Ambivalenz als Markenzeichen – Gerhard Richter Retrospektive im Tate Modern (London)

Mit einem Œuvre, das über fünf Jahrzehnte zurückreicht gehört Gerhard Richter mittlerweile zu den bekanntesten und angesehendsten Künstlern der deutschen Postmoderne. Das Tate Modern in London zeigt ab Donnerstag – anlässlich seines 80. Geburtstags im Februar dieses Jahres – eine Retrospektive des beeidnruckenden und zugleich beispiellos ambivalenten Werk des faszinierenden Künstlers. Popjunkies dürften ihn am ehesten als den Verantwortlichen für das Coverartwork von Sonic Youth – Daydream Nation (1988) kennen, für dessen Frontcover die Zeichnung Kerze (1983) herangezogen wurde. Aber auch darüber hinaus hat Richter seine Spuren in der internationalen Kunstszene des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Es dürfte wohl schwerlich jemand zu finden sein, der nicht mindestens einmal über ein Bild Richters gestolpert ist.

Meine erste wirklich prägende Begegnung mit Gerhard Richter dürfte wohl im Museum of Modern Art gewesen sein, als dieses in der Neuen Nationalgallerie in Berlin 2004 ausgestellt wurde. Damals waren es vor allem seine fotografisch exakten, hinter einem obskuren alles verwaschenden Schleier verborgenen Fotografie-Abzeichnungen aus den 60er Jahren, die mich in ihren Bann zogen. Zwischen Realismus und dessen ästhetischer Aufbrechung bewegen sich die faszinierenden Gemälde, versprechen ein Stück Wirklichkeit und entziehen sich gleichsam dem Betrachter immer wieder. Ich glaube, ich habe nie wieder solche zu gleichen Teilen naturalistischen und abstrakten Zeichnungen gesehen. Beispielhaft für diesen Stil stehen die Bilder seiner RAF-Reihe, wie Erschossener (1988), in dem nicht nur durch den unpersönlichen – entnamentlichenden – Titel eine Distanz zum Sujet aufgebaut wird sondern ebenso durch den verwaschenen Blick auf den am Boden Liegenden. Damit stellt Richter nicht einfach Historie dar, viel mehr übernimmt er den Blick des distanzierten Rezipienten und konfrontiert diesen auf direkte Weise mit seiner eigenen Werksbetrachtung. Das Bild fordert sozusagen den realistischen, analytischen Blick des Kunstbetrachters und Geschichtsrezipienten heraus. Bis hierher und nicht weiter geht deine Wirklichkeit!

Auch darüber hinaus gelang es Richter immer wieder Stilmittel verschiedener Epochen und Bewegungen aufzugreifen und diese gekonnt zu brechen. Seine Einflüsse reichen weit: Von Pop-Art über Impressionismus, Expressionismus und Dadaismus, weit über die Moderne hinaus bis zu Minimalismus, Design und Collage-Technik. So spielt er in seinem Früh- wie in seinem Spätwerk mit abstrakten Maltechniken, nutzt in diesen Mechanismen und Betrachtungsweisen moderner Kunstbewegungen wie des Expressionismus und Fluxus, ohne jedoch bei deren Vorgaben stehen zu bleiben. So wird der Hang zum Abstrakten, der in seinem Spätwerk immer wieder zum Ausdruck kommt, gebrochen durch eine fast schon verspielte Leidenschaft, oder genauer gesagt eine Leidenschaft zum Spiel, mit der er seine abstrakten Werke immer wieder korrigiert, verwirft, verfremded und neu entwirft. Von diesem aufreibenden künstlerischen Schaffungsprozess legt Corinna Belz’ Film Gerhard Richter Painting (2011) Zeugnis ab, der diesen September im Kino anlief.

Um das beeindruckend Diskontinuierliche, Zerfetzte und Ambivalente in Richters Œuvre zu verstehen genügt es bereits, Werke wie das Richter-Fenster im Kölner Dom (2007), die Auftragsarbeit Wolkenbild ohne Titel (1978), Ema (Akt auf einer Treppe) (1966) oder Farbtafeln (1966) nebeneinander zu betrachten. Künstlerische Schöpfungen, die sich über das ganze Jahrhundert bewegen, bisweilen parallel entstanden sind und unabhängig von ihrer Gleichzeitigkeit oder zeitlichen Differenz von mehreren Jahrzehnten Vielfältigkeit und zugleich immer wieder erneut aufgegriffene Topoi und Techniken aufweisen. Gerhard Richter ist auch so etwas wie ein antizyklischer, antihistorischer Künstler, der sich stets mit den Trends seiner Zeit beschäftigte, um dann doch vollkommen neues, vollkommen anderes, vollkommen aus der Reihe fallendes zu kreieren. Ein anarchisches, unangepasstes und doch nach Input gierendes Momentum zieht sich durch die Divergenz seines Schaffensprozesses. Die Diskontinuität, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und Ungleichen gehört dabei fest zum Programm. So gesehen verschmelzen in seinem Lebenswerk auch Modernes, Antimodernes und Postmodernes zu einer atemberaubenden, stets aufs Neue überraschenden Bilderflut. Gerhard Richter ist ein Künstler, der sich nie festlegen ließ und gerade dadurch die Ambivalenz der postmodernen bildenden Kunst entscheidend mitgeprägt hat.

Weiterführende Links:

Wikipedia-Eintrag zu Gerhard Richter
Offizielle Website Gerhard Richters
Gerhard Richter: Maler gegen den Strom
Gerhard Richter im Tate Modern

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