Die schlechtesten Filme der 90er: Warum Sliver da nicht rein gehört

Während Basic Instinct gerne des öfteren als gelungener Vertreter des in den 90ern boomenden Erotikthrillers herangezogen wird, gilt die Verfilmung von Iran Levins Roman “Sliver” als eines der klassischen miesen Machwerke des Genres. Schon bei Veröffentlichung von der Filmpresse harsch kritisiert, gilt der Film mit einem 13% Rating bei Rotten Tomatoes als einer der schlechtesten Filme der 90er überhaupt. Immerhin weist er auch genau das auf, was einen Film per se schon einmal verdammenswert macht: MTV-Schnitte, Sex & Crime, eine extreme Verkürzung und Simplifizierung der literarischen Vorlage, die erotikfilmische Ausschlachtung Sharon Stones im Fahrwasser des Erfolges von Basic Instinct… Aber was ist es genau, was Sliver vermeintlich so verachtenswert macht? Und ist der Film tatsächlich so schlecht, wie vom Gros der Kritiker behauptet?

Im Zentrum von Sliver steht das gleichnamige schicke Hochhaus mitten in Manhattan. Die Lektorin Carly (Sharon Stone), die in dieses neu zugezogen ist, muss bald feststellen, dass hinter der Hochglanzfassade des Gebäudes dunkle Abgründe schlummern. Die ihr ähnelnde Vormieterin Naomi beging unter mysteriösen Umständen Selbstmord und war offensichtlich auch nicht das einzige Opfer, das der Komplex forderte. Darüber hinaus wohnen  gleich eine ganze Reihe obskurer Typen in dem Gebäude: Eine verruchte Schauspielerin, ein aufdringlicher Thrillerautor (Tom Berenger) und ein geheimnisvoller alter Professor. Am mysteriösesten von Allen ist allerdings der Jungunternehmer Zeke (William Baldwin), der eine Obszession für exzessiven Voyeurismus hegt und auch sonst so manches Geheimnis zu verbergen scheint. Dennoch beginnt Carly mit dem faszinierenden Nachbarn eine Affäre und lässt sich von ihm in die Welt des Beobachtens und Beobachtetwerden hineinziehen… bis weitere Menschen unter mysteriösen Umständen sterben.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, Sliver ist kein herausragender Film. Vieles, vieles, vieles funktioniert nicht. Die Schnitte sind mitunter unintuitiv schnell, der Film hetzt geradezu durch seine Geschichte, unabhängig ob nun ein Dialog, eine Sexszene oder Verbrechen zu sehen sind. Die Musik ist penetrant, geradezu nervig mitunter. Die Protagonisten  können einen gewissen prototypischen, stereotypen Charakter nicht verbergen. Alles ist zu schnell, zu flach, zu früh zu groß… Und doch ist Sliver alles andere als ein mieses Machwerk. Denn der Film hat mehr als genug auf seiner Habenseite, was die meisten Erotikthriller der 90er – auch Basic Instinct – sträflich vernachlässigen: Das Setting ist im Gegensatz zu Basic Instinct recht realistisch. Der Blick auf das Treiben der New Yorker Upperclass, auf die dunklen erotischen Geheimnisse einer dekadenten Oberschicht ist oft genug fesselnd und auch heiß und sexy.

Die kühle Erotik bewegt sich perfekt zwischen Zeigen und Verbergen, die Geschichte an und für sich ist trotz der pannigen Inszenierung spannend und schlägt genug Harken um sich interessant zu halten. Und dann ist da natürlich das Motiv des Exhibitionismus und vor allem Voyeurismus, das zwischenzeitlich fast schon prophetische Ausmaße annimmt. Der Überwachungsfetisch Zekes zwischen Unterhaltung, Kontrollzwang und Voyeurismus scheint sowohl in seiner High-Tech-Darstellung als auch in seiner sozialkritischen und konsumkritischen Komponente irgendwie aus der Zeit gefallen… und zwar nach vorne. Munter antizipiert Sliver den Voyeurismus des Netz- und Facebookzeitalters. Zeke kreiert sich seine eigene Homevideosammlung, die im Banalen nach Größe, Erkenntnis und Lustgewinn sucht. Seine Spiele mit Carlyle zwischen Selbstdarstellung und Fremdbeobachtung erschaffen ein erotisches Klima, das im Gegensatz zu vielen anderen 90er Erotikwerken auch heute nicht veraltet wirkt, sondern durch die exhibitionsistische Welt des Netzes sogar an Aktualität gewonnen hat. Dieses fügt sich auch perfekt in die Thrillerhandlung ein, die geschickt mit den moralischen Fragen spielt, die der Topos hergibt.

Das alles macht Sliver nicht im geringsten zu einem Meisterwerk, dafür sind seine Schwächen zu groß und zu vielfältig. Aber selbst das was nicht funktioniert an diesem High Society Erotikthriller reißt ihn im schlimmsten Fall in den Durchschnitt, keineswegs auf eine 10%-Marke. Vielleicht verärgerte der Film vor allem Freunde der literarischen Vorlage, vielleicht brauchte es damals ein Bauernopfer, um den grauenhaften Auswüchsen des Erotikthriller-Genres Herr zu werden, vielleicht hatte man festgestellt, mit Basic Instinct zu gnädig umgegangen zu sein. Was auch immer es war: Sliver hat massig Negativlorbeeren erhalten, die er so keineswegs verdient hat. Der Film ist zwar kein Meisterwerk und auch nicht unbedingt das, was man als guten Film bezeichnen würde. Als spannender Erotikthriller funktioniert er aber, und Dank seiner prophetischen Antizipation des Netz-Voyeurismus ist er auch darüber hinaus durchaus sehenswert… Im Gegensatz zu vielen, vielen, vielen 90er Jahre Filmen auch heute noch.


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