Die 90er Jahre: Die besten Alternative Rock Alben des Jahrzents II

Nach dem eher launigen Einstieg in die besten Alternative Rock-Alben des Jahrzents pflegen wir heute den Kurt-Factor. Der Freitod von Cobain markierte zwar das Ende des Grunge, aber nicht dessen Einfluss auf die Rockmusik der 90er und des Alternative Rock im speziellen. So wurde weiter gelitten, allerdings nicht mit der Konsequenz eines Nirvana-Songs sondern stets so verträglich, dass auch das College Radio nicht weghörte und so manche Ballade auf Heavy Rotation spielte. Wir bewegen uns also wieder einmal in der Grauzone zwischen Kunst und Kommerz und fischen selbst aus dem Trüben wieder ein paar feine Perlen heraus. Auch wenn Oleander nur einen Sommer blühten oder so manches mysteriöse Nachtschattengewächs wie Placebo mittlerweile einen leichten modrigen Duft versprüht, erfreuen deren 90er Alben doch mit einem bunten Strauß Blumen in ihrer vollsten Pracht und Blüte.

Oleander – February Son

(Republic, 1999)

Who? Irgendwie schaffte es Oleander – bereits im Abklingen des Alternative Rock Boom und noch kurz vor dem ersten Donnergrollen des New Metal Hypes –  nur für einen kurzen Moment die Aufmerksamkeit auf sich zu richten. February Son ist zwar nicht sonderlich anders als der von Grunge beinflusste Sound sonstiger Alternative Rock Bands, verbindet diesen aber zusätzlich mit catchy Pop-Punk Hymnen und ist auch heute noch ein schön am Stück anzuhörendes End-90er Album… mit der üblichen Coverversion ( “Boys Don`t Cry” von The Cure) und großen Weltschmerz wie in “I Walk Alone”. Da braucht wirklich keiner mehr Matchbox Twenty oder Third Eye Blind.

Placebo – Without You I`m Nothing

(Virgin, 1998)

Hach, war das noch schön. Als Brian Molko und seine Bandmitglieder noch wie Aliens aus einem fernen Universum wirkten, Glam-Rock mit Punk verbanden und die maskulinen Macho-Rocker mit Queer-Attitüde provozierten. Placebo war so ziemlich mit das Coolste, was es in den 90er gab und schafften es auf ihrem immer noch besten Album “Without You I`m Nothing” verträumte Oscar Wilde Prosa mit ungestümer Punk-Unzufriedenheit zu verbinden. Diese emotionale Achterbahn zwischen Depression und Sehnsucht hat heute immer noch die gleiche morbide Anziehungskraft wie damals.

Live – Secret Samadhi

(Radioactive, 1997)

Die Frage ob nach dem Millionen Hit “Throwing Copper” überhaupt noch ein gutes Album von der Band aus Sacramento kam, kann hier beantwortet werden. Japp, auch wenn es nur noch tatsächlich diese eine düstere und schlecht gelaunte Antwort auf den großen Erfolg des Megasellers “Throwing Copper” war. Der Nachfolger erntete nämlich wenig Begeisterung: Zu wenig Hits, zu viel Produktion und zu viel Zerissenheit machten die Kritiker bei der ehemals bodenständigen Band aus und besiegelten den langsamen Abstieg von Live, die eigentlich nie wirklich größeren Coolness Faktor erlangten und diesen auch später mit blöden Liedern über Delphine zielsicher torperdierten. Secret Samadhi hat trotzdem eine Chance verdient, auch wenn man es nicht so schnell ins Herz schließt wie den Vorgänger ins Herz, daraus aber gerade wegen des Muts zu Weiterentwicklung eine längere Liason entstehen kann. “Lakini’s Juice”, die wütende erste Single, hätte Live vom Radio-Rock emanzipieren können, wenn sie nicht auf den folgenden Alben, wohl auch wegen der verhaltenden Resonanz, genau wieder dort gelandet wären.

Bush -Razorblade Suitcase

(Traum Records, 1996)

Grunge war eigentlich mal eine heilige amerikanische Kuh, aber wenn irgendwas mal in den Staaten Erfolg hatte, dauerte es eh nicht mehr lange bis auch Großbritannien auf den Zug mit aufsprang. Bush waren für die Seattle Szene ungefähr so kredibel wie Vollhorst Vanilla Ice für das schwarze Problemviertel Compton. Aber das änderte nichts daran, dass ihr Neo-Grunge gerade bei den Amis offene Türen einrannte. Nachdem die Kritiker sich gar nicht genug in Rage schreiben konnten, setzten Bush auf dem Nachfolger Razoblade Suitcase einen drauf und konnten zum Entsetzen der Indie Polizei den stets integren Steve Albini anheuern, der ja bekanntlich auch das letzte Nirvana Album In Utero produzierte. Der Sound ist dank dieser Lo-Fi Ikone auch um einiges härter und so wurden die ehemals Band um den Mädchen-Schwarm Gavin Rossdale auch plötzlich für Jungs cool. Das vielleicht beste Album der Post-Grunge Ära.

Filter – Title of Record

(Reprise, 1999)

Aus dem direkten Umfeld der Nine Inch Nails und Trent Reznor ist ja schon so manche große Band der 90er entstanden, wie z.B Marylin Manson. Aber auch Richard Partrick schuf sich irgendwann eine Band und liefrte breits mit Short Bus einen Brocken zwischen Industrial und Alternative Rock ab, der mit “Hey Man, Nice Shot” große Aufmerkamkeit erreichte. Title of Record wollte mehr sein als ein One Hit Wonder. Filter lässt auf diesem zwar ordentlich die Muskeln spielen, aber Partrick entdeckt bei diesen Alternastive Rockern neben seinem markanten Schreien auch die angenehmen und ruhigen Seiten seiner Stimme, die den melancholischen und balladesken Songs wie “Take A Picture” sehr zugute kommt.

Cake – Fashion Nugget

(Capricorn Records, 1996)

Eels oder Cake, das war mal wirklich die Qual der Wahl. Wer gescheit war kaufte sich beide Alben der sich recht ähnlich klingenden Bands. Wie ihre Brüder im Geiste ist der Ursprung der meisten Songs von Cake zwar Folk oder Blues, wird aber immer wieder mit Funk, Jazz oder sogar Hip Hop gemischt. Der bekannteste Song bleibt die ewig gute Coverversion von Gloria Gaynor. Wie Sänger John McCrea dem Disco Stampfer “I Will Survive” sämtliche Hoffung nimmt und stattdessen durch lakonische Bitterkeit austauscht, ist immer noch toll. Doch auch der Rest wie der tolle Crossover in “The Distance” weiß durchaus zu gefallen. Keine Frage, in den 90ern standen sich die Eels und Cake auf absolute gleicher Augenhöhe gegenüber. Später sollte sich das dann doch zugunsten von Mr.E ändern.

Silverchair – Freak Show

(Murmur, 1997)

Da war die Freude seitens der Labels sicherlich groß, als ein paar Teenies an die Tür klopften und ihnen mit dem Debüt Frogstomp ein lupenreines Pop-Grunge-Album präsentierten. Sänger Daniel Johns, der zudem noch aussah wie ein androgynerer Kurt Cobain, und seine Mistreiter waren nicht mal im Erwachsenen-Alter als sie eine anfangs okaye Kopie ihrer Vorbilder aus Seattle ablieferten und dafür belächelt, wenn nicht gar verspottet wurden. Das zweite Album Freak Show, welches das Gefühl der Isolation der Tour zu Zeiten des Debüts beschreibt, zeigt einen großen Sprung nach vorne und beweist, dass die Band doch mehr ist als ein One Hit Wonder, wie zuvor bereits die Fachpresse geunkt hatte. Sicherlich sind die Lyrics aus der Position eines Teenagers geschrieben, unüberhörbar von Teenagern musikalisch umgesetzt, doch gerade die noch jugendliche Wut auf die Gesellschaft und das Gefühl für deren Verständnislosigkeit macht einen großen Reiz von Freak Show aus. Später wurden aus den Jungs pathosliebende Männer mit stets latenten Hang zur glatten Überproduktion. Das Aus dieser Band vernahm außerhalb von Australien folgerichtig kaum noch einer.

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