Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts IV

Auf ein Weiteres… Im vierten Teil unserer Dramen-Retrospektive genießen wir noch einmal emotionale Feste der großen Traumfabrik. Mit Was vom Tage übrig blieb und Der englische Patient fallen die besten Eigenschaften Hollywoods und des britischen Erzählkinos zusammen. Mit Quiz Show und Apollo 13 breitet das amerikanische Kino seine Flügel aus und findet doch zum Menschen zurück. Dazwischen haben sich die europäischen Arthaus-Filme eingeschlichen: Dänemark, Island, Frankreich und Spanien liefern große Geschichten, die mal subtil und leise, mal in atemberaubender Länge, mal in drückender Schwere dem Publikum präsentiert werden. Neben den dunklen Seiten des Menschlichen in Amantes, Engel des Universums und Breaking the Waves darf in Die schöne Querulantin auch einfach nur das Leben, die Kunst, der Künstler und die Schönheit des Menschen gefeiert werden. Und am Ende werden alle ein wenig glücklicher sein… oder zumindest ahnen, was Glück bedeuten kann.

Was vom Tage übrig blieb [James Ivory]

(Großbritannien, USA 1993)

Dramen die zwischen britischem Erzählkino und Hollywood oszillieren, sind auch immer große Gefühlsepen, in denen Emotionen zu gigantischen Landschaften werden sollen, ähnlich impressionistischen Gemälden. Einer der die Kunst dieser Gefühlsmalerei perfekt beherrscht ist James Ivory, der mit großen Budgets, equisiten Kostümen, akribischen Settings und einer herausragenden Kameraarbeit wuchtige Gemälde auf die Leinwand bringt. Remains of the Day spielt in der eleganten, hochdekorierten Gesellschaft Englands und schafft es doch, in diesem Milieu die Gefühle der einfachen Menschen nachzuzeichnen und zu empfinden. Auf dem Landsitz des Lord Darlington legt sich der Schatten Weltpolitik und der adligen Gesellschaft über die persönliche Liaison eines Butlers mit einem Dienstmädchen. Daraus entsteht ein exquisites, spannungsreiches und emotional verführerisches Sittengemälde, das perfekt britische und amerikanische Erzählkunst zusammenführt; erlesen bis ins kleinste Detail.

Engel des Universums [Friðrik Þór Friðriksson]

(Island 1999/2000)

Vom ganz Großen zum ganz Kleinen, Intimen, Persönlichen, zum Weltuntergang im Inneren des Menschen. In Engel des Universums steht die Schizophrenie eines einzelnen Mannes im Mittelpunkt, als psychischer Sündenfall, nüchtern als Krankheit geschildert, hochdramatisch in der inneren Zerrissenheit des Protagonisten zum Ausdruck gebracht. Was ist Wirklichkeit? Was ist Normalität? Wo endet die Persönlichkeit und wo beginnt die Pathologie? All diesen Fragen geht Englar alheimsins präzise und akribisch nach, gibt sich selbst rationalistisch, naturalistisch und fällt doch immer zurück in die Fragmente seines Sujets. Ein mutiger, dunkler, trister aber auch irgendwie – irgendwo – wunderschöner Film, der den menschlichen Verstand so ernst nimmt, wie es in einem Film nur möglich sein kann.

Der englische Patient [Anthony Minghella]

(USA, Großbritannien 1996)

Dramen die zwischen britischem Erzählkino und Hollywood oszillieren, sind auch immer große Gefühlsepen, in denen Emotionen zu gigantischen Landschaften werden sollen, ähnlich impressionistischen Gemälden. Das geht als Kostümschinken ebenso wie als Kaleidoskop zwischen Abenteuer, Krieg, Romantik und flammender Leidenschaft. Der englische Patient ist ein historischer Film und zugleich ein dicht gewobenes Netz der Beziehungen und Emotionen. Wie der Klassiker “Casablanca” rückt er vor der Kulisse des zweiten Weltkriegs die Gefühle einzelner Protagonisten in den Mittelpunkt, lässt existenzielle, gobale Konflikte mit persönlichen bis zu inneren Konflikten kollidieren und findet zu einer epischen Verquickung von Ich und Welt. Ein – im wahrsten Sinne des Wortes – großer Film, der keine Angst vor Pathos und epischer Breite hat.

Quiz Show [Robert Redford]

(USA 1994)

Wir bleiben in Hollywood und bei dessen großen Dramen. Und wir bleiben historisch… Robert Redfords Quiz Show spielt in den 50er Jahren und verdichtet die wahren Begebenheiten um den amerikanischen Quiz-Show-Skandal zu einem fesselnden humanistischen Drama, einer bissigen Tragikomödie und einem tiefschürfenden Sittengemälde, das Mentalitäten der amerikanischen Gesellschaft zu der damaligen Zeit perfekt einfängt. Quiz Show funktioniert als Gesellschaftskritik aber auch als Groteske, die die Absurditäten der 50er Jahre Medienlandschaft akribisch und süffisant aufdeckt. Dabei vereinen sich in wunderbarer Hollywood-Tradition Unterhaltung und Drama zu einer fesselnden Mischung. Big Budget Kino von seiner schönsten Seite.

