Die 90er Jahre: Die besten deutschen Filme des Jahrzehnts I

Florian hat sich ja bereits der Thematik Deutscher Film angenommen, und auch ich denke eher mit Graus an Meisterwerke wie “Werner – Das muss kesseln” oder die nervigen Dorris Dörrie Verfilmungen zurück. Es gab aber meiner Meinung nach schon ein paar Perlen des deutschen Kinos der 90er Jahre, die es wert sind erwähnt zu werden und die ich auch heute immer noch sehr gerne schaue, ohne dafür de Nostalgie-Bonus zu bemühen. Mit Lola rennt ist Tom Tykwer sogar ein Film gelungen, der zum Kanon der 90er, nicht nur in Deutschland sondern auch international gehört, und auch die restlichen Provinz-Possen wie Karniggels und Bang Boom Bang (wo sind eigentlich alle die guten Pott-Komödien hin?) machen heute immer noch Spaß. Den Ösis, die auch hier mal wieder zu den Piefkes assimiliert werden, haben wir zu verdanken, dass auch der nötige Schuss schwarzer Humor und Raffinesse Einzug in unsere kleine Heimat-Rückschau fällt.

Lola rennt [Tom Tykwer]

(Deutschland, 1998)

Action, Schnitt, Action, treibende Techno Beats und Berlin. Joa, was 2011 dann doch ein wenig fad und durch wirkt, war 1998 eine kleine Sensation und ein großer Erfolg. Nicht nur in Deutschland sondern auch das Ausland stand Kopf bei diesem Hochgeschwindigkeits-Drama mit mehreren Erzählsträngen. Selbst amerikanische Erfolgsserien wie die Simpsons oder Scrubs zitierten dieses kleine raffinierte Meisterwerk. Tykwer setzt Berlin und auch seiner damaligen Muse Franka Potente ein kleines Denkmal und zeigte der Welt, dass Deutsche Filmemacher nicht nur bleischwere Dramen oder Filme über Nazis drehen, sondern auch innovativ und unterhaltsam sein können.

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Absolute Giganten [Sebastian Schipper]

(Deutschland, 1998)

Stell dir vor ein Tomte-Song würde Wirklichkeit und irgendjemand hätte die schwülstige und durchschnittliche Kumpel-Prosa von Thees Uhlmann doch noch um ein paar geniale Einfälle bereichert. Absolute Giganten ist ein tolles Manifest über Freundschaft, das Leben an für sich und ein Lehrstück darüber, wie nah Freude, Freundschaft und Abschiedsschmerz beinander liegen. In diesem Falle in der letzten gemeinsamen Nacht von den besten Freunden Floyd, Ricco und Walter. Dieser Abend wird zu einer Tour de Force durch die nächtliche Hanse-Stadt und schafft mehrere unvergessliche Momente für das deutsche Kino der 90er. Allein die Tischfußball-Szene aus mehreren Perspektiven ist Gold wert!

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Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding [Peter Thorwarth]

(Deutschland, 1999)

Gefühlte 70 % aller deutschen Filme spielen in Berlin, danach Hamburg und manchmal München. Wir Westfalen sind ja immer etwas unterrepräsentiert. Und dann hat man auch noch den Tatort aus dem Ruhrgebiet nach Köln und ins biedere Münster verlegt. Schade, wenn man überlegt das gerade der Ruhrpott so viele Stereotypen zu bieten hat, über die man locker 20 Filme machen könnte. So gibt es eben nur ein paar Ruhrpott-Komödien  und Bang Boom Bang ist sicherlich einer der ganz wenigen Pott-Filme über die man sagen kann, dass sie lustig, kultig und cool sind.

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Funny Games [Michael Haneke]

(Österreich,1997)

Michael Haneke hat großen Gefallen daran kontroverse Filme zu drehen, die den Zuschauer fordern und ihn noch eine ganze Zeit lang danach beschäftigen. Wie in seinen anderen Filmen benutzt er die spießbürgerliche Fassade, um sie einzureißen und den Blick auf alptraumhafte Situationen freizugeben. Wie zwei reiche und auf den ersten Blick wohlerzogene Jungs eine Familie mit sadistischen Spielen quälen, ist nahe an der Grenze der Unerträglichkeit, aber nie an der zum guten Geschmack. Am Ende haben wir diesen Film dann doch alle komplett gesehen und uns mit Fragen über den eigenen Voyeurismus , Moral und die Macht der Medien konfrontieren lassen.

Funny Games

Karniggels [Detlev Buck]

(Deutschland,1991)

Die typisch norddeutsche Eigenheiten sind immer wieder ein beliebtes Motiv in deutschen Filmen. Und auch in Bucks Heimat- und Polizisten-Komödie bekommen wir die Klischee vom unterkühlten Preußen, der in Sachen Empathie eher unterentwickelt ist, mal wieder bestätigt. Die Geschichte um Polizist Köppe, der von einer”Großstadt” wie Kiel träumt und dann doch nur einen Autodiebstahl in einem Kaff in Schleswig-Holstein aufdecken muss, ist eine liebenswerte Hommage und zugleich Persiflage auf den hohen Norden, dessen Mentalität und Befindlichkeiten.

Karniggels

Heimat 2 – Chronik einer Jugend [Edgar Reitz]

(Deutschland, 1992)

Da nennt man das Ganze schon Heimat und trotzdem gilt der Prophet nichts im eigenen Land. Der zweite Teil von Edgar Reitz Heimat-Trilogie ist zeitweise ausufernd, anstrengend, mitunter anstrengend und sicherlich avantgardistisches Kunstkino und schafft es trotzdem mit seinem Bilder und Ideen-Rausch auch den Normalo mit seinem Rausch an Einfällen in den Bann zu ziehen. Die Geschichte des hochtalentierten Künstler Hermann Simon, der aus der pfälzischen Provinz mit großen Erwartungen in das München der späten 60er ankommt, hatte im ZDF seine Premiere als 13-teilige Serie und stellte für ein Publikum, was eher seichte Rosamunde Pilcher Kost gewohnt war, (zu) ungewohnte Einsichten in die Zeit der Studentenunruhen, aber auch der bayrischen Landeshauptstadt und dessen Künstler-Milleu allgemein. Wer genug Zeit mitbringt erlebt einer der außergewöhnlichsten Momente deutscher Filmkunst, der zurecht mit Preisen überschüttet wurde.

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