Die 90er Jahre: Die besten TV-Serien des Jahrzehnts IV

Auf zum letzten Teil unserer 90er TV-Kanonisierung. Dieses Mal gibt es viel Teenagerherzschmerz, einmal der realistischen und zugleich hochästhetischen Art mit der wundervollen Drama-Serie Willkommen im Leben, einmal als warmherziges Nostalgie-Paket Wunderbare Jahre. Neben Teenagern war die Dekade gegen Ende besonders von den Arzt- und Krankenhausserien geprägt. Der Vorreiter Emergency Room soll hier nicht unterschlagen werden, ebenso wenig die makabere, surreale Umsetzung des Topos in Lars von Triers grotesker Horrorserie Hospital der Geister. Zum Lachen gibt es dann aber auch noch was: Das großartige Review-Format Mystery Science Theater 3000 und die sarkastische, trockene High School Außenseiterin Daria. Alles ordentlich sortiert und rezensiert… nach dem Klick.

Mystery Science Theater 3000 [Joel Hodgson]

(USA 1989 – 1999)

{10 Staffeln, 198 Episoden à 90 Minuten}

Das Mystery Science Theater gehört wohl tatsächlich zu den wenigen 90er Jahre Serien, die einen immensen Einfluss auf die Netzkultur unserer Zeit hatten. kein Let’s play, kein Nostalgia Critic, keines der zahllosen urkomischen Review-Podcast-Formate wäre ohne diese Mutter aller B-Film-Verrisse denkbar. Jede Episode widmet sich – neben einer total gaga’nen Weltraumhandlung – einem “schlechten” Film vergangener Zeiten: Die Meisterwerke des unfreiwilligen Trash-Kinos der 50er, 60er, 70er und 80er Jahre werden vorgeführt (auf jede erdenkliche Weise), rezensiert, kommentiert und mit manchmal albernen, dämlichen, manchmal schlicht genialen Onelinern durch die MST3K-Persiflage zertrümmert. Natürlich ein großartiger Spaß für alle Filmliebhaber und Filmhasser, aber auch darüber hinaus ein wegweisendes, abnormes Vergnügen, dem es gelingt zu gleichen Maßen Tribut zu zollen und gnadenlos mit den dunklen Seiten der Filmindustrie aufzuräumen.

Emergency Room [David Zabel]

(USA 1994 – 2006)

{15 Staffeln, 331 Episoden à 45 Minuten}

Oh mein Gott… ich weiß: Die 90er Jahre sind berüchtigt dafür, den TV-Markt mit unzähligen, durchschnittlichen bis miesen Arzt- und Krankenhausserien überrannt zu haben. Und Schuld daran trägt nur die eine! Wenn ich aber so zurückdenke, hatte ich vor dem ungeheuer nervigen OP-Boom eine Menge Freude an der Pionier-Serie Emergency Room. Nicht nur, weil sie nunmal einfach ein Klassiker und Vorreiter ist, auch nicht, weil es ER gelang die inszenatorische, dramaturgische und darstellerische Qualität des Kinos ins Fernsehen zu transferieren… nein! Auch nicht wegen George Clooney. Sondern einfach weil ER tatsächlich eine ungemein packende, komplexe und menschliche Drama-Serie ist, in der medizinische und humane Erfolge und Misserfolge nebeneinander koexistieren, in der genug Platz für Dramatik, Pathos, Spannung aber auch banale, alltägliche Menschlichkeit ist… weil Emergeny Room sich dadurch einfach von so vielen ihrer Epigonen abhebt, dass sie respektiert und geachtet gehört. Wurde vielleicht später – vor allem in den 00ern – von Staffel zu Staffel schlechter, steht aber in den 90ern einsam an der Spitze der TV-Medizin.

Hospital der Geister [Lars von Trier]

(Dänemark 1994, 1997)

{2 Staffeln, 11 Episoden à 45 Minuten}

Eine Krankenhausserie sticht noch hervor aus dem Wust an billigen OP-Tricksereien. Geister ist anders… ganz anders. Vom Dogma95-Exzentriker Lars von Trier ins Leben gerufen verbinden sich in Riget (so der Originaltitel) mysteriöse Spukgeschichte, Krankenhausdrama, Intrigen-Soap, blanker Horror und absurd komischer Surrealismus zu einem atemberaubenden Trip, den man in der Form seit Twin Peaks nicht mehr gesehen hat. Geister will alles, darf alles und tut auch alles. Wenn die Wände sprechen, wenn Geister erscheinen, wenn ausgewachsene Menschen geboren werden (!) und die Hölle ihre Pforten öffnet, dann ist das zu Sehende und Erzählte einfach fern jeder Konkurrenz jeder gewöhnlichen TV-Unterhaltung. Lars von Trier, auch im Fernsehformat weit über jeglichem Standard, jenseits jeder Vergleichsmöglichkeit.

