9/11 und der Humor – Sick Jokes, Satire und die Suche nach der ironischen Distanz

Jetzt muss ich doch noch einmal kurz ein Thema aufgreifen, das von Spiegel Online unter dem Titel Humor nach 9/11 aufgeworfen wurde… Die Frage ist, wie sehr – oder besser noch, wie gekonnt – wurden mittlerweile eigentlich die Terroranschläge vom 11. September in Comedy und Satire verarbeitet? Dabei attestiert Autor Stefan Kuzmany den großen Humorschaffenden eine gewisse Hilflosigkeit, jedoch nicht ohne auf die humoristische Front im Internet einzugehen:

Den kommerziellen Medien war die globale Internetgemeinde da schon weit voraus – wenn auch nicht unbedingt besonders geschmackvoll.

Das würde ich erst einmal so unterschreiben. Die deutsche wie die amerikanische Comedylandschaft hat sich nach 9/11 ja vornehmlich zurückgehalten, während im Internet platte, provokante – manchmal auch gelungene – Gags wie die Pilze aus dem Boden geschossen sind. Kuzamy bezieht sich in seiner Analyse auf eine Arbeit der Humorforscherin Giselinde Kuipers unter dem Titel ‘‘Where Was King Kong When We Needed Him?’’ Public Discourse, Digital Disaster Jokes, and the Functions of Laughter after 9/11, die im Netz als PDF frei verfügbar ist. Kuipers bezeichnet die im Internet viral verbreiteten “Disaster jokes” als primäre “sick jokes”, die sie von Beginn der Anschläge an gesammelt und ausgewertet hat. Dabei kommt sie zu der Konklusion:

Disaster jokes may very well be a comment on the public discourse about disaster. However, they are also a rebellion against the official discourse about humor: that humor is inappropriate in times of disaster and that some topics are too serious tobe joked about. Any such attempt to forbid humortends to evoke it, and many disaster jokes may simply be attractive because they are so inappropriate. Besides being a reaction to official discourse about disaster and the meaning of humor, disaster jokes about the events of September 11 are a comment on the moral and emotional language of the American media culture as a whole—of which both the discourse on disaster and the humor discourse are a part.

Ich wollte jetzt aber gar nicht all zu sehr auf diesen wirklich gelungenen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Forschung zu 9/11 eingehen und stattdessen einfach mal selbst schauen, inwiefern tatsächlich abseits dieser schnellen, kurzlebigen, provokanten Lacher gelungen mit den Terroranschlägen vom 11. September umgegangen wurde, eben jenseits platter “George Bush verliert gegen Osama Bin Laden im Schach, weil ihm die beiden Türme fehlen”-Witze und der “klassischen” sick jokes der Netzkultur. Viel habe ich nicht gefunden… auf jeden Fall nicht viel, was ich als raffinierten und intelligenten humoristischen Ansatz bezeichnen würde. Erstaunlicherweise liegen hier ausgerechnet die provokanten Zeichentricksatiriker aus den USA weit vorne. So zum Beispiel eine Episode aus der Anarcho-Serie Family Guy

Family Guy beweist hier auf hervorragende Weise, wie intelligent, bitterböse und trotzdem nicht geschmacklos die Anschläge vom 11. September satirisch verarbeitet werden können. Dabei thematisieren die Macher weniger die Anschläge selbst als viel mehr deren Folgen und Auswirkungen auf die amerikanische Mentalität. Ignoranz, vorschnelle Urteile und Unwissenheit der indirekt Betroffenen sind die Wunden in die Seth MacFarlane mit sarkastischem und dennoch raffiniertem Humor sein Salz streut.

Ähnlich verfahren auch die Macher von South Park Trey Parker und Matt Stone, die in der urkomischen Episode Mystery of the urinal deuce ganz hervorragend die Absurdität von 9/11-Verschwörungstheorien reflektieren, die in vielerlei Hinsicht Ergebnis einer gewissen Ignoranz und ideologischen Verbohrtheit bzw. paranoidem Misstrauen gegenüber staatlichen Systemen sind. Hier der Kommentar der beiden zu der meisterhaften Episode:

Ohnehin eignen sich gerade abstruse Verschwörungstheorien perfekt dazu, um satirisch aufs Korn genommen zu werden. Nur ein Beispiel unter vielen ist dieser Comicstrip von thebestpageintheuniverse:

Aber es geht auch gediegener und sogar fernab von der Reflexion der amerikanischen/westlichen Befindlichkeit nach 9/11: Eine wunderbare tragikomische Verarbeitung der Terroranschläge stammt von Samira Makhmalbaf und ist Teil von 11’09”01 September 11 (2002) (Die besten Episodenfilme der 00er Jahre). In dem Segment Iran thematisiert die Regisseurin die Reaktionen auf die Anschläge unmittelbar am Tag des Geschehens in einem afghanischen Flüchtlingslager im Iran. Dabei rückt sie auf augenzwinkernde Weise die globale Bedeutung der Katastrophe in den Kontext der alltäglichen Kleinstkatastrophen derer, die von dem globalpolitischen Geschehen scheinbar weit entfernt sind.

Auch dem Regisseur Idrissa Ouedraogo gelingt es in der selben Reihe im Segment Burkina Faso die Anschläge auf tragikomische Weise ohne erhobenen Zeigefinger und ohne ätzenden Humor zu verarbeiten. Bei beiden Kurzfilmen ist es insbesondere die Konzentration auf Auswirkungen der Anschläge fernab der USA, die eine gewitzte und raffinierte Neufokussierung der Bedeutung der Anschläge erreicht.

Vielleicht ist genau das notwendig, um die Geschehnisse um 9/11 zu verarbeiten, eine gewisse Distanz: Sei es in der Verarbeitung von Verschwörungstheorien, die sich durch ihr schwarz-weiß-Denken bereits von der Komplexität der realen Begebenheiten entfernt haben und die Geschehnisse in einen wilden Politthriller-Cocktail mixen, sei es durch die Betrachtung der Reaktionen, in deren Spiegelung die Ereignisse selbst als bloßer Auslöser einer neuen Befindlichkeit reflektiert werden oder sei es durch einen Perspektivwechsel, weg von der Panik, Solidarität und politischen Auseinandersetzung in der westlichen Welt, hin zu einer Betrachtung der Peripherie… Durch die Distanz eröffnen sich ironisierende Möglichkeiten, ohne dass diese die Gefühle der Opfer und ihrer Angehörigen direkt verletzen und vor allem, ohne dass Provokation einzig zum Zweck des satirischen Tabubruchs betrieben wird.

Vielleicht braucht es auch einfach noch ein wenig Zeit, vielleicht sind zehn Jahre doch noch nicht ausreichend, vielleicht braucht es noch ein wenig mehr Distanz… aber ein “Hundert Jahre Osama Bin Laden” oder ein La vita é bella im Schatten der Twin Towers wäre ab einem gewissen Punkt allemal wünschenswert. Ansätze dazu gibt es auf jeden Fall bereits, zuletzt der hervorragende Four Lions (2010), der sich auf kongeniale Weise über Selbstmordattentäter lustig macht, ohne den Blick für die gesellschaftspolitische Problematik zu verlieren. Ein Lachen muss nämlich nicht zwangsläufig einzig zwischen abartig und befreiend liegen, es kann auch tatsächlich jedem Ereignis – und sei es noch so erschreckend – neue Facetten abgewinnen.

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