Hörenswertes Juli 2011 (II): Casper, Little Dragon,The Cool Kids

Das passiert wochenlang nichts und dann kommt gleich der Doppelschlag. Flo hat mit Düster-Werken vorgelegt, die man ja eigentlich erst im Herbst so richtig goutieren möchte, aber bei diesem komplett ins Wasser gefallenen Sommer macht SunShine-Pop auch nicht mehr viel wett. Und so grollt das Tief Casper mit Explosions In The Sky Samples herbei, kommt nochmal kurz der Sommer mit Little Dragon zurück und die Cool Kids droppen Beats wie die nächsten Regentropfen, yo.

Casper – XOXO

(Four / Sony, 08.07.2011)

Tokio Hotel sind ja seit längere Zeit aus dem Fokus der Medien gerückt. Das letzte Album war zwar relativ lahm, aber auch nicht mehr ganz so schlimm wie der Teenie-Rock der Anfangszeit. Es wird also Zeit für ein neues Konsens-Gebashe der Indie Fraktion, deren Opfer meist Sachen in sich vereinen die mehrheitsfähig gehasst werden können. Immer gut kommt “etwas schwules” oder “emo”, Erfolg ist grundsätzlich immer scheiße und wenn das ganz noch im Hip Hop passiert, ist wohl endgültig Ostern und Weihnachten zusammen. Caper kann sich zumindest glücklich schätzten, das derzeit meist diskutierte Thema zu sein und lädt mit einem Stilmix aus Post-Rock-Anleihen , Hip Hop und Indie-Rock dazu ein möglichst überall Feinde zu sammeln, denen ein schlacksiger  Typ in Emocore-Klamotten suspekt vorkommt. Ebenso darf man sich gerne an den vor Pathos triefenden Texten reiben, zu denen interessanterweise immer wieder Unheilig als Referenz auftauchen.

Dass hier der Großvesir des bierseligen Kumpel-Rock Thees Uhlmann mal wieder rumnölen darf, zählt wohl auch nicht mehr in der deutschen Musikpresse, die ansonsten sklavisch jeden Erguss des Mannes abfeiert, so dass auch Entsetzlichkeiten wie Jupiter Jones den Niveaulimbo der deutschsprachigen Kneipen-Rock passieren dürfen. Casper nun als Retter darzustellen, dürfte allerdings auch den Rahmen sprengen, immerhin feiert der gute Mann auf Facebook ordentlich seine Albumverkäufe ab und spornt seine Jünger zum “kaufen!kaufen!kaufen!” an. Revolution ja, solange sie sich  bitte schön auszahlt. Das kennt man allerdings von Rage Against The Machine, die auch schon, die linke Dagegen-Haltung für die Charts aufbereitet haben und sich neuerdings nur noch mit Reuinon-Shows ihre Rente sichern. Soll es geben im grün-konservativen Zeitgeist mit seinen Wut-Bürgen Konsens, genau wie Casper, dem ein ordentliches Hip Hop Album gelungen ist, was ja schon ausreicht um gegen Berliner Proll-Rap-Legastheniker zu bestehen und diese hinter sich zu lassen. Das ist kein Rap für die Straßen, sondern für die lange vergessene Mittelschicht, die keine Lust mehr auf Vergwaltigungs-Phantasien aus Problem-Vierteln hat. Also habt einfach Spaß an einem ordentlichen Hip Hop Album, das den derzeitigen Spoken Word Trend aufgreift, sich wenig um die Reim-Schemata früherer Tage kümmert und bestimmt auf Stuttgart 21 Parties und anderen Wutbürgern-Events rauf und runter läuft. Während ich diese Zeilen schreibe disst der Herr übrigens Wilson Gonzales, was dann auch der hinzugekommenen Käuferschicht von Bravo-Lesern bestimmt sehr gefällt.

Little Dragon – Ritual Union

(Rough Trade, 22.07.2011)

Eigentlich lustig, das es Little Dragon ausgerechnet im Vorprogramm der Gorillaz zu erster Aufmerksamkeit brachten. Im Grunde hätten sich Radiohead und ihr Electro-Dubstep-Pop von The King Of Limbs mehr angeboten um diese Band in einem passenden Rahmen zu featuren, aber wie es der Zufall so will, sahen Millionen Fans auf dem Glastonbury Stream nicht die beste Band der 00er sondern vielleicht den spannendsten Newcomer des Jahres. Hier passt mal wirklich alles: Neue Sounds und vertrackte Rhythmen, die aber wie selbstverständlich einen Pop Song wie Ritual Union ergeben. Da tut sich dann gleiche die nächste Referenz auf, und zwar Björk. Die isländische Pop Vordenkerin der 90er hat sich ja schon länger zwischen Experimental-Versuchen und Exzentrik verloren ohne dabei weiterhin begeistern zu können. Little Dragon als ihre Enkel hingegen gehört die Zukunft. Mit so viel Talent und Mut und wird Ritual Union in einem schnarchigen Jahr 2011 weit oben in den Votings um das beste Album des Jahres landen, weil es momentan einfach noch keine Band gibt die wie Little Dragon klingt.

The Cool Kids – When Fish Ride Bicycles

(Import, 30.08.2011)

Casper ist der Hype des Jahres 2011, die Cool Kids waren mal die Blog Sensation 2008 und hatten auch ein mehr als eine ordentliche EP am Start, die wegen ihre Länge eigentlich schon als Album durch ging. Danach wurde es leider eine längere Zeit still, und die Hipster dürften schon längst andere Bands auf der Download-Liste haben. Ich habe auch keine Ahnung, warum das so lange gedauert hat, aber Antoine “Sir Michael Rocks” Reed und Evan “Chuck Inglish” Ingersoll haben nicht vergessen, wie ihr bis auf die Knochen reduzierter Sound funktioniert und sie kommen damit 2011 sogar an das vergessene Meisterwerk “Hell HAth No Fury” von Clipse ran, denen sie verdammt ähnlich sind. Deren Produzenten waren damals die Neptunes, die auch hier mitmischen und wieder an ihre kreative Hochzeit Anfang bis Mitte der 00er anschließen können. Asher Roth, ebenfalls ein fast vergessener Hype von 2010, ist auch dabei, sowie Ghostface Killah und Blink 182 Drummer Travis Barker. Eine kleine und mehr als feine Gästeliste für ein tolles Hip Hop Album, dem mehr Publicity gut getan hätte und das sich jeder kaufen sollte, der die Qualität im Game wieder pushen möchte.


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