Die 90er Jahre: Die besten Grunge-Alben des Jahrzehnts I

Schon bald erscheint ein Film über Pearl Jam (“Twenty”) und auch die Jubiläums-Edition von Nevermind steht bald in den Läden. 20 Jahre sind seit dem großen Knall vergangen, als eine unspektakuläre und beschauliche Großstadt im Nordwesten erst im Fokus der Musikmagazine stand und später nach dem weltweiten Über-Nacht Erfolg von Nirvana plötzlich Gesprächsthema und Trademark für einen Sound wurde, der aus der Not von ein paar Metal und Punk-Kids erfunden wurde, weil eben keine der coolen Bands auf Tour in ihre Stadt kam und sie selber was auf die Beine stellen mussten. Noch bis Ende der 80er waren lediglich nur Musik-Nerds über die vitale Musiker-Szene in Seattle informiert, bis dann Nirvana, die schon mit Bleach einen Achtungserfolg feiern konnten, mit ihrem Song “Smells Like Teen Spirit” wie eine Bombe einschlugen und den ganzen Kids, die von der glatten Yuppie Musik ihrer Eltern angenervt waren, rund um den Globus plötzlich ein Idol namens Kurt Cobain gaben. Er betonte zwar stets, kein Star sein zu wollen, unternahm aber gleichzeitig auch nichts dagegen, bis ihn sein Dämon langsam auffraß und er mit seinem Freitod Jahre später das Kapitel Grunge beendete.

Wie hätte er wohl darauf reagiert, dass sein Bandkollege Dave Grohl mittlerweile breitbeinigen Macho-Rock spielt oder dass Bands wie Creed Grunge in die Stadien und Format-Radios holen und mit christlich-fundamentalen Elementen den Weltschmerz-Sound ihrer musikalischen Vorbilder kopieren. Wie werden es leider nie erfahren und machen einen Zeitsprung zu den Anfängen der 90er, als “diese Cobain Schwuchtel kam und alles kaputt gemacht hat” ( Zitat Randy in The Wrestler), in eine Zeit als ein Subgenre zu einem weltweiten Musik-und Modetrend wurde, dem sich auch Hollywood annahm. Die Bilanz nach dem Hype dagegen war erschütternd: Mit Kurt Cobain und später Layne Staley verlor Grunge seine besten Leute, noch viele andere große Talente und auch endgültig seine Unschuld.

Alice in Chains – Dirt

(Columbia, 1992)

Wäre Layne Staley doch nur in L.A. aufgewachsen, er hätte vielleicht mit Alice In Chains weiterhin lustige Glam-Metal Songs geschrieben und von dem Leben als Rockstar geträumt. Es sollte anders kommen und die Band führte eine Kurskorrektur weg vom Glam Image hin zu dem neuen düsteren und schwermütigen Sound ihrer Heimat-Stadt Seattle, die zum Mekka der Grunge Bewegung wurde. Anfangs noch für den plötzlichen Sinneswandel belächelt, gelang es Alice in Chains neben Soundgarden zu dem innovativen Motor des Seattle Sounds zu werden. Die Schwermütigkeit, die Todessehnsucht, den Selbsthass und die Einsamkeit eines Junkies, der Staley zu dem Zeitpunkt schon war, hat kaum andere Band aus diesem Genre so schmerzvoll und überzeugend vertont. Der depressive Lava-Sound von Jerry Cantrell war eigentlich für den Mainstream immer eine Spur zu ungenießbar und konnte trotzdem Klassiker wie “Them Bones” und “Would?” abwerfen. Die Band gilt heute nicht wenigen als die beste Band, die der Grunge-Hype nach oben brachte.

Soundgarden – Superunknown

(A&M, 1994)

Oh Chris Cornell, was ist nur aus dir geworden? Ja, genau du, der jetzt mit Timbaland blöde Videos dreht und ein nettes und zwei unfassbar – sagen wir es doch einfach mal wie es ist – beschissene Mainstream-Alben veröffentlicht hast. Soundgarden waren quasi die Mit-Erfinder des Seattle-Sounds und galten schon früh als respektable Größe in der Seattle-Szene. Der Sound war zwar von Testosteron-Rockern wie Led Zeppelin beeinflusst, aber verband diesen mit der Wuchtigkeit von Metal und der Rotzigkeit des Punk. Das dritte metal-lastige Album “Badmotorfinger” erschien 1991, das Jahr in dem Grunge seinen Durchbruch “feierte”, und begeisterte bereits die Fachpresse. Das drei Jahre später erschienene Superunknown ist schon eine Spur glatter produziert und sicherlich mainstream-tauglicher, beweist aber trotzdem die damals noch vorhandenen Songwriter-Qualitäten von Chris Cornell, der Soundgarden auf ein neues musikalisches Level führte und ihnen Instant-Klassiker wie “Black Hole Sun” und “Feel On Black Days” auf den Leib schrieb. Nach den schweren persönlichen Verlusten wurde Grunge nun endgültig erwachsen.