Breaking the Waves [Lars von Trier]

(Dänemark 1996)

Damals, als die Welt der Dogma95-Bewegung noch in Ordnung war, als Lars von Trier weder als Antichrist noch als Antisemit für Schlagzeilen sorgte, schuf er ein fesselndes aber auch bizarres Drama um Liebe, Obsession, Selbst- und Fremdbetrug und das bedingungslose Zueinanderhalten. Breaking the Waves ist ein merkwürdiger Film, ständig zwischen Absurdität und großer Romanze pendelnd, immer den Hang zum Drama wahrend und doch nach dem bizarren Moment der Liebe suchend. Herausragend fotografiert, mit teils schmerzhafter Empathie gelingt Lars von Trier eine bitterböse, todtraurige und doch ungemein liebevolle Tragödie, die den Menschen ernst nimmt, vollkommen unabhängig davon welche grotesken Gepflogenheiten er an den Tag legt. Nicht nur einer der besten Filme des Regisseurs, sondern eines der größten Arthaus-Dramen der 90er überhaupt.

Amantes – Die Liebenden [Vincente Aranda]

(Spanien 1991)

Amantes ist ein erotischer Film, ein hitziger und schwüler Film. In ästhetizierten Bildern schildert er das Leben eines jungen Mannes zwischen der Geborgenheit in einer Beziehung und der sexuellen Obsession für eine ältere Frau. Amantes ist ein schwermütiger Film, in ruhigen Bildern und knappen Dialogen schleicht sich das Unheil heran. Amantes ist ein bedrohlicher Film. Es brodelt, wartet nur darauf auszubrechen. Amantes ist ein düsterer Film. Auszubrechen und alles mitzureißen. Amantes ist ein fesselnder Film, ein kleines Stück leidenschaftliches, bitterböses und doch wunderschönes europäisches Arthaus-Kino. Amantes ist ein brutaler Film. Die Gewalt schwelt nicht nur, sie bricht aus. Aus der Romanze wird ein Drama, wird eine Tragödie, wird ein Thriller… Amantes ist ein bedingungsloser Film, den man so schnell nicht wieder vergisst.

Die schöne Querulantin [Jaques Rivette]

(Frankreich 1991)

Die Obsession für Kunst, leidenschaftlichen Ästhetizismus, nackte Haut… Jaque Rivettes Belle Noiseuse nimmt sich viel Zeit, um diesen Topoi angemessenen Raum zu geben. Ganze vier Stunden dauert sein dichtes, eskapistisches Kammerspiel (es existiert auch eine veränderte 2-Stunden-Fassung, die ich allerdings noch nicht gesehen habe) und lässt dabei viel Platz für Schönheit, das Spiel mit dem Feuer und den Konflikt zwischen erotischem Schaffen und künstlerischen Begehren. Die Verlockung, die wundervolle Emmanuelle Béart nackt zu sehen, dürfte damals nicht wenige Zuschauer in die Kinos getrieben haben; und tatsächlich wird der Haut des künstlerischen Subjekts viel Aufmerksamkeit gewidmet. Aber eben auch den inneren und äußeren Konflikten, die diese Schönheit hervorruft, dem Drama des bedingungslosen Ästhetizismus, dem Ringen um ein Werk, dem Kampf für die Kunst und dem persönlichen Preis, den man für dieses zahlen muss. Die schöne Querulantin ist ein Film, der den Körper liebt, der das Kunstwerk liebt, der den Menschen liebt und jede Minute, die er deren Zwiesprache widmet, mit Leben füllt.

Apollo 13 [Ron Howard]

(USA 1995)

Und zum Abschluss dann doch noch einmal großes Gefühlskino made in USA. Dramatik hat die cineastische Rekonstruktion der gescheiterten Apollo13-Mission (1970) wahrlich im Überfluss zu bieten. Zwischen akribischem, technisch-historischen Porträt, viel Platz für die Persönlichkeiten des legendären Raumflugs und großem, emotionalen Katastrophenfilm arbeitet Apollo 13 geschickt mit den Möglichkeiten des Kinos. Die Realität ist hier stets präsent, zeigt sich in erdrückender Detailverflissenheit (bis hin zur Übernahme von Originaldialogen) und wird ständig aufgebrochen durch episches Storytelling, wie man es von Hollywood-Dramen nur allzu gut kennt. Und es funktioniert. Ron Howard gelingt es sowohl intellektuelle als auch emotionale als auch nach Unterhaltung schreiende Synapsen anzusprechen. Sowohl in der Rekonstruktion als auch deren cineastischer Ergänzung erweist er sich als genial, als Meister der Dokumentation und Dramatisierung. Apollo 13 ist ein ausgeklügeltes, episches Meisterwerk, das den Traum vom Weltraum perfekt mit der Leidenschaft des Zwischenmenschlichen kombiniert.

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