Die 90er Jahre: Die besten Alternative Rock Alben des Jahrzents I

So wirklich glücklich mit dem Begriff