Introducing… The Uncanny Valley

Die ersten Trailer des Tintin-Animationsfilms von Steven Spielberg werden derzeit in einigen Blogs skeptisch beäugt, da sie so gut wie keine Gesichtsanimationen, keine lebendigen Handlungen en Detail zeigen. Dabei kommt fast zwangsläufig in jeder kritischen Äußerung der “Uncanny Valley”-Effekt zur Sprache. Dass Tim nicht in seiner vollen virtuellen menschlichen Pracht gezeigt wird, wird dabei mutmaßend auf eben jenes “Uncanny Valley” (“Unheimliches Tal”) zurückgeführt, in dessen Falle der Film getappt sein könnte… und dies müsste nun so lange wie möglich geheimgehalten werden. Durchaus eine berechtigte Spekulation. Denn das unheimliche Tal ist ein lästiger, fieser, kleiner Begleiter des realitätsnahen Animationsfilms der letzten Kinojahre. Jeder der schon einmal ein gewisses Unwohlsein beim Blick auf menschenähnliche Computeranimationen empfunden hat, kann dies nachvollziehen. Aber worum handelt es sich genau beim Uncanny Valley und warum ist es ein so großes Problem für den Animationsfilm?

Das Uncanny Valley beschreibt erst einmal ganz allgemein einen messbaren Effekt der menschlichen Akzeptanz  von künstlichen, dem Menschen nachempfundenen Wesen und Objekten. Prinzipiell ist die paradoxe Erscheinung, nach der die Akzeptanz des Gebotenen nach konstanter Zunahme plötzlich abrupt abrutscht, keineswegs auf den Film beschränkt, sondern erstreckt sich über alle virtuellen humanoiden Formen schlechthin. Ein mehr als plastisches Beispiel bilden Sexpuppen, bei deren Betrachtung sehr schnell festzustellen ist, wann man selbst in das Uncanny Valley fällt. Während die billigsten Modelle, also die richtig klassischen, prototypischen Puppen mit ihrem cartoonesken, überstilisierten Äußeren noch irgendwie als skurill oder absurd zu empfinden sind (es sei denn man besitzt einen bestimmten Fetisch, aber das ist ne andere Geschichte), wird es für gewöhnlich spätestens bei den Real-Dolls ziemlich gruselig. Die menschenähnlich konzipierten Puppen wirken unheimlich, fast schon abstoßend und gerade durch ihre humanoide Form und ihre Ähnlichkeit zu uns, der das letzte bisschen ‘beseelte’ Fünkchen zu fehlen scheint, alles andere als anziehend. Die Akzeptanz eines menschenähnlichen Wesens verläuft nicht linear sondern hat einen paradoxen Abfall, der ab einem bestimmten Grad der Menschenähnlichkeit einsetzt… ein unheimliches Tal eben.

Ähnliche Effekte lassen sich auch bei Robotern beobachten. Während kleine niedliche Maschinenwesen, die Menschen äußerlich nicht nachempfunden sind, oft als putzig oder gar “menschlich” in ihren Verhaltensweisen angesehen werden, nimmt die Akzeptanz bei Menschenähnlichkeit rapide ab. Richtiges Misstrauen erzeugen vor allem animatronische Gesichter und Köpfe, deren Animationen das Verhalten von Menschen nachempfinden. Sie können kleine Kinder zum Weinen bringen und Erwachsene zumindest zum misstrauischen, skeptischen Beäugen verleiten. Eine Wiki-Infografik bringt das Phänomen relativ präzise auf den Punkt:

Übersetzung von Mori Uncanny Valley by Smurrayinchester; von Tobias K. via Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Schon anhand dieser Grafik wird deutlich, wie das Phänomen des Uncanny Valley sinnvoll für kreative Prozesse eingesetzt werden kann… Natürlich, wo sonst außer im Nerdgenre schlechthin, dem Zombiefilm. Aber auch andere Genres profitieren von der unheimlichen Beklemmung, die durch falsche Menschen ausgelöst wird. So zum Beispiel Filme über menschenähnliche Androiden oder Cyborgs. Gerade der erste Terminator (1984) liefert diesbezüglich ein Musterbeispiel ab, wie die Maske einen Menschen derart “entmenschlichen” kann, dass der Zuschauer ihm die seelenlose Killermaschine bedingungslos abkauft. Schwarzeneggers Gesicht wurde in Terminator nicht nur mit Silikon präpariert, es gab auch zahllose Puppen-Nachbauten seines Äußeren. Der erzielte Effekt: In einigen Nahaufnahmen wirkt der Terminator unheimlich, unmenschlich, ohne auch nur im Geringsten bedrohlich zu agieren. Ein Blick auf das falsche, aufgeplusterte Gesicht genügt bereits um das Blut in den Adern gefrieren zu lassen und voller Angst dem nächsten Kontakt der Maschine mit echten Menschen entgegen zu blicken. Auch der Surrealismus und das Horror-Genre profitieren gewaltig von dem Uncanny Valley; seien es seltsam maskierte Figuren in den Filmen David Lynchs -allen voran das schauderhafte Baby in Eraserhead (1977) -, seien es die grotesken Stop-Motions eines Jan Svankmajers zum Beispiel bei seinem unheimlichen Menschen/Pflanzenhybrid in Little Otik (2000) oder vor sich hinfaulende Leichen in unzähligen Grusel- und Goreklassikern wie die Living-Dead-Reihe von George A. Romero.

Während das Uncanny Valley in diesem Fall eine kreative Bereicherung ist, stellt es für den Animationsfilm ein echtes Problem dar. Noch keiner hat es geschafft, dieses vollkommen zu überwinden. Okay, Aki Ross aus Final Fantasy (2001) ist schon wieder ziemlich weit nach oben geklettert… ist mittlerweile auch schon zehn Jahre her. Auch andere animierte Menschen haben den Weg zurück nach oben erfolgreich in Angriff genommen. Zur tatsächlichen Menschlichkeit fehlte aber bis dato immer noch ein gutes Stück. Die großen Animationsstudios Pixar und Dreamworks reagieren auf dieses Phänomen primär, indem sie einfach auf den Versuch der exakten Nachbildung von Menschen verzichten. Stattdessen wird auf comicähnliche Animationen zurückgegriffen (Shrek, Up) oder es werden gleich konsequent überhaupt keine Menschen gezeigt, an deren Stelle dann Tiere oder fiktive Wesen treten. Versuche, das Uncanny Valley vollends hinter sich zu lassen, kommen vor allem aus Japan, so zum Beispiel von Square/Enix und deren Final Fantasy Franchise. Das Uncanny Valley zwingt die Animatoren zur Kreativität, zum reflektierten Umgang mit der Darstellung von Menschen und zum Suchen nach neuen Wegen in der Virtualisierung unserer Erscheinung. Wie viele – im wahrsten Sinne des Wortes – ästhetische Phänomene ist das Uncanny Valley aber auch vor allem ein subjektives Phänomen, dass von Person zu Person variieren kann. Was der eine unnatürlich, unheimlich oder gar abstoßend empfindet, kann für den anderen vollkommen akzeptabel oder gar beeindruckend sein. Jedenfalls wird es in seiner derzeitigen Form den Animationsfilm mit Sicherheit noch viele Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, wenn nicht gar bis in alle Ewigkeit begleiten… sowohl im positiven, kreativen als auch im negativen Sinne.


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