Hörenswertes September 2011 IV: Girls, Samiam, Kasabian, Roman Flügel, J.Cole, Feist

Mädchen machen Musik, obwohl sie Jungs sind und eigentlich klassischen Alt-Herren-Rock spielen. Alles klar? Falls nicht, auch nicht weiter schlimm. Denn allzu komplex kommt der Classic Rock von den Girls nicht daher, und auch Kasabian schocken ihre Fans nicht mit übermäßigem Einfallsreichtum. J. Cole gibt sich ebenfalls betont konservativ und Roman Flügel war schon Spex Liebling des Monats. Überraschungen bleiben also aus, dafür gibt es erfreulicherweise keine Ausreißer nach unten.

Samiam – Trips

(09.09.2011, Hopeless/Soulfood)

Wenn dir wohlige Schauer über den Rücken laufen, ist das immer ein sehr gutes Zeichen für ein gelungenes Album. Während ich “Trips” von Samiam höre werde ich allmählich wieder 18 und erinnere mich an die Zeit, als  Melody Punk Koriphäen wie Millencollin und Samiam bei mir rauf und runter liefen und zu “Stepson” und “Mud Hill” immer wieder mal eine Träne das Bierglas fiel. So gut hatte ich die selbst in meinem rosarotesten Erinnerungen nicht mehr in Erinnerung. Wie Rival Schools präsentieren sich Samiam endlich wieder in Bestform ohne peinlich auf jugendlich zu machen, aber auch ohne wie eine saftlose Altherren-Band zu wirken. Der Sound ist zudem schön druckvoll und für eine Punk-Produktion schon fast zu gut produziert. Aber so geil war der Scheppersound früherer Tage ja nun auch wieder nicht. Was ein wenig fehlt, ist ein emotionaler Höhepunkt wie eben “Stepson”, aber die ewige Heulerei bringt ja auf Dauer und vor allem im Alter auch nix. Insofern…

Kasabian – Velociraptor

(RCA/BMG, 16.09.2011)

Die Band ist ein Phänomen. Ohne wirklich gute Songs haben sich Kasabian über die Jahre gerade in England, wo sie tatsächlich Rockstars sind, zu einer festen Größe im Indie-Rock-Zirkus entwickelt und veröffentlichen nun schon das sechste Album. Wer jetzt damit gerechnet hatte, dass Kasabian auch mal was anderes machen als 60er Musik mit Früh-90er-Rave Sound zu mischen, kann auch diesmal getrost die Band aus Leicester ignorieren. Es hat sich mal wieder nichts geändert: Diese Band kann immer noch keinen großen Song schreiben, macht allerdings aufgrund ihrer Dumpfbackigkeit im richtigen Moment immer noch großen Spaß oder um es anders zu sagen: Kasabian sind die beste mittelmäßige Band derzeit und irgendwann schaffen die es auch mal richtig gut zu sein… Bestimmt.

Roman Flügel – Flatty Folders

(Dial Records, 21.09.2011)

Roman Flügel war mir bisher gar kein Begriff, aber bei dem Namen Sensorama hat es dann doch geklingelt. Das Video zu Star Escalator lief eine zeit lang auf Viva 2, dem wahrscheinlich progressivsten Musiksender, der diese Republik jemals heimsuchte, und überzeugte mit mimimalistschen und ausgefeilten Electroklängen, wie sie auch Kreidler und Mouse on Mars im Angebot hatten… sowas wie die legitimen 90er Erben von Kraftwerk eben. Roman Flügel hat nun das Album Flatty Folders am Start und wieder möchte man dazu “intelligenter Techno” sagen. Wenn das nur nicht so eklig nach Spex klingen würde, die das Album übrigens abfeiert und zur Platte des Monats gemacht haben.

Flatty Folders ist trotzdem wirklich kein Flatrate-Techno von der Stange: Auch electro- und techno-unaffine Menschen könnten an den schön perlenden Klängen ihren Gefallen haben und dazu ein kühles Getränk ihrer Wahl trinken… muss ja kein Chateau Rotschild sein. Eleketronische Kammermusik kurz vor dem Übergang zum Herbst.

J.Cole – Cole World: The Sideline Story

(RocNation,23.09.2011)

A Star is born verkündete Jay-Z auf seinem letzten Album, als er seinen Protegé J.Cole ankündigte. Großartige Videos wie zu “Simba” und “Who Dat” sorgten für einen großen Buzz in der Blogosphäre und gaben dem Album Coleworld schnell das wichtige Prädikat “high-anticipatet”. Die abnormal großen Erwartungen kann er leider nicht erfüllen und doch ist The Sideline Story das beste Rap-Album was ich dieses Jahr gehört habe. Kein David Guetta oder Euro-Dance stört hier den Flow. Stattdessen ist das Album im bestem Sinne des Wortes schön konservativ ausgefallen und erinnert angenehm  an die späten 90er, als ein MC noch sowas wie einen Flow besitzen musste und nicht diverse Autotune-Spieleren aus dem ganzen Sound eine Karikatur gemacht haben.

Die Beats von Cole sind nicht sonderlich innovativ, aber  solide. Und wenn ich mir vor Augen halte, wie die Amis verschimmelten Ibiza House als neues Ding feiern, muss ich zugeben, dass mir diese smoothen Jazz-Einlagen lieber sind als das nächste Proll-Disco-Massaker von Pitbull. Damit die Clubs auch noch was abbekommen, dafür sorgen Jay-Z und Missy Elliot, von der man ja auch länger nichts mehr gehört hat und die hier einen überraschend guten R`n B-Einsatz hinlegt. Coleworld ist trotzdem nicht DIE Rettung oder DAS große Rap-Album auf das alle warten. Dafür sind einfach zwei oder drei zu viele mittelmäßige Songs darauf. Aber ein schönes Album, das einen wieder in die Zeit vor dem Euro-Trash zurückholt und  Erinnerungen an qualitativ hochwertigen Hip Hop weckt, ist es allemal. Keine Frage, J. Cole gehört zu den Guten im Game, aber noch nicht zu den Großen.

Feist – Metals

(Polydor/Universal,30.09.2011)

Yeah, was habe ich mich auf das Album gefreut.  Das zweite Werk Feists “The Reminder” gehört immer noch zu den besten Pop-Alben der 00er Jahre und ist ganz klar in meinen Top 5 dieses Jahrzents. Ein wenig lange, genauer 5 Jahre, hat sich Leslie Feist Zeit gelassen für ihr neustes Werk Metals… und schon bald fragt man sich warum eigentlich. Der Mix aus Blues, Indie und Pop hat sich nicht geändert und ist lediglich ein kleines Update von dem letztem Album, auch wenn der fröhliche Jam-Charakter einer gewissen Ernsthaftigkeit gewichen ist und Frau Feist selten zum Träumen dafür viel mehr zum Genuss einlädt. Ein Album auf höchstem Niveau ist es geworden, aber auch ein ein wenig Ängstliches; und gerade aus Montreal mit allen seinen Spinnern wir Arcade Fire und Broken Social Scene ist man Mutigeres gewohnt. Die Indie Königin ist nun zur Grande Dame geworden und weniger unnahbar, dafür aber auch berechenbarer. Trotzdem ist ihr mit wunderschönen Stücken wie dem “Opener The Bad In Each Other” und vielen anderen liebreizenden Songs wieder ein überzeugendes, wenn auch zu perfektionistischen Album gelungen.

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