Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts III

Wo waren wir noch gleich stehen geblieben…? Genau! Die besten Dramen der 90er Jahre gehen in die dritte Runde. Mit Jonathan Demme und Steven Spielberg fahren wir noch einmal Hollywood-Geschütze auf. Zwei sensible Themen – einmal HIV in Philadelphia, einmal die Vernichtung der europäischen Juden in Schindlers Liste – die für Hollywood-Verhältnisse erstaunlich sensibel, wenn auch nicht ohne Traumfabrik-Pathos, umgesetzt wurden. Aber auch die kleinen Filme abseits des großen Geschäfts kommen zu ihrem Recht: Das furiose Psychogramm Shine, das sarkastische Familiendrama Der Eissturm und Mike Leighs düstere Großstadtapokalypse Nackt beweisen, dass auch jenseits des großen Budgets herausragende Filme produziert werden. Und mit David Lynchs The Straight Story hat sich gar ein Regisseur im Dramen-Genre verirrt, den man dort so gar nicht vermuten würde. Alle Filme, inklusive Kurzreview und Trailer nach dem Klick.

Philadelphia [Jonathan Demme]

(USA 1993)

Ja, es gab wirklich verdammt viele herausragende Hollywood-Dramen in den 90er Jahren. Philadelphia darf sich in dieser Riege durchaus eine gewisse Sonderstellung einräumen. Das Thema Homosexualität wurde zwar zuvor schon in anderen Filmen weitaus offener und unverkrampfter behandelt, aber eben noch nie in einem Studio-Drama einer solchen Größe, mit einem solchen Budget im Nacken. Bezeichnend für den Aufruhr, den dies verursachte, dürften die zahllosen Proteste amerikanischer christlicher Fundamentalisten zum Kinostart Philadelphias sein, ebenso der Diskurs in verschiedenen Homosexuellen-Verbänden, dass die Liebe zwischen den beiden Protagonisten zu unintim, zu verklemmt dargestellt werden würde, dass die Verbindung von Homosexualität und AIDS so wie dargestellt weitere Vorurteile anheizen könnte etc. pp… Unabhängig von diesem Trubel ist Philadelphia ein ungemein starkes Charakterdrama, eine feinfühlige Geschichte über Toleranz und Charakter-Entwicklung sowie ein äußerst spannender Gerichtsfilm. Tom Hanks, Denzel Washington und Antonio Banderas sind schlicht herausragend, die Geschichte ist dicht erzählt, exzellent fotografiert und die Botschaft ohne Schnörkel dargeboten, mit einem Mut, der für das damalige US-Studiosystem alles andere als selbstverständlich ist.

Shine – Der Weg ins Licht [Scott Hicks]

(Australien 1996)

Künstlerporträt, Psychogramm, fragmentarisches Biopic…? Shine hat von all dem etwas und noch viel mehr zu bieten. Anhand loser Episoden begibt sich der Film auf die Suche nach dem Genie im Menschen, nach dem Antrieb für die Kunst, nach dem Drang zur Freiheit und Vervollkommnung. Dabei dokumentiert er zwar das Leben David Helfgotts akribisch, allerdings keineswegs in klassischer biografischer Tradition. Stattdessen gibt es wilde Sprünge, zeitliche und inhaltlich, dramaturgische Dissoziationen, Fragmentierungen und Dekonstruktionen des tradierten Persönlichkeitsbildes. Heraus kommt eine psychologische und mentale Achterbahnfahrt, mitunter rücksichtslos, unbarmherzig, laut, aber eben auch kämpferisch, verwegen, das Leben liebend. Ein wilder und zugleich einfühlsamer Film, zwischen Herz, Verstand und purem Wahnsinn.

Der Eissturm [Ang Lee]

(USA 1997)

Wie viel Bigotterie, wie viel Unfreiheit, wie viele Lügen verträgt eine eigentlich liberale Gesellschaft? In The Ice Storm wirft Ang lee einen sezierend genauen Blick auf die USA der 70er Jahre, auf das liberale, aufstrebende Bürgertum, das Deep Throat schaut, sich intensiv mit Politik auseinandersetzt und für Toleranz und Freiheit eintritt. Aber unter der offenen Oberfläche brodelt es: Betrug, verborgene Obsessionen, konservative Impulse und das Nahen einer nicht aufzuhaltenden Katastrophe. Der Eissturm findet das Unglück im vermeintlichen Eden, zieht seine Protagonisten bis auf die Knochen aus, lässt sie kämpfen, an sich selbst und der Umwelt verzweifeln, fallen und immer wieder aufstehen. Es ist schon erstaunlich mit welcher Erbarmungslosigkeit und gleichzeitigen Empathie der Film die Menschen betrachtet, sie schätzt, mit ihnen empfindet und gleichsam nichts unversucht lässt ihre dunklen Geheimnisse zu offenbaren. Ein komplexer, differenzierter Blick auf US-Mentalitäten und Dogmen, die hinter jeder scheinbaren Freiheitsmoral lauern können.

Im Namen des Vaters [Jim Sheridan]

(Irland, USA, Großbritannien 1993)

Der europäische Terrorismus, die IRA, sowie die repressive Bekämpfung der irischen Paramilitärs durch die Briten steht im Zentrum des spannenden und pathetischen Justizthriller- und Familendrama-Hybriden “Im Namen des Vaters”. Dabei geht es weniger um Ursachen und Motive des Terrors selbst, als viel mehr um die Aushebelung fundamentaler Menschenrechte durch die Terrorbekämpfer. Am wahren Fall der Guildford Four orientiert entwirft Jim Sheridan eine dichte Mischung aus Gesellschaftsporträt, Zeitzeugnis, Kammerspiel und menschlicher Tragödie. Der Kampf um Gerechtigkeit wird auch immer als Kampf um die Wahrheit, gegen Stigmata und staatliches Unrecht dargestellt. Dabei ist Im Namen des Vaters ebenso episch, groß und pathetisch, wie kritisch, reflektiert und gnadenlos gegenüber gesetzlicher Willkür. Ein politisches Zeitporträt, das durch seine Dichte zum universellen, humanistischen Drama wird.

The Straight Story – Eine wahre Geschichte [David Lynch]

(USA 1999)

Ebenfalls mitten ins Leben greift David Lynchs besinnliches Drama The Straight Story, dass von einem einsamen, alten Mann erzählt, der mit seinem Rasenmäher über 400 Kilometer zurücklegt, um seinen kranken Bruder zu besuchen. Lynch, eigentlich Spezialist für morbides, düsteres und surreales Kino erzählt diese Geschichte in langsamen, gediegenen Aufnahmen, mit einer poetischen Ruhe und Gelassenheit und einem genauen Blick auf die Sorgen und Nöte der “einfachen Menschen”. Dabei ist The Straight Story herzerweichend gut, ehrlich zu sich, zu seinem Publikum und seinen Menschen und trotz aller vorgeblicher Geradlinigkeit ungeheuer tiefgründig, philosophisch, zwischen Melancholie und Glück pendelnd. Ein kleiner Film, in dessen Hintergrund eine große Amerikanische Geschichte erzählt wird.

Nackt [Mike Leigh]

(Großbritannien 1993)

Mike Leigh haben wir schon im zweiten Artikel der besten Dramen gewürdigt. Während Lügen und Geheimnisse noch als sanftes, wohlwollendes Drama interpretiert werden kann, bricht Naked mit der ganzen Macht der britischen Tragödie der Post-Thatcher-Ära über den Zuschauer ein: Die Geschichte eines sozialen Absteigers, kontrastiert mit der Geschichte eines finanziellen Aufsteigers. Verlierer sind beide auf ihre Weise und beide suchen auf ihre Weise den Ausweg aus der selbst- und fremdverschuldeten Krise…. alles andere als einfach in dem London, das in Naked als dunkler Moloch voller Versuchungen, Gefahren und apokalyptischer Tristesse skizziert wird. Nackt ist ein gewaltiger, gewalttätiger, morbider, verstörender Trip in das Herz der urbanen Finsternis.

Schindlers Liste [Steven Spielberg]

(USA 1993)

Wie viel Hollywood verträgt die Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland? Wenn es nach Steven Spielberg geht, einiges. Auch wenn er das Biopic Oscar Schindlers und dessen Rettung von über tausend Juden in schwarzweiß gedreht hat, verzichtet er nicht auf großen Pathos und Hollywood-affine Dramaturgie. Zu viel davon, wenn es nach einigen Kritikern von Schindlers Liste geht. Auch wenn der Film seine Schwächen, seine allzu großen Sentimentalitäten und Eingeständnisse an das US-Filmbusiness besitzt, so ist er doch ein überragendes, überwältigendes Drama, das Geschichte nicht immer akkurat, aber höchst lebendig erzählt und sowohl die Grauen des Nationalsozialismus als auch das Schicksal der europäischen Juden mehr als nachfühlbar werden lässt. Ein Film über dessen Ästhetisierung des Schreckens man sicher streiten kann, dessen faszinierende, sensible Klarheit, dessen humanistische Bedingungslosigkeit aber trotz alledem beispiellos sind für ein amerikanisches Hollywood-Drama mit historischem Hintergrund.

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