Smells like Twen Spirit: 20 Jahre Nirvanas Grunge-Klassiker Nevermind

Ich weiß gar nicht mehr, wann genau wir zu Hause in unserem verschlafenen Ortsteil zum ersten Mal Kabelfernsehen empfangen haben. Und ich weiß auch nicht mehr genau, wann ich dadurch zu meinen ersten – damals noch englischsprachigen – MTV-Erlebnissen gekommen bin. Aber es muss wohl Anfang der 90er Jahre gewesen sein, denn zu meinen nachhaltigsten Videoclip-Erlebnissen aus dieser ganz persönlichen Pionierzeit zählt neben “No son of mine” von Genesis und “November Rain” von Guns N Roses definitiv das Musikvideo zu Smells Like Teen Spirit von Nirvana. Um zu glauben, dass ich was wirklich Großes, die Geburt einer Legende miterlebe, dafür war ich mit meinen gerade mal zehn Jahren wahrscheinlich noch zu jung. Aber sie haben mich damals schon fasziniert, diese wild umher tanzenden Teenager, dieser Opium- und Adrenalinrau(s)ch, der in der Luft lag… und natürlich auch die gewaltige Mischung aus Rock, Metal, Punk und Pop, die damals durch die mangelhaften TV-Lautsprecher auf mich niederprasselte.

Am 24. September 1991 wurde Nevermind von Nirvana veröffentlicht: Eine ganze Riege an großen Grunge und Rock N Roll Hits, angeführt von diesem unglaublich eingängigen Teenage-Lust-Aufschrei “Smells like Teen spirit”, von diesem Flehen um Beachtung, um Zerstreuung, um schmerzhaften Hedonismus und den Ausbruch aus der eigenen Langeweile: “With the Lights out its less dangerous. Here we are now. Entertain us!” Was für ein Schlachtruf. Ein Manifest für eine Generation, die versuchte sich nach 70er Aufbruch und 80er Resignation neu zu formieren. Ich selbst habe Nevermind wahrscheinlich im Jahr 1992 oder 1993 zum ersten Mal in aller Ausgiebigkeit gehört, als der Hype gerade sein Zenit erreicht hatte, als Nirvana endgültig zu Rockstars geworden waren. Ein Tape, Halleluja! Es war ein Tape, das ich in einem Rutsch durchhörte um es gleich danach noch einmal im Deck rotieren zu lassen. Was für ein Erlebnis! Nicht nur der große Hit, der den Teenager-Geist heraufbeschwört – und auch heute noch in allen Alternative-Discos zu hören ist – sondern auch die anderen großen Stücke: Das dunkle vom Popgestus durchsetzte In Bloom, das verzweifelt hedonistische Lithium, das verregnete Something in the Way… jedes für sich ein faszinierendes musikalisches Kleinod.

And I forget just why I taste
Oh yeah, I guess it makes me smile
I found it hard, it’s hard to find
Oh well, whatever, nevermind

Die Faszination ist wieder – immer noch – da, wenn ich Nevermind heute, längst digital, durch meine Boxen rauschen lasse. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als die Band und Kurt Cobain praktisch im Alleingang mit diesem Hit-Album den Grunge poptauglich machten. In der Bravo gabs dann auch einen groß illustrierten Beitrag über jugendliche Subkulturen. Und eine Grungerin musste natürlich auch dabei sein und davon erzählen, wie in der Musik Nirvanas Weltschmerz und Lebenslust zusammen treffen. Die neue Tiefgründigkeit, die neue Leere, das neue Aufbegehren… alles wie gehabt auf Anfang. Und Nevermind lieferte den subversiven und zugleich massentauglichen Sound dazu. Im Musikvideo zu “In Bloom” durfte die Band sich dann auch gleich die eigene Beatlemania zurecht schneiden. Wahrscheinlich ahnten sie damals schon, dass sich ihr Leben durch den großen Erfolg um 180° gedreht hatte. Auch das garstigere In Utero, das zwei Jahre später erscheinen sollte, änderte nichts an diesem Umstand:

He’s the one
Who likes all our pretty songs
And he likes to sing along
And he likes to shoot his gun
But he don’t know what it means.

