge, Blues und Psychedelic und kreieren dadurch eine ganz eigene Version des 90er Indie Rocks made in USA. Das Album, das stolze drei Wochen die US-Charts anführte (und sich damit länger ganz oben hielt als jede Nirvana- oder Pearl Jam Platte) ist ungemein groovy, vergisst über all dem grungy Weltschmerz nie die Lust am Rock N Roll, an zuckersüßen Melodien und catchy Hooklines. Die Stone Temple Pilots sind so etwas wie die Sonnenanbeter des Grunge und Alternative Rock. Trotz ordentlichen Härtegrades vergessen sie es nie dem strahlenden Himmel und der Lust am Leben entgegenzurocken, angenehm verdrogt und ohne allzu stressige Weltschmerz-Attitüde. Dabei ist Purple zusätzlich ungemein amerikanisch, scheut sich auch nicht vor klassischen Rock N Roll, Blues, Ragtime und Country-Einflüssen und wird so zum eigenständigen Rock-Statement, unabhängig von damaligen Trends und auch heute noch bestens funktionierend.

Blind Melon – Blind Melon

(Capitol, 1992)

Es geht noch mehr Americana… Blind Melon sind vielleicht die amerikanischste Band der Grunge-Ära. Aus Kalifornien stammend darf ohnehin gerne und auch breit darüber diskutiert werden, wie viel Grunge nun in den Jungs steckt. Zweifellos fest steht, dass das Debüt Blind Melon ein ungeheuer warmherziger Mix aus Alternative, Indie, Southern Rock und den klassischen Grunge Zutaten ist. Rock N Roll trifft auf Psychedelic trifft auf eine für Genreverhältnisse äußerst positive Grundhaltung und viel Gespür für die Wurzeln des amerikanischen alternativen Rocks der 90er Jahre. Gerade durch ihre Verliebtheit in Töne und Bands der 70er Jahre heben sich Blind Melon angenehm von den Mitstreitern der damaligen Zeit ab, finden aber auch doch immer wieder frische, heftige und zeitgemäße Töne, die geschickt zwischen Punk, Rock und Folk oszillieren. Vielleicht eine der subtilsten Bands der damaligen Welle und gerade dadurch äußerst charmant und auch heute noch musikalisch mitreißend.

Pearl Jam – Ten

(Epic, 1991)

Nein, natürlich kommen wir bei einer Grunge-Retrospektive an diesem Album nicht vorbei. “But I’m still alive” dürfte ein mindestens ebenso griffiger Schlachtruf sein wie “Here we’re now, entertain us!”. Und dieser gibt dann auch gleich die Richtung von Pearl Jams Debüt vor. Während Nirvana mit Hedonismus aus der Trostlosigkeit fliehen, ist es bei Pearl Jam der Weltschmerz-Pathos, der Erlösung verspricht.Die Songs aus der Feder von Frontmann Eddie Vedder sind mitunter schmerzhaft intensiv, behandeln Lebensschicksale und persönliche Katastrophen, verhandeln das Leben im wahrsten Sinne des Wortes, über familiäre Gefängnisse, Drogen bis hin zum Suizid. Und doch steckt immer auch ein Stück Hoffnung in dem wagemutig nach vorne rockenden Sound von Ten, fast schon so etwas wie eine Transzendentalität des Schmerzes, eine ganz klassische Karthasis, die in jeder geschilderten Tragödie schlummert. “I’m still alive!” eben… der Inbegriff des Grunge-Lebensgefühls.

Melvins – Houdini

(Atlantic, 1993)

Huch… die Melvins? Die waren aber mehr als Grunge, oder? Mit Sicherheit waren sie das. 1983 gegründet spielten die Jungs aus Washington eine radikale Mischung aus Punk, Metal und Indie Rock schon lange bevor es das Modewort Grunge gab. Aber mit ihrem geballten Noise-Rock, der Wut im Bauch und der Verzweiflung in den Händen wurden sie zu Beginn der 90er eben doch nach oben gespült von der damaligen Grunge-Welle… und fügten sich mit ihrem Major-Debüt Houdini – das von Kurt Cobain mitproduziert wurde – perfekt ein in die Reihe der Ikonen des Seattler Sounds. Houdini ist ein Bastard von einem Album: Zwischen schrägem Noise, Avantgarde, Sludge und rockigen Hooklines ist es so etwas wie der bestmögliche gemeinsame Nenner aus rockiger Chart-Kompatibilität und eigenständiger, eigenartiger Rock N Roll Zertrümmerung. Die Melvins sind die Melvins sind die Melvins… und nichts anderes. Selbst in die Grunge-Schublade gepresst – in die sie mit Houdini noch am ehesten passen – spielen sie kräftigen, arschtretenden Rock N Roll der ungewöhnlichen Art, mit viel Esprit, gewagten Experimenten und einer zähen, staubigen Performanz, die alle Popstars des Genres gnadenlos zu Boden wälzt, zerfleischt und in der Luft zerreißt.

Nirvana – MTV Unplugged in New York

(DGC, 1994)

Triumph und Ende des Grunges. In keinem anderen Album fallen diese beiden Extreme so dicht zusammen wie in Nirvanas unplugged Auftritt in New York. Noch einmal durfte der Grunge dem Mainstream – nachdem er schon Lange Teil von ihm geworden war – den Stinkefinger zeigen. Nirvana dudeln nicht gelangweilt ihre Hits ab, sondern zollen stattdessen den großen Vorbildern der Seattler Szene Tribut: Kein Smells like Teen Spirit, kein In Bloom, stattdessen geniale ruhige und folkige Singer/Songwriter-Coverversionen von Songs der Meat Puppets und Vaselines, die sogar als Gaststars mit auf die Bühne dürfen. Kurt Cobain scheint sichtlich Freude an dem Auftritt zu haben, blödelt, kündigt begeistert die Stücke a,n spielt aber auch quasi den Sound zu seiner eigenen Beerdigung. Spätestens wenn er im letzten Stück – eine Coverversion von Leadbellys “Where did you sleep last night” – alles herausschreit, was er an inneren Dämonen finden kann, hört und spürt man das Ende einer Ära nahen. Kein halbes Jahr nach dem – posthum veröffentlichten – Auftritt nahm sich der Liedermacher das Leben.

Alice in Chains – Unplugged

(Columbia, 1996)

Es darf durchaus darüber gestritten werden, welches das bessere Unplugged-Album der Grunge-Ära darstellt. Auch wenn ich immer Partei für Nirvanas Auftritt in New York ergreifen würde, kann ich die Größe des Brooklyn-Auftritts von Alice in Chains nicht leugnen. Im Gegensatz zu Nirvanas Anti-Haltung spielt die Band ihre größten Hits, gibt diesen aber durch das ungewöhnliche, unverstärkte  Setting eine ganz neue Note und ungeheure Authentizität. Gerade die Authentizität wird auf dem Unplugged-Album so groß wie möglich geschrieben. Sänger Layne Staley – bei einem seiner letzten Auftritte mit Alice in Chains – singt sich die Seele aus dem Leib, stolpert wie der Rest der Band über eigene Unzulänglichkeiten und klingt dadurch so ehrlich und echt, wie es im Grunge in dieser Zeit schon lange nicht mehr zu vernehmen war. Vielleicht das letzte originäre Lebenszeichen der Seattler Ära, die damals 1996 schon längt vom Alternative Rock der Marke Smashing Pumpkins abgelöst worden war

Alice in Chains – Jar of Flies

(Columbia 1994)

Nur eine EP… aber was für eine. Jar of Flies ist Alice in Chains Versuch dem Grunge neue Facetten abzugewinnen und retrospektiv betrachtet ein mehr als würdiges “Spätwerk” der Seattler Urgesteine. Die dunklen, melancholischen, oft höllisch depressiven Akkustiksongs, die auf dem 30Minüter zu finden sind, distanzieren sich teilweise deutlich vom ursprünglich harten Sound von Layne Staley und seinen Mannen, besitzen aber gerade deswegen eine unglaubliche Tiefe und verzweifelte Offenheit. Es scheint fast so als destilieren Alice in Chains hier die emotionale Basis des Grunges, subtrahieren Aufschrei, Rock N Roll und Metal-Wut und treffen dadurch auf dessen Songwriter- und Folk-Kern. Eine faszinierende Facette des alternativen Rocks in Seattle, die mindestens genau so viele Stärke besitzt wie die zahllosen Riff-Attacken und punkigen Rockmonster, die man sonst aus dem Genre kennt.

2 Gedanken zu „Die 90er Jahre: Die besten Grunge-Alben des Jahrzehnts III“

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