Zehn Jahre John Cages ORGAN²/ASLSP (as slow as possible) in Halberstadt

Vor genau 10 Jahren – am 5.September 2001 – wurde in Halberstadt der erste Ton des langsamsten und am längsten andauernden Musikstück der Welt angespielt. ORGAN²/ASLSP ist der Name des Stücks von John Cage, das dieser 1985 für das Piano schrieb und 1987 für die Orgal uminterpretierte. Ende der 90er entstand bei einem Orgelsymposium die Idee, den Titel so wörtlich wie möglich aufzufassen und mit der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt war dann auch schnell ein Veranstaltungsort gefunden, an dem seit 2001 stetig schleichend, monoton und erhaben die Klänge von ASLSP zu hören sind.  Tatsächlich bestand der erste angespielte Ton der auf 639 Jahre angelegten achtseitigen Partitur aus reiner Stille. Der erste Impuls  war eine Pause, die ganze 1 1/2 Jahre andauerte, bevor sie von einem gis‘, h‘, gis“ Akkord abgelöst wurde…. Dieser Klang dauerte dann auch wiederum gut 16 Monate an…

Er ist schon faszinierend, dieser einzigartige Hybrid aus Musik, Installation und Langsamkeit, der dort in Halberstadt stoisch seine Töne alle paar Jahre wechselt und jedes Drone-Stück, jeden Doom-Song, jede minimalistische Partitur der Postmoderne zum Speed Metal Inferno degradiert. Knappe 7 Jahre wird der längste Ton gehalten  (ein dis‘, ais‘, e“ Akkord im Jahre 2013), schlappe 30 Tage dauern die kürzesten Töne an (Vom August bis zum Oktober 2034 werden gleich drei hintereinander angespielt). Wir befinden uns – ganz nebenbei gesagt – gedanklich noch beim ersten Teil dieses monströsen Musikwerkes. Dieser wird am 2.5.2071 enden und schon so manchen von uns wohl oder übel überleben.

Vielleicht ist es genau das, was an dieser im wahrsten Sinne des Wortes als Ganzes unhörbaren Installation fasziniert; es gibt zwar auch Kurzversionen, angefangen bei der Uraufführung des Stückes in Metz (schlappe 29 Minuten) bis zur von der Halberstadter Organisation angebotenen CD (lächerliche 75 Minuten), aber gerade dieses wörtlich nehmen der “as slow as possible”-Aufforderung macht aus der trägen Partitur etwas Episches, Gigantomanisches, Großes, das in sich selbst bereits die Referenzierung auf den titelgebenden Selbstzweck trägt. In der Halberstadter Interpretation ist ASLSP ein Kunstwerk, das Menschenleben, Epochen und Zeitalter überdauert. Wäre das Stück heute beendet worden, hätte es den Beginn der frühen Neuzeit ebenso erlebt wie die Entdeckung Amerikas, den 100jährigen Krieg, die Reformation, die Glaubenskriege, Aufklärung und Säkulkarisierung bis hin zur Neuzeit. Über 600 Jahre sind ein kaum zu fassender Zeitraum und man darf durchaus mit einem leichten Schaudern darüber nachdenken, wie die Welt denn nun aussehen wird, wenn die Installation im Jahre 2640 ihren letzten Ton aushaucht.

Die Betreuerin des Projekts vor Ort Margot Dannenberg vergleicht die Größe des Werks dann auch ganz gerne mit dem Bau des Kölner Doms, der ebenfalls 630 Jahre und mehrere Generationen überdauerte, am Ende aber ein wahrlich beeindruckendes Monument hervorbrachte. Vielleicht gar nicht so daneben, denn irgendwie gab es schon immer einen Drang des Menschen, Kunstwerke zu kreieren, die ewig oder zumindest unfassbar lange währen: Eine Art religiöse Rückkoppelung; wenn schon die Suche nach dem großen Anderen im Sand verläuft, will man sich wenigstens selbst seinen großen Anderen schaffen und es sei es nur durch die Transzendentalisierung der Kunst mit epischer Stoßrichtung. Auch wenn es sich natürlich anbietet, ASLSP als Kontrapunkt zu unserer hektischen Zeit zu betrachten, scheint die Nähe zum Sakralen, Immerwährenden doch weitaus plausibler. Die Ewigkeit in ein temporäres Kunstwerk gebannt, vor dem jede Rezeption kapitulieren muss. Dadurch wird die Partitur als Ganzes zum Göttlichen, der einzelne Ton zum unendlich lang gezogenen Heilversprechen. Da ist es auch nur zu schlüssig, dass der Ort der Verwirklichung ein sakraler ist, die Sankt-Burchardi-Kirche im Kloster Sankt Burchardi, das auch immerhin schon fast tausend Jahre auf dem Buckel hat.

Die Kirche und die Orgelinterpretation von ORGAN²/ASLSP können dort Dienstag bis Sonntag vonn 11 bis 16 Uhr besichtigt werden. Unabhängig ob das Ziel der Installation nun die Entdeckung der Langsamkeit, die Bewerbung des Ortes und Instrumentes selbst (die Orgel war zu Beginn des Stückes auch exakt 639 Jahre alt) oder doch ein Transzendental/Ästhetisches ist; die Konfrontation mit der Langsamkeit und Verweildauer dieses Kunstwerks ist ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte… Zeit genug dafür ist zweifellos.

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