Klar, Nevermind war der größtmögliche Kompromiss zwischen Punk Rock und Pop, der damals denkbar war. Melodien für Millionen ohne Zweifel. Ein Hit-Album… und doch klingen in jedem noch so eingängigen Ohrwurm Nirvanas der Schmerz, die Dunkelheit, die unbändige Leidenschaft für das Andere mit. Nevermind ist ein Rockgott von Musikern, die keine Götter sein wollen, die gegen die eigene Leere ankämpfen und in jeder Hookline damit ungemein erfolgreich sind. Ich glaube, ich habe mich damals – im Gegensatz zu vielen Seattler Jugendlichen – nicht leer gefühlt. Viel zu behütet war mein Aufwachsen, zu spannend mein Leben zwischen Kindheit und Jugend. Aber auch ich habe eine löchrige Jeans und ein Holzfällerhemd getragen. Keine Frage, ich war ein Mode-Grunger, als ich so Anfang 13 oder 14 war, als ich mich zum ersten Mal – ausgelöst durch den Tod Kurt Cobains – näher mit dem Phänomen Nirvana auseinandersetzte. Die Nevermind rotierte immer noch regelmäßig im Tape-Deck, wurde aber ergänzt und sukzessive abgelöst durch die große – Unplugged Scheibe – und den meiner Meinung nach viel stärkeren Nachfolger In Utero (1993). Aber verdammt nochmal, geht mir gerade das Herz wieder auf, wenn ich heute, 20 Jahre später wieder durch die Nevermind höre.

Es ist gar nicht so sehr die Ikonographie des Albums, es ist gar nicht so sehr das Image: In die Musikgeschichte eingegangene Episoden  wie der Konflikt um das legendär gewordene Artwork, das den vier Monate alten Spencer Elden darstellt, wie er nach einem Dollar fischt: Penis zeigen, ja oder nein? Alternativcover? Pädophilievorwurf? Oder die Geschichte von dem Teen Spirit Deo, das für den Titel des Openers verantwortlich ist (“Kurt smells like Teen spirit” sprühte seine damalige Freundin an die Wand von Cobains Wohnung) und sich in Folge des Hypes um Nirvana unglaublich gut verkaufte… Das sind spannende Episoden im Umfeld des Albums, aber die eigentliche Faszination, die eigentliche Größe ist nach wie vor werkimmanent.

I like it. I’m not gonna crack.
I miss you. I’m not gonna crack.
I love you.I’m not gonna crack.

Es ist einfach diese unglaubliche Mischung aus Hedonismus, Wut, Schmerz, Resignation… aus dem gesamten Teenager-Gefühlsleben. Polly, der Singer/Songwriter-Absacker gefolgt vom totalen Riff-Attacken-Overkill, Territorial Pissing. Laut-Leise-Schemata innerhalb von Songs und zwischen ihnen. Wie vom wütenden Aufschrei von Teen Spirit zur annähernden Ballade Come as you are gewechselt wird, wie sich die Band in beinahe countryesken Klängen verirrt nur um kurz darauf hingerotzte, frische Erlösung zu finden. Die Düsternis, die durch den Krach aufgesprengt wird, zurück zur Trance findet und sich wieder und wieder in sich selbst verliert. Nevermind ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Dicht gesponnen und ständig zwischen Höhen und Tiefen taumelnd. Produzent Butch Vig, der entscheidenden Einfluss auf den Erfolg des Albums hatte, indem er Songs wie “Smells like Teen Spirit” umarrangierte, bezeichnete dies dann auch konsequenterweise als “Stop-and-Go-Technik”. Loslaufen und stolpern. Springen und aufschlagen. Fallen und liegen Bleiben… und plötzlich wieder wie ein Berserker losstürmen. Es gibt keinen steten Fluss in Nevermind, sondern ein ständiges Auf und Ab, eine unkontinuierliche Bewegung, voller Schnitzer, Stolperer und Ruckeleien. Es ist diese perfekt arrangierte Anti-Perfektion, die das Album vom klassischen Metal- und auch Punk-Fluss abhebt, die ihm sowohl Pop-Charme als auch subversive Rock-Leidenschaft gibt.

Und ja, es funktioniert auch noch heute. Ich bin gerade mal wieder hin und weg von dieser Fülle an großartigen Songs, an großartigen Momenten. Klar ein wenig Nostalgie schwingt da auch mit. Aber das ist es nicht allein. Es ist tatsächlich die Freude über starke Melodien, über eingängige Strukturen, gepaart mit Leidenschaft, Aggression und waghalsigen Stop-and-Go-Attacken. Nevermind wird 20 Jahre alt… und die beste Möglichkeit diesen Geburtstag zu feiern besteht immer noch darin, das Album einfach in einem Rutsch durchzuhören, zu genießen und sich erneut mitreißen zu lassen. Happy Birthday Baby. Wir hören uns demnächst wieder… Mit Sicherheit.

Take a rest
as a friend
as an old memoria
Memoria
Memoria
Memoria


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