Willkommen im Leben [Winnie Holzmann]

(USA 1994)

{19 Episoden à 45 Minuten}

Über eine Staffel kam die grandiose Drama-Serie Willkommen im Leben leider nie hinaus. Und das habe ich bis heute nicht überwunden. Unglaublich, diese Sensiblität, diese Authentizität und dieser Mut zur offenen Ansprache aller klassischen Teenager-Topoi: Sex, Gewalt, Drogen, Homosexualität, Hedonismus, Alkoholismus, die Gier nach Leben und das scheue Zaudern… der Mut, die Angst, die Hoffnung, der Spaß… auch der Humor. Ja, My so called Life ist mitunter pathetisch, kaum zu ertragen rührselig und kitschig, in seinen besten Momenten aber ungemein empathisches Fernsehen, mit dem Mut Teenager-Geschichten anders zu erzählen, mit dem Mut alles aufzudecken, alles zu thematisieren, was in diesen problematischen Kosmos gehört. Herausragend gespielt von den damaligen Jung-Schauspielern (unter anderem Claire Danes und Jared Leto) und dabei immer ehrlich, voller Traurigkeit und Lebenslust. Ein großes Serienereignis und meilenweit entfernt von all den grausigen Teen-Soaps der damaligen Zeit.

Wunderbare Jahre [Carol Black, Neal Marlens]

(USA 1988 – 1993)

{6 Staffeln, 115 Folgen à 25 Minuten}

Wo wir gerade bei Teenager-Herzschmerz waren… Die perfekte Verbindung von diesem mit einem großen Schuss Nostalgie, viel warmherzigem Humor und wunderbaren historischen Reminiszenzen stellt die in den 60ern und frühen 70ern angesiedelte tragikomische Serie The Wonder Years dar. Dank des wunderbar reflektierten Off-Erzählers vermögen es die Geschichten um den jungen Kevin Arnold ihre ganz eigene Magie zu entfalten. Vom ersten High School Jahr, über die große Liebe, familiäre Krisen, erste hemmungslose Partys bis zum großen Finale ist Wunderbare Jahre einfach ungemein warmherzige Retro-Unterhaltung mit einer riesigen Portion Charme und vielen spannenden Geschichten, die auch oft genug die Mentalität der damaligen Zeit widerspiegeln und dennoch sympathisch universell bleiben. Eine kleine und doch so große Dramödie über die Kindheit, die Jugend und das Leben an und für sich. Und, PS.: Nein, Paul wird nicht von Marilyn Manson gespielt.

Daria [Glenn Eichler, Susie Lewis Lynn]

(USA 1997 – 2001)

{5 Staffeln, 65 Episoden à 25 Minuten}

Hach ja… Daria. Gab es eine großartigere Zynikerin in den 90er Jahren? Wohl kaum. Die MTV-Zeichentrickserie lebte voll und ganz vom sarkastischen, trockenen Charme ihrer Protagonistin. Außenseiter? Na und! Daria hatte nicht nur das Herz am rechten Fleck sondern auch ordentlich Eier in der Hose (ähmmm) und ließ sich von den tumben Cheerleadern, Supermodels und zukünftigen Anwältinnen nicht so schnell etwas vormachen. Mit ihrem sarkastischen Selbstbewusstsein und ihrem rauen Charme war sie sogar so etwas wie eine Postfeministin (oder wie man das derzeit nennt) und zugleich der Prototyp eines sympathischen, weiblichen Geeks, der sich dennoch immer durchzusetzen weiß. Ja, Daria war schon verdammt cool, lustig war die Serie ohnehin, für Zeichentrick erstaunlich authentisch… und mitunter sogar mit gewitzten – ohne erhobenen Zeigefinger vorgetragenen – Messages gesegnet. MTV von seiner besten Seite.

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