Deutsche Filme der 90er Jahre: War da was?

Als ich die Liste für die besten Filme der 90er Jahre – sortiert nach Genres – angelegt habe, hat die ganze Redaktion fleißig mitgeholfen. Rinko hat dann auch ganz euphorisch eine Liste mit den besten deutschen – beziehungsweise deutschsprachigen – Filmen der 90er Jahre angelegt (Artikel von ihm in Arbeit), wovon ich so gut wie gar keinen kannte. Die, die ich kenne und sehr schätze, habe ich dann zu den anderen Genres gelegt… vorerst ohne mir große Gedanken zu machen. Es wäre mühselig jetzt zu grübeln, ob es Sinn macht, eine Best-Of-Liste für nationale Filme aufzustellen: Natürlich hat der Deutsche Film in jedem Jahrzehnt Spezifika, die ihn von anderen Ländern abheben. Und natürlich verdienen es diese Spezifika auch, näher genannt zu werden. Am stärksten kommt dies wohl beim Neuen Deutschen Film der 60er und 70er Jahre zur Geltung. Werner Herzog, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder… Diesen großen Regisseuren gelang es damals tatsächlich dem Deutschen Film eine besondere Note, ein Alleinstellungsmerkmal im internationalen Kino zu geben. Aber wie sieht es eigentlich in den 90ern aus? Was waren die Momente, die das deutschsprachige Kino von internationalen Produktionen abhob… Und sind diese ein Grund für cineastischen Patriotismus?

Ich gebe es gleich zu Beginn zu, bevor Missverständnisse entstehen: Als ich in meiner 90er Jahre Jugend filmisch sozialisiert wurde, wusste ich noch wenig von den großen Meilensteinen des deutschen Kinos. Die UFA-Klassiker wie Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) habe ich wohl eher um die Jahrtausendwende gesehen. Und auch die teilweise großen 60er und 70er Filmexperimente und Dramen waren mir nicht direkt geläufig. Und daher assoziierte ich den deutschen Film vor allem mit aktuellen Produktionen, die im Kino unterwegs waren. Und das Offensichtlichste, Penetranteste und Nervigste waren damals eben doch die deutschen Komödien, die durch Doris Dörrie initiiert und mit “schillernden” Regie-Namen wie Sönke Wortmann verbunden die hiesigen Lichtspielhäuser überrannten. Ganz schrecklich in Erinnerung ist mir noch der klischeetriefende Der bewegte Mann (1994) in Erinnerung. Wahrscheinlich DER Film, der Til Schweiger für mich unmöglich gemacht hat, der dazu geführt hat, dass seitdem jeder Schweiger-Film ein Stigma mit sich herum trägt, das verhindert, dass ich mir den jeweiligen Film anschaue. Ausnahme: Inglorious Basterds… ansonsten versuche ich den deutschen “Vorzeigeschauspieler” so gut es geht zu umgehen.

Aber auch darüber hinaus haben mich die deutschen Komödien nie jubeln lassen. Die ganzen Dörrie-Liebsfilme wie Bin ich schön? (1998)… gähnend langweilig. Sönke Wortmanns reihenweise Veröffentlichungen wie Kleine Haie (1991)… irrelevant. Selbst Detlev Buck, der ja eigentlich zu den Guten gehört, konnte mich mit schnarchigen Filmen wie Männerpension (1996) und Karniggels (1991) nicht begeistern. Im Gegenteil: Das Konzept Deutschsprachige Tragikomödie kam nicht nur ungeheuer bieder, unlustig und platt daher, sondern wurde darüber hinaus noch so inflationär ausgereizt, dass sich bei mir eine regelrechte Abscheu gegen das stagnierende, hiesige Kino herausbildete. Gerade der Mainstream-Film der damaligen Zeit, diese den Markt überflutenden Blockbuster, die nirgends ausser in Deutschland Erfolg hatten, sind (leider Gottes) für mich auch auf ewig mit dem Namen Bernd Eichinger verbunden. Ich weiß, dieser Mann hat verdammt viel für den deutschen Film getan und er möge in Frieden ruhen… Aber wer in den 90ern filmisch sozialisiert wurde, bekam irgendwann allein schon Ausschlag, wenn er auf einem Filmplakat die Subline “Eine Bernd Eichinger Produktion” lesen musste. Das war bereits ein Zeichen für biederes, unlustiges und absolut auf Gewinnmaximierung schielendes deutsches Blockbuster-Kino.

Neben den großen, populären Filmen etablierte sich an der Peripherie – nur um dann brutal ebenso zum Publikumsmagneten zu werden – der deutschsprachige Trash. Und dieser war nicht weniger schlimm als das Blockbuster-Kino… zumal er mit diesem verschmolz. Manta, Manta (1991), Manta – Der Film (1991) Voll normaaal (1994) etc. versuchten deutsche Mentalität zu persiflieren und scheiterten dabei grandios, indem sie zu ihrer eigenen hässlichen Parodie wurden. Dazu gesellten sich Trickfilm-Komödien Werner – Beinhart (1990) sowie Das kleine Arschloch (1997), die zwar ganz lustig sind, in ihrem eigenen Prolltum aber auch primär als nostalgische Reise und weniger als gute Filme funktionieren. Zu den bewusst trashigen Filmen gesellt sich dann auch noch eine Menge unbeabsichtigter Müll, wie der schmerzhaft dilettantische, unfreiwillig komische Bandits (1997), der unfreiwillig komisch zwischen aufgeheizter, stressiger Actionkomödie, Schnulze und Musical schaukelt.

