Hörenswertes Juni 2011: Fink, Esmerine, Thurston Moore, 13&God

Okay, okay… es braucht kein langes Drumherumreden. Auch dieses Mal tendieren unsere hörenswerten Alben wieder in Richtung der dunkel schillernden Seite des Sommers. Soll Rinko sich doch um den feuchtfröhlichen Pop kümmern. Hier geht es wieder tief hinein ins Herz der Finsternis, an dessen Ende doch so etwas wie pure Schönheit wartet. So baden wir mit Fink in schwüler Düsterromantik und lassen uns von dem Postrock Esmerines in postapokalyptische Gefilde entführen.  Und weil wir mal wieder etwas hinterher hängen, liefern wir Thurston Moore und 13&God noch zwei Mai-Reviews nach.

Fink – Perfect Darknes

(Rough Trade, 10.6.2011)

Das was Fink macht, war schon immer irgendwie Pop und irgendwie das genaue Gegenteil davon. Das hat sich auch auf dem dunkel schillernden Experimental-Blues-Folk-Bastard “Perfect Darkness” nicht geändert. Mit einer tiefen Verbeugung vor Leonard Cohen, klassischem Delta Blues und experimentellen Post-Folk-Klängen gräbt sich Fin Greenall sein ganz persönliches Grab für eine schwüle Sommernacht. Es ist schon erstaunlich mit welcher Relaxtheit der Mann tiefschwarze Töne aus seinen Stimmbändern und Gitarrenakkorden hervorzaubert, wie er dabei fragil, schmerzhaft direkt und zugleich diffus, vage, aber immer – und das ist das wesentliche – ungemein cool klingt. Depressionen mit Sex-Appeal könnte das auch genannt werden, was in den zehn hitzigen und zugleich eiskalten Songs permanent mitschwingt.

So zum beispiel im aufbrausenden Postrock/Indie Rock Hybriden “Fear is like Fire”, der sich nach minimalistischem Intro ganz langsam zu einer wütenden, mitreißenden postgrungigen Hymne hochschaukelt und zwischen Noise und experimentellen Popversatzstücken Richtung Ewigkeit taumelt. Hallo Nirvana, hallo Sonic Youth, hallo dEUS… und trotzdem willkommen in der absoluten Individualität. Fink hat seine Bezugspunkte und doch seinen ganz eigenen Klang, zwischen charismatischer Düsterromantik, schwelender Erotik und trockenem, rauem Minimalisten-Blues. Dem wohnt immer ein Stück apokalyptischer Sehnsucht inne, ein Teil Resignation, aber auch eine große Leidenschaft, eine Zähheit, die vorm Leben nicht so schnell einknicken will. “Perfect Darkness” ist keine größenwahnsinnige Selbstzuschreibung sondern der absolut zutreffende Titel für diesen süchtig machenden Blues-Monolithen. Erhaben, sexy, dunkel, mitreißend… ein heißer Anwärter auf den Titel “Album des Jahres”.

Esmerine – La Lechuza

(Cargo, 10.6.2011)

Postrock…? Da war doch was…? Nee, ein für allemal, die Koketterie ist nicht angebracht. Anhänger dieser diffusen instrumentalen, avantgardistischen Schublade haben keinerlei Grund sich zu beschweren. Wenn in den letzten Jahren immer mal wieder der Tod des Genres herausposaunt wurde, dann meistens von der lieben Musikkritikerschaft, die es eigentlich besser wissen müsste. Zahllose Veröffentlichungen in den letzten Jahren haben bewiesen, dass der Postrock nicht nur quicklebendig sondern auch höchst flexibel und dynamisch ist. Egal ob in der Verzerrung durch elektronische Störfeuer, in der Vermählung mit dem Punk, im düsteren Drone-Vexierspiel oder im innigen Zweikampf mit klassischem Progressive- und Krautrock. Der Rock mit der Post davor kann was, nach wie vor.

Das darf auch Esmerine mit la Lechuza äußerst überzeugend unter Beweis stellen. Das spannendste Momentum an La Lecuza ist ohne Zweifel, trotz unüberhörbarer GY!BE-Herkunft, das Esmerine auf diesem Album den Rock fast konsequent aus ihrem postalen Sound verbannt haben. Trotz Anleihen an die klassische Toronto-Szene oszilliert die größtenteils instrumentale Musik auf La Lechuza zwischen schwermütigen Streicher-Balladen, die gerne einen Schlenker Richtung minimalistische E-Musik einschlagen und vitalem Post-Ambient, dessen fehlender Breitwand-Charakter durch die in sich ruhende und zugleich geladene Atmosphäre mehr als wett gemacht wird.

Thurston Moore – Demolished Thoughts

(Indigo, 20.5.2011)

Thurston Moore auf Solopfaden die Vierte… Nachdem das letzte Einzelwerk  des Sonic Youth Sängers und Gitarristen “Trees Outside the Academy” mittlerweile vier Jahre zurück liegt, präsentiert er uns mit “Demolished Thoughts” endlich einen weiteren Ausflug in Richtung psychdelischem Outsider-Rock. Auch auf diesem tauscht er den klassischen Indie Rock und Noise von Sonic Youth gegen gehobenen Singer/Songwriter-Minimalismus, der ganz von der Kargheit seiner spärlichen Instrumentierung und der unverwechselbaren, charismatischen Stimme Moores lebt. Demolished Thoughts ist so etwas wie ein Destillat seines Schaffens mit Sonic Youth aber auch seiner experimentierfreudigen Ausflüge. Moores markante Mischung aus Pop-Charme, Blues, Psychedelic und Noise wurde hier einmal fein gesiebt und wirft ihre Einzelbestandteile nun gegen den Hörer.

Getroffen werden wir von einem emotionalem Wechselbad, einem Wechselbalg, der mal in der Maske des introspektiven Songwriters, mal mit der vollen Gewalt des wütenden Kämpfers zu uns gekrochen kommt. Zwischen fast schon mantrischer Kargheit und großen, eruptiven Aufwallungen ziehen sich die dominanten Akkorde Moores durch das vielschichtige Album. Monotonie scheint hier nur an der Oberfläche: Jedes Hören, jedes Eintauchen in die reduzierte Soundlandschaft offenbart neue Facetten, Spielereien und Herausforderungen. Zwischen leisen, gezupften Tönen blitzt eben doch plötzlich Sonic Youth’scher Noise-Rock hervor, nach psychdelischen, verdrogten Interludes finden wir uns doch wieder am Lagerfeuer, und nachdem der Hörer kurz davor ist, die Eindimensionalität der einfachen, romantischen Hymnen zu verfluchen, kämpft sich doch ein raubeiniger, bracchialer Americana-Grundton nach vorne. Ein einfaches und doch komplexes Werk, meistens düster, hin und wieder introspektiv, schüchtern und selbstverloren, dann wieder angriffslustig, experimentell und grenzwertig. Thurston Moore hat aus seinem bisherigen Schaffen destilliert… und die Einzelklänge dann doch wieder in einem faszinierenden Einklang zusammen gebracht.

13&God – Own your Ghost

(Indigo, 6.5.2011)

Im Grunde genommen waren “The Notwist” schon immer eine Crossoverband, die man einfach nur wegen ihrer Zurückhaltung und Unaufgeregtheit ungern in das Genre gesteckt hat. Wie sie auf ihren 00er Alben Punk, Indie-, Electropop und Jazz zu ganz eigenen originären Pophybriden verschmelzten, gab ihnen einfach einen gewissen Sonderstatus zwischen all den anderen damals so angesagten Indie Elektronikern. Die Kollaboration mit den US-Rappern Themselves, 13&God, ist demnach weniger Beweis für als viel mehr Ausrufezeichen hinter ihrer ohnehin schon bekannter Vielfältigkeit.

Aus dem Mix der vermeintlich nicht zusammenpassenden Genres Hip Hop und Indie Pop entsteht eine wunderbare, elektronische und experimentelle Spielwiese, auf der Rap und melancholische Electronica erstaunlich gut fusionieren. Klar, das funktioniert nicht in jedem Song ausgesprochen gut, aber in den meisten Stücken sitzen die verschiedenen Stilmittel  sauber aufeinander. Das dürfte nicht zuletzt auch daran liegen, dass eine der beiden Bands dann doch größtenteils im jeweiligen Stück die Hosen anhat… fair verteilt. Hip Hop mit Einflüssen des Electro-Pop, Electro-Pop mit Einflüssen des Hip Hop, einträchtig nebeneinander… und in ihrem Gesamtfluss ergibt sich eben letzten Endes doch ein rundes, homogenes Stück Musik, das wie aus einem Guss klingt. Vor allem Dank der Experimental-Note, die sich kräftig bei Postrock, Krautrock und namentlich Radiohead bedient, fließen die verschiedenen Versatzstücke nahtlos ineinander über, beharken sich mit gegenseitigen Störgeräuschen und kreieren einen faszinierenden, vielschichtigen Soundkosmos. Rap und Indie ziehen sich hier gemeinsam,an den Haaren des jeweils Anderen, aus der vermeintlichen musikalischen Krise. Dunkel, geheimnisvoll, anders und doch harmonisch in sich selbst verspielt. Das ganze Album gibts nach wie vor im Stream auf Soundcloud und ist ein Pflichttitel für offene Musikliebhaber.


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