7 Year Bitch – ¡Viva Zapata!

(C/Z Records 1994)

Tja, wie immer. Die Kerle bekommen den ganzen Ruhm ab… Und doch hatte der Grunge eine Menge guter Frauen-Bands zu bieten. Da der Sound aus Seattle anfangs auch noch so etwas wie die zweite Punkwelle war, kamen bei 7 Year Bitch politische Anti-Haltung und Feminismus zu Wort. Der Sound von 7 Years Bitch hat dann keine Stadien-Füller wie Alive zu bieten sondern bleibt stets dem rohen Ursprungs-Sound und Punk-Spritit der Szene verhaftet. ¡Viva Zapata! ist der The Gits-Sängerin Mia Zapata gewidmet, die an den Folgen einer brutalen Vergewaltigung starb und ist dadurch nicht nur rotzig und punkig, sondern trägt auch die notwendige Wut in sich, um 7 Year Bitch von klassischem alternativen Rock und Standard-Agitpop abzuheben.

Pearl Jam – Vitalogy

(Sony, 1994)

Kurt Cobain spottete stets über die Band, die so gar nicht zu seinem Punk Ideal passten und mitunter traditionell pathetischen Classic Rock spielten. Der Superstar-Status nach dem millionenfach verkauften “Ten”und das gute Aussehen von Eddie Vedder vertrug sich nicht mir der (ebenfalls partiell inszenierten) Anti-Haltung der frühen Grunge-Bands. Das dritte Pearl Jam Album zeigt sie dann doch in ihrer kratzbürstigen Phase, als sie keine Videos mehr drehen wollten, Interviews verweigerten und wie ihr großes Vorbild Neil Young als das schlechte Gewissen Amerika wahrgenommen wurden. Die Band zieht sich langsam zurück und man erkennt den Wandel weg von Grung-Idolen hin zu einer Rockband, die sich weiter entwickeln möchte als die zahlreichen Tribrettfahrer der Seattle-Szene. Vitalogy geht auch weg von dem kraftmeiernden Hard Rock-Sound der beiden Vorgänger und gibt sich roher, experimenteller, düsterer, aber auch vielseitiger.

Temple Of The Dog – Temple Of The Dog

(A&M, 1994)

Soundgarden und Pearl Jam zusammen…. Was erstmal nach einem Superstar-Projekt klingt, ist in Wirklichkeit eine Zusammenarbeit von Bandmitgliedern beider Bands, kurz vor dem Durchbruch und in erster Linie ein Tribute an Andy Wood von Mother Love Bone, der an einer Überdosis Heroin starb. Das Thema Drogen und Tod wird uns leider noch häufiger begleiten und den morbiden Charme von Grunge verstärken. Temple Of The Dog hat aber noch weitere berührende Song swie “Say Hello 2 Heaven” und hat sich seinen Platz in den besten Grunge Alben des Jahrzents verdient. Gerade die Mischung aus straighten Rockern, ruhigen Balladen und fast schon deprimierend wahrhaftigen Leidenszeugnissen macht es zu einem der authentischsten Seattler Alben überhaupt.

Nirvana – In Utero

(Geffen, 1993)

Sie wollten den Erfolg und die Aufmerksamkeit, aber nicht in solchen Dimensionen. Nach dem Underground-Release auf dem Indie-Label Sub Pop wechselte die Band zu dem Major-Label Geffen,schaffte mit “Nevermind” das einflussreichste Album der 90er und einen millionenfach verkauften  Klassiker. Der Erfolg übertraf die Erwartungen der Band und führte sie eine tiefe Sinnkrise… weil sie doch eigentlich gegen die Superstars dieser Welt angetreten waren und sich plötzlich slebst mit diesem Status konfrontiert sahen. “In Utero” dokumentiert den stetigen inneren Kampf der Band, die Steve Albini an Bord holte um einen ungeschliffenen und unkommerziellen Sound zu generieren und doch wieder kurz vor Ende der Aufnahmen die Produktion überarbeiten zu lassen.  “In Utero” sollte der Weg zurück den rohen Punk-Wurzeln von “Bleach” sein, aber Cobains untrügliches Gespür für gute Melodien verschafften auch dieser wütenden Anklage gegen Vereinahmung  und die Welt im Allgemeinen wieder einen gewissen Pop-Appeal, der natürlich trotzdem wesentlich geringer als bei dem Hit-Album Nevermind ist. Es wäre so spannend gewesen, diesen Weg weiter zu verfolgen.


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