Richtig peinlich wurde es in den – zum Glück seltenen – Fällen, in denen der deutsche Film versuchte das amerikanische Mainstream-Kino zu imitieren. Die RTL-Auftragsarbeit Der Clown (1996) “glänzt” mit teuren, ohne Timing inszenierten Actionszenen und einer redundanten Zeitraffer-Szenen-Zusammenstellung, die das geringe Budget nur allzu deutlich werden lassen. Ebenfalls ziemlich peinlich ist der deutsche Slasher-Versuch Anatomie (1999). Ganz nett, aber alles andere als aufregend gebiert sich der Verschwörungsthriller 23 (1998), der zwar beweist, dass Hollywood-Anleihen in Deutschland nicht peinlich sein müssen, von einem Meisterwerk aber auch weit entfernt ist. Eine – bedingt – rühmliche Ausnahme stellt ebenfalls Knocking on Heaven’s Door (1997) dar, der in der Retrospektive zwar auch ziemlich 90’s cheesy und mitunter peinlich an Hollywood-Gepflogenheiten anknüpfend wirkt, aber noch zu den besseren 90er Jahre Blockbustern made in Germany gehört. Das wäre dann auch so ziemlich der einzige Film mit prominenter Schweiger-Besetzung, dem ich etwas mehr abgewinnen kann. Einige Szenen wie das Ende sind sogar geradezu großartig komponiert… auch wenn der Film als Ganzes nicht über guten Durchschnitt hinauskommt.

Und damit dann doch noch schnell was, zu den mir bekannten Ausnahmen. Rinko wird mich in seinem Artikel hoffentlich noch auf den ein oder anderen grandiosen Film stoßen, der das 90er Jahre Kino in meinem Ansehen wachsen lässt. Das Problem dabei, die positiven Ausnahmen fanden zumeist an der Peripherie statt, waren für mich als Jugendlicher viel zu schwach wahrnehmbar. Als erstes muss hier natürlich der Name Tom Tykwer genannt werden, der mit Lola rennt (1998) (Die besten Filme für Musikliebhaber) einen grandiosen Bastard aus Videoclip und Fantasy/Action kreierte, der auch im Mainstream Anklang fand. Auch mit Winterschläfer (1997) hat der – vielleicht beste deutschsprachige Regisseur unserer Zeit – schon Beachtenswertes vollbracht. Ebenfalls begeistern konnte mich schon damals Joseph Vilsmaier mit Filmen wie dem brutal naturalistischen Stalingrad (1993) (Die besten Kriegsfilme), dem netten Hybriden aus historischer Tragikomödie und Musikliebhaberei  Comedian Harmonists (1997) und dem düsteren Schlafes Bruder (1995), der auch noch nebenbei beweist, dass selbst der deutsche Heimatfilm zu Großem in der Lage ist. Ob ich diese jetzt – unabhängig von ihrer Herkunft – zu den besten Filmen der 90er Jahre zählen würde…? Naja, eher nicht. Aber sehenswert sind sie allemal. Ebenfalls in die gelungene Düster-Ecke fällt das minimalistische Kammerspiel von Romuald Karmakar Der Totmacher (1995) (Die besten Serienkiller-Filme), das den deutschen Serienmörder Fritz Haarmann analysiert.

Auch im Komödien-Bereich gibt es zumindest ein bisschen erfreuliches. Ganz ganz vorne mit dabei natürlich Loriots grandiose Komödie Pappa ante Portas (1991) (Die besten Komödien). Mindestens erwähnenswert sind der Oscargewinner und wunderbare Kurzfilm Schwarzfahrer (1994) von Pepe Danquart und Oscar Dietls makabere – wenn auch etwas biedere und feige – Mediensatire Schtonk (1993). Achja, Otto – Der Liebesfilm (1992) fand ich damals auch noch sau komisch… der taugt mit seinem platten Nord-Humor mittlerweile aber auch am ehesten fürs Museum… Sorry Otto. Und dann gab es natürlich noch die Ausnahmen im Independent Kino, welches damals komplett an mir vorbei gegangen ist und das ich erst retrospektiv zu schätzen gelernt habe. Natürlich der grandiose Christoph Schlingensief mit seiner bitterbösen Deutschland-Trilogie und den folgenden Filme: Das deutsche Kettensägenmassaker (1990) (Avantgarde- und Trash-Spaß zugleich), Terror 2000 (1991), United Trash (1996) … jedes für sich ein kleines, dreckiges Meisterwerk zwischen Kunst und Müll. Dann ebenso der Österreicher Michael Haneke, der mit der Kafka-Verfilmung Das Schloß (1997) den Geist des Originals gut einfing und mit Benny’s Video (1992) ein respektables – wenn auch nicht bedingungslos grandioses – Mediendrama drehte. Sein Meisterwerk ist ohne Zweifel das fiebrige, bösartige Selbstreferenzialitäts-Monstrum Funny Games (1997) (Die extremen Filme) das mich damals bereits nachhaltig beeindruckte.

So viel zu meiner Erfahrung mit dem deutschen Kino der 90er Jahre. Mit der Hoffnung auf ein paar große neue filmische Entdeckungen – und vielleicht sogar einer kleinen Korrektur meiner Meinung – freue ich mich auf Rinkos Artikel zu dem Topos. Bis dahin fällt mein Urteil über den deutschen Film der damaligen Zeit allerdings eher vernichtend aus. Viel Durchschnitt, viele nervige Komödien, viel zu viel Trash und peinliche Anbiederung an Hollywood. Die wenigen rühmlichen Ausnahmen können leider nichts daran ändern, gerade weil ich den Eindruck habe, dass das deutsche Kino damals immer dann am besten war, wenn es weder versucht hat spezifisch deutsch zu sein, auf einer deutschen Trendwelle mit zu schwimmen, noch bemüht war, Hollywood nachzueifern. Und das kam nunmal einfach viel zu selten vor.

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