Die 90er Jahre: Die besten Dokumentarfilme des Jahrzehnts I

Wie schon in der 00er-Filmretrospektive können wir uns, nachdem wir den fiktionalen Stoff hinter uns gebracht haben, der Realität widmen. Es gab einige großartige Dokumentarfilme in den 90er Jahren, aber ich befürchte auch hier habe ich Nachholbedarf. Die zwölf Filme, die jetzt – und im anschließenden zweiten Teil – folgen sind es aber allesamt wert gesehen zu werden. Es geht hinab in die Tiefen und Untiefen der deutschen Filmgeschichte, festgehalten in einem künstlerischen und menschlichen Porträt Leni Riefenstahls, weit hinein in die Befindlichkeiten Amerikas: Legendäre Boxkämpfe beim Rumble in the Jungle, legendäre Comickunst und Exzentrik von Robert Crumb, legendäre Filmgeschichte bei Francis Ford Coppolas Reise in die Hearts of the Darkness… und daneben gibt es auch noch einen Blick auf die kleinen großen Momente, die Glocken aus der Tiefe des russischen Glaubens und Aberglaubens und die Amerikanischen Träume, die an der harten, kapitalistischen Realität scheitern.

Glocken aus der Tiefe – Glaube und Aberglaube in Russland [Werner Herzog]

(Deutschland 1993)

Werner Herzog ist nicht einfach nur ein Regisseur: Er ist ein Poet, ein Lyriker, der mit der Kamera herausragende Gedichte zaubert. So sind auch seine Dokumentationen immer viel mehr Filmessays, die zwischen realistischer Dichtung und verwegenem Blick pendeln. In dem 60Minüter “Glocken aus der Tiefe” widmet sich die Ikone des neuen deutschen Films dem Glauben und Aberglauben in Russland. Er begleitet einen Wanderprediger, beobachtet diesen bei seinen Heilungen, taucht tief ein in die Bilder der russischen Mythologie und landet schließlich bei Legenden und deren Erzählungen. Glocken aus der Tiefe ist ein ruhiger Film, der sich Zeit lässt für seine Bilder, weniger effektheischend und erklärend als viel mehr wahrheitssuchend ist. Eine bewusste Anti-Dokumentation, die mit Bildern weitaus mehr offenbart als es jedes dokumentarische Wort könnte.

When we were Kings [Leon Gast]

(USA 1996)

Der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman 1974 – der Rumble in the Jungle – ist in die amerikanische Sportgeschichte eingegangen. Den Weg zur Legendenbildung, den Kampf selbst und die daraus entstandene Ikonographie Alis zeichnet “When we were kings” auf eindrucksvolle Weise nach. Das liegt vor allem daran, dass er die politischen Implikationen des Kampfes zwar anreißt, sich letzten Endes aber voll und ganz der Schönheit des Schlagabtauschs und Sports hingibt. Ali mit seiner faszinierenden “Rope-A-Dope”-Taktik, die Ratlosigkeit Foremans, die Angeheiztheit der Massen in Zaire… When we were Kings gelingt es beinahe spielerisch die Faszination für alle Facetten des Kampfes – das Davor, das Danach, das unmittelbare Erleben – und den Mythos Muhammad Ali greifbar und spürbar zu machen. Ein fesselndes Sportfilm-Erlebnis und ein gewaltiges Geschenk an alle Zuspätgeborenen.

American Dream [Barbara Kopple]

(USA 1990)

Wenn es so etwas wie ein solidarisches Kinop gibt, dann ist American Dream sein perfekter Vertreter. Mit unglaublicher Empathie, gepaart mit dokumentarischem Gespür und präzisem Blick auf Konvergenzen und Divergenzen begleitet Filmmacherin Barbara Kopple den Arbeitskampf einer Industriebelegschaft in Austin (Texas). Sie beobachtet die Arbeiter bei ihrem “wilden” Streik, die Kämpfe innerhalb der Arbeitervertretungen und Gewerkschaften, die Statements der Konzernleitung und kommt so zu einem facettenreichen Blick auf die alltäglichen Konflikte der Marktwirtschaft. Mehrere Jahre Ringen, gebannt in ein 100minütiges, dichtes, naturalistisches Dokumentarfilm-Drama: Ehrlich, direkt, differenziert und zugleich ungemein leidenschaftlich und aufrüttelnd.

http://www.cabincreekfilms.com/films_americandream.html

Hearts of Darkness – A Filmmaker’s Apocalypse [Fax Bahr, George Hickenlooper]

(USA 1991)

Preisfrage: Die wahnwitzigste Filmproduktion ever? Richtig, Apocalpyse Now (1979), Francis Ford Coppolas Vietnam-Opus: 16 Monate Drehzeit, Stürme, Setverwüstungen, Herzinfarkte, Ehekrisen… der Dreh des gewaltigen Kriegsfilm-Meisterwerks ist längst zur Filmmacher-Legende geworden. Hearts of Darkness dokumentiert diese Produktions-Apokalypse, nutzt dazu – teilweise von Coppola selbst aufgenommenes – Behind-The-Scenes-Footage, spricht mit Cast und Crew und versucht so die Realität hinter dem Mythos sichtbar zu machen. Dass diese noch viel krasser, noch viel extremer ist, als der Mythos vermuten lässt… umso besser. So wird Hearts of Darkness zur faszinierenden Retrospektive auf eine Odyssee, die in einer Zeit stattfand, als Filme zu machen mitunter noch ein waghalsiges Abenteuer bedeuten konnte.

Crumb [Terry Zwigoff]

(USA 1995)

Von einem exzentrischen Genie zum Nächsten. Terry Zwigoff betrachtet das Leben von Robert Crumb, dem exzentrischen Comiczeichner, der unter anderem für Fritz the Cat (1965 – 1972) die Zeichnungen von American Splendor (1976 – 2008) - Remember Harvey Pekar – und diverse andere Underground-Comics verantwortlich ist. Anstatt jedoch just another simple Biopic abzuliefern, packt Zwigoff auch gleich noch den Rest der exzentrischen Familie Crumb – die beiden Brüder + Frau und Kinder – in die Dokumentation und kreiert dadurch einen epischen Film über künstlerische Leidenschaft, künstlerisches Außenseitertum und das alltägliche Leben, das sich in und hinter den Extremen abspielt. Ganze neun Jahre verschlang der Abgesang auf die amerikanische Untergrund- und Subkultur und jede einzelne daraus entstandene Minute ist es wert gesehen zu werden. Abseits, anders, krude, manchmal verwirrt und inkosistent… aber genau deswegen die perfekte Durchleuchtung des antiamerikanischen-amerikanischen Traums.

Die Macht der Bilder: Leni Riefenstahl [Ray Müller]

(Deutschland 1993)

Eines der gewagtesten Künstlerporträts nicht nur der 90er Jahre sondern des deutschen Kinos überhaupt ist mit Sicherheit das dreistündige Mammutwerk “Die Macht der Bilder”, das sich mit dem Leben von Leni Riefenstahl auseinandersetzt. Dabei wählt Regisseur Ray Müller nicht den einfachsten Weg, den ambivalenten Werdegang Riefenstahls einfach nachzuzeichnen, er konfrontiert stattdessen die 90jährige Regisseurin und Hitler-Freundin mit ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihrer politischen Verstrickung in den Nationalsozialismus. Aus diesem spannenden Ansatz entsteht ein großer Kampf zwischen Selbstdarstellung und Wirklichkeit, zwischen Kunst, Politik und Leben, zwischen Mythenbildung und Mythendekonstruktion. Denn das ist “Die Macht der Bilder” im Besonderen gelungen: Den doppelbödigen Mythos um die Olympia-Regisseurin neu zu entfachen und im gleichen Atemzug als eben solchen zu entlarven.

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