Die 90er Jahre: Die besten Alternative Rock Alben des Jahrzehnts V

Jau, Rinko hat ja schon ordentlich gewütet… Auf ganze vier Artikel hat er es bei der Alternative Rock Retrospektive geschafft. Ein, zwei Ergänzungen brennen mir allerdings auch noch auf dem Herzen und so schiebe ich noch nen eigenen kleinen Beitrag nach. Über die Zuordnung zum Genre kann man natürlich vortrefflich streiten, wie bei so ziemlich jeder anderen Kategorie auch. Ob Dredgs Debütalbum vielleicht doch eher Art Rock ist, ob The God Machine nicht vielleicht irgendeine Form von Alternative Metal spielen, ob man Live nicht besser zum Grunge packt, ob die Queens of the stone age nicht einfach die Fortführung des Kyuss’schen Stoner Rock sind und so weiter und so fort…

Dredg – Leitmotif

(Woven Recordings, 1998)

Mittlerweile sind Dredg ja so etwas wie ein Aushängeschild für postmodernen Altherren Art Rock, der immer unangenehmer, klebriger und esoterischer wird, je mehr er sich dem Pop annähert. Auf ihrem Debütalbum Leitmotif war das noch ganz anders… Die Band jung, die Musik frisch, mit deftigen Rock-Gitarren und sattem Pathos ausgestattet. Ebenso wie mit einem gewissen Hipp- und Trendy-Faktor, obligatorisch für gelungenen 90er Alternative Rock, in dessen Schublade sich Dredg sichtlich wohlfühlen. Ja, hier kommen alle Ingridenzien zusammen, die auch Klassiker wie die Smashing Pumpkins einst auszeichneten, inklusive einer ordentlichen Portion Größenwahn. Mit Songs wie “Yatahaze” und “Penguins in the Desert” bedienen Dredg sowohl Herz als auch Tanzmuskulatur, scheuen nicht vor einer epischen Strukturierung samt Movements  zurück und bleiben dennoch bodenständig genug, um nur ganz selten in kitschige Art-Rock-Gefilde abzudriften. Das hat sich leider von Album zu Album immer drastischer geändert, und heute stehen Dredg… naja, wo sie eben heute stehen.

The God Machine – Scenes from the second storey

(Polydor, 1993)

Mit Art Rock, Progressive und Metal flirten auch The God Machine auf ihrem Debüt heftig. Das sorgte dafür, dass “Scenes from the second storey” sich im Laufe der Zeit einen regelrechten Kultstatus erschlich und auch gerne als Vorläufer von Tool’schen Soundeskapaden gehandelt wird. Ganz so weit sind God Machine dann doch nicht. Was sie aber hier auf die Beine stellen ist sauberer düsterer Alternative Rock, der keine Scheu vor der Sprengung von Genregrenzen hat und angenehm trocken und unpathetisch daherkommt: Inklusive ein wenig Stoner Rock, Psychedelic und Post Progressiven Spielereien. Auch der Nachfolger One Last Laugh In A Place Of Dying (1994) ist – wenn auch nicht ganz so dicht gesponnen – äußerst hörenswert.

Metallica – Load

(Vertigo, 1996)

Bitte? Metallica? Alternative Rock? Jaja, Metalheads schreien auf, Thrasher der alten Schule stürzen sich von den Dächern und James Hetfield und seine Jungs lassen sich doch tatsächlich die Haare schneiden, die Nasen piercen und posieren für hippe, junge Musikmagazine. Nach dem hardrockigen Black Album Metallica (1991) folgte 1996 ein jugendlicher Ausflug in Richtung Blues Metal, Rock N Roll und Country, der summa sumarum einfach verdammt nochmal nach Alternative Rock klingt. Wahwah-Sounds, pathetische Refrains, Wechsel zwischen staubigen, harten und emotionalen Momenten, viel Spielfreude… Load ist im Grunde genommen eines der besten Alben der Band überhaupt, das Gegenteil von Stagnation, keineswegs Kommerzialisierung (dafür wäre wohl ein Black Album II notwendig gewesen), sondern schlicht und einfach das Betreten von neuen Arealen durch eine Band, die alles andere als alt ist. Abseits von albernen, snobistischen Diskussionen über Haarlängen findet der Hörer auf Load fantastische Riffs, griffige Hooklines, eine vitale Atmosphäre und ne Menge trendigen Alternative Rock Charme.

Live – Throwing Copper

(Radioactive, 1994)

Nächster Streitfall… Live. Grunge, Post-Grunge, Stadionrock? Genau diese Mischung macht es aus. Dazu ein unverkennbares Wechselbad zwischen ruhigen Strophen und emotional aufwühlenden Refrains, viel großer und dichter Pathos, eingängige Hooklines und eine ordentliche Esoteriknote, inklusive sich selbst und welterlösender Lyrics. Voilà, fertig ist die astreine 90er Jahre Alternative Rock Rezeptur, die sowohl auf Indie Parties als auch im Radio bestens aufgehoben ist. Mit Hits wie “Selling the Drama”, harten Rockern wie “”The Dam at Otter Creek” und sensiblen Balladen wie “Pillar of Davidson” beweisen Live der jungen, nachrückenden Garde wie ein dichtes Alternative Rock Paket zu schnüren ist, mit dem ganz nebenbei noch auf Platz 1 der US-Charts hochklettern kann. Laut, sinnlich, episch… Alternativer Rock, der auch im Stadion bestens funktioniert und Live zu einer Vorzeige-Band des Genres werden ließ.

Madrugada – Industrial Silence

(Virgin, 1999)

Vorzeigeband waren Madrugada in den 90ern noch nicht, und auch auf den folgenden 00er-Alben sollten sie immer eher am Rand der Charts stattfinden. Und das ist alles andere als nachvollziehbar, wenn man die satte Mischung aus Wut, Pathos und gehörigem Sex-Appeal zu hören bekommt, die sie auf ihrem 99er Debüt abliefern. Diese Musik aus dem kalten Norden ist heiß… verdammt heiß, sinnlich, berührend, betäubend und mit deftigen Riffs aus der ausgelösten Melancholie reißend. Sänger Sivert Høyems Stimme steht ohnehin jenseits von gut und böse, klingt wie ein mit Lou Reed korpulierender Jim Morrison und hört sich dabei so verdammt mitreißend und sexy an, dass sie schon allein für sich wie ein Monolith in der Landschaft stehen könnte. Hinzu kommt staubiger, wüstiger, wüster Gitarrenrock, der Norwegens Kälte ordentlich Feuer unterm Hintern macht. Noch größer, dichter und epischer geriet dann der 00er Nachfolger The Nightly Disease (2001), der das hier angesetzte Konzept zu formvollendeter Schönheit führte.

Noir Désir – Tostaky

(Barclay, 1992)

Die Suche nach gutem Alternative Rock ist in Europa immer etwas zeitaufwendiger als in den USA.  Aber sie lohnt sich. Neben den Norwegern von Madrugada sticht vor allem die französische Noise-, Experimental- und Alternative Rock Combo Noir Désir aus der Masse hervor. Auf Tostaky vereinen sie klassischen Punk Rock mit 90er Jahre Noise und experimentellen Elementen zu einem eigenständigen Stil, der nicht nur in Frankreich seinesgleichen sucht. Die Band sollte sich auch über die 90er hinaus stetig weiterentwickeln und mit Des Visages des figures (2001) zu Beginn des neuen Jahrtausends schließlich einen Monolithen von einem Album schaffen, der mit seinem Rock/Pop/Experimental-Crossover nichts weniger als ein Meilenstein der europäischen Musikszene darstellt. Weniger schön hingegen waren die persönlichen Geschichten um Noir Désir und vor allem um Sänger Betrand Cantat, der wegen Totschlags an seiner Frau von 2004 bis 2007 im Gefängnis saß.

Queens of the stone age – Queens of the Stone age

(Roadrunner Records, 1998)

Ursprünglich aus der Stoner Rock Ecke kommen die Queens of the stone age, die vom ehemaligen Kyuss-Gitarristen Josh Homme gegründet wurden. Sie in die selbe musikalische Schublade zu packen wäre allerdings etwas voreilig, denn die Königinnen des Steinzeitalters spielen nicht weniger als dreckigen, staubigen Alternative Rock, der sich seine Stoner Einflüsse bewahrt hat und trotzdem genug Drive und Hitability hat, um es auch ins College Rock Radio zu schaffen. Das selftitled Debütalbum atmet den Sand der Wüste, ebenso wie es zu deftigen und hedonistischen Parties einlädt. Es ist dunkel, roh, mit scharfen Ecken und Kanten ausgestattet; aber auch hipp, trendy und mit satten, eingängigen Songs aufwartend. Auf Rated R (2000) sollten sie diesen Stil perfektionieren, bevor sie sich mit den folgenden Alben immer weiter Richtung Zeitgeist und weg vom Stoner Rock bewegten.

R.E.M. – New Adventures in Hi-Fi

(Warner Bros., 1996)

Ehre wem Ehre gebührt. R.E.M. sind mit ihrer Mischung aus College Rock, radiotauglichen Melodien, Indie Verspieltheit und gewissem Stadion Pathos schon immer so etwas wie die heimlichen Vorreiter des Alternative Rock gewesen. Mit New Adventures in Hi-Fi bewiesen sie nach dem düsteren Herbstausflug Automatic for the People (1992) und dem experimentellen Noise-Monster (1994), dass sie es locker mit den jungen alternativen Rockern der 90er aufnehmen können. Samtene Melodien, eingebettet in kraftvollen Rock und Michael Stipes berühmter Wiedererkennungswert generieren ein Album, dessen avantgardistischen, verspielten und stilverliebten Elemente in dem dichten, massentauglichen Sound mitunter zu gut versteckt sind, das aber trotzdem auch gerade wegen diesen alte Fans der Band restlos zufrieden stellen kann.  Ein großes Album, in dem sich R.E.M. mit Hits wie “Bittersweet me” alles andere als altersmilde zeigen und beweisen, dass sie nach wie vor Referenzen des Genres kreieren können.


Ein Gedanke zu „Die 90er Jahre: Die besten Alternative Rock Alben des Jahrzehnts V“

  1. Hach, New Adventures ist einfach großartig und Throwing Copper ist zwar Pathos Deluxe, aber so wie eben sein soll.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>