Die 90er Jahre: Die besten Grunge-Alben des Jahrzehnts II

Wir sind wieder zurück, ganz nah am Puls der beginnenden 90er. Grunge gehört neben der aufkommenden Techno-Begeisterung in Europa zu den dominierenden Genres der damaligen Zeit, und auch integre Bands wie Mother Love Bone und Mudhoney brachten von der Kritik umjubelte Platten heraus, die aber nicht in jedem Fall den Massengeschmack trafen. Der rohe Punk von L7 und der harsche Metal von Tad war dann doch zu viel für die gerade neu hinzu gekommenen Grunge-Jünger, die später nach dem Tod von Cobain in Silverchair ihr Heil suchten und dafür mit großen Pop-Appeal belohnt wurden.

Hole – Live Through This

(DGC,1994)

Wir hatten ja bereits 7 Year Bitch in dem ersten Teil der besten Grunge-Alben der 90er und es werden noch weitere Frauen-Bands folgen, aber Hole haben allein durch Courtney Love eien Sonderstellung. Wie kaum eine andere Persönlichkeit der Grunge-Szene wechselte sie zwischen Selbsthass und Wunsch nach Aufmerksamkeit, zwischen Verachtung des Star-Ruhms und doch wieder dem Bedürfnis selber einer zu sein. Ihre Band Hole musste demnach mehrer Sil-Wechsel mitmachen, von den rohen Punk-Anfängen hin zu dem radiotauglichen Album Celebrity Skin, das die Band sogar im poppigen Alternative Rock Format zeigte. Wir sind aber hier in dieser Rubrik nunmal beim ursprünglichen Grunge und auch da konnte die Ehefrau von Kurt Cobain mehr als überzeugen. Live Through This spiegelt perfekt die zerrissene Persönlichkeit von Courtney wider, hat neben dem rotzigen Hassbrocken “Violet” auch Songs wie das zerbrechliche wirkende “Doll Parts” zu bieten. An die Genialität ihres Mannes kommt sie zwar nicht heran, aber sie vertrat die feministischen Ideale der Grunge Welle überzeugend und gab auch den Punk-Mädchen ein Vorbild. Den weiteren Werdegang dieser widersprüchlichen Person sollte man ab den 00er-Jahren besser aber nicht weiter verfolgen, es bleibt einem dann vieles an Peinlichkeiten und Enttäuschungen erspart.

L7 -Bricks Are Heavy

(Slash Records,1992)

Wie schon bei Hole und 7 Years Itch erwähnt, waren es zumeist die Frauen die den Punk Spirit der Seattle Szene weiter am Leben erhielten, auch wenn sie aus Los Angeles kamen. Mit Bricks Are Heavy, das für das Rolling Stone Magazine zu den wichtigsten Alben der 90er gehört,  haben L7 ein Biest erschaffen, das auch den den männlichen Kollegen großen Respekt abtrotzte. Das aus dem “Natural Born Killers” bekannte “Shitlist” und auch jeder andere Song auf diesem verkannten Hit-Album hätte ebenso eine Revolution auslösen können wie die Kollegen von Nirvana und Pearl Jam. L7 waren aber für das Formatradio leider zu rotzig und musikalischer Feminismus Anfang der 90er noch kein Bonus in Sachen Vermarktung.

Mad Season – Above

(Columbia,1995)

Das Thema All Star Projekt hatten wir ja schon im ersten Teil und auch diesmal trifft es nicht wirklich zu. Es war eigentlich der letzte Versuch von ein paar gestandenen Seattle-Größen wieder zurück ins Leben zu finden. Wer die traurigen und abwesenden Augen von Layne Staley im Booklet sieht, weiß wie hoffnungslos dieser Versuch war. 2002 setzte sich der bekennde Junkie endgültig den letzten Schuss, wie übrigens auch später an diesem Projekt ebenfalls beteiligte John Saunders von den “Walkabouts”. Die düstere Aura die er von Alice in Chains mitnahm und alles was damit einhergeht, sorgt auch bei Above für eine morbide und bedrohliche Atmosphäre, auch wenn die Stücke insgesamt ruhiger und nicht so Metal-lastig waren.

Tad – Inhaler

(Giant,1993)

Tad waren einer der Ur-Gesteine der Seattle-Szene, konnten aber nie an den kommerziellen Erfolg der anderen Bands wie Nirvana mit Nevermind heran kommen und blieben Zeit ihres Bestehens ein Geheim-Tip. Der Sound ist auch nicht dem 70er Pathos verhaftet und besitzt dadurch weniger Pop-Appeal sondern klingt roh, unkommerziell und bissig. Noise-Papst J.Mascis produzierte das Album “Inhaler” hochstpersönlich und Grunge Fans der ersten Stunde, für die das Genre tot war seitdem es auf MTV lief , hatten ihre integre Lieblingsband.

Mudhoney – Every good boy deserves fudge

(Sub Pop,1991)

Wir wollen mal nicht vergessen, wo der Seattler Sound herkommt. Aus dem Untergrund, vom Anti Rock N Roll der 80er Jahre. So sehr Nirvana auch versucht haben, den Sound der Pixies in das neue Jahrzehnt zu transferieren, tatsächlich gelungen ist dies in Wahrheit viel mehr Mudhoney. Dreckiger, räudiger und auch ein wenig dilettantischer Rock von der Straße. Straight in die Fresse, mit ein paar Surf-Einlagen, viel grimmigem Humor, einer zerfetzten, selbstironischen Punk-Attitüde… aber auch nicht ohne Humor. Zudem mit vielen Ecken und Kanten. Und geknallt hat es eigentlich auch immer. Schade, dass die Band ein wenig in Vergessenheit geraten ist. In der klassischen Seattler Grunge-Phase haben sie zu den Besten gehört.

Soundgarden – Badmotorfinger

(A&M,1991)

Wenn Nirvana die Songwriter, Pearl Jam die Stadionrocker und Mudhoney die Punker unter den Seattlern waren, so dürfen Soundgarden zumindest in ihrer Frühphase das Label Metal für sich beanspruchen. METAL, am besten groß geschrieben. Denn mit den sägenden Gitarren, den aggressiven Vocals und der Hartbrett-Akribie waren sie mitunter weitaus näher an 80er Trash-Größen als an dem Indie Rock, der den Grunge der frühen 90er beeinflusste. Das letzte Werk, auf dem man diese Herkunft noch bewundern darf, ist badmotorfinger, bevor es mit Hit-Singles wie “Black Hole Sun” Richtung Charts- und Grunge-Olymp ging. Und trotzdem ist dieses derbe Brett ein genuines Seattle Grunge-Album: Wut, Hass, Verzweiflung, Aggression und immer wieder ausbrechender Hedonismus. Inklusive einem guten Schuss 80er-Metal-Gepose… Funktioniert und gehört mit zum spannendsten Crossover, den die Seattle-Szene hervorbrachte.

Silverchair – Neon Ballroom

(Sony,1999)

Süüüüß! Klar, ihren Ruf als Boygroup des Grunge werden Silverchair wohl nimmermehr los. Und dabei bewiesen sie auf Neon Ballroom doch so beeindruckend, dass sie mehr drauf haben, als simpel arrangierte Balladen für ein durstiges Teen-Publikum. Neon Ballroom gehört zu den ersten wahren opulenten Brocken des Grunge. So etwas wie eine Antizipation dessen, was der Alternative Rock später mit den großen Alben von den Smashing Pumpkins, Live und Muse werden sollte. Pathos… ungeheurer Pathos. Eine epische Dichte, die direkt aus dem 80er Prog entliehen zu sein scheint. Und dazwischen diese himmlischen einfachen Kinderliedmelodien, die sich direkt ins Herz fressen und dazu verleiten, fröhlich jauchzend die Arme hochzureißen. Ein bisschen Zorn, ein bisschen Punk und ein bisschen Dreck gab es dann auch noch. Aber eigentlich bleibt Neon Ballroom für den Grunge das, was Pink Floyd in den 80ern für den Prog waren: Die epische Übersteigerung, die musikalische Zielstrebigkeit, das talentierte Schaulaufen, das alles andere als authentisch wirkt, dafür aber musikalisch umso mehr zu gefallen weiß.

Mother Love Bone – Mother Love Bone

(Stardog,1992)

Die Band vor Pearl Jam… Mother Love Bone, die sich nach nur wenigen Veröffentlichungen nach dem Tode des Sängers Andy Wood auflösten, sind so etwas wie die Vorboten des pathetischen, großen und mitreißenden Grunge der Marke Pearl Jam. Kein Wunder, initiierten doch mit Stone Gossard und Jeff Ament gleich zwei der ehemaligen Mitglieder die Seattler Band, die mit Alben wie Ten für großes Aufsehen in der amerikanischen Musiklandschaft sorgen sollte. Das posthum erschienene Mother Love Bone schmiegt sich dann auch tatsächlich – als quasi Best-Of – an den stadiontauglichen Rock von Ten und VS. an, jedoch nicht ohne ein gewisses Alleinstellungsmerkmal aufzuweisen. Die Mischung aus Hardrock, Punk und Lo-Fi ist ungemein sympathisch, direkt aus dem Leben gegriffen und fängt den Geist der damals in Seattle wehte perfekt ein. Zwischen Nostalgie und Aufbruchsstimmung, Resignation, Verlorenheit und verzweifelter Suche. Ein wunderbares Epitaph für ein Genre, dessen Zenit die ursprüngliche Band nie erleben durfte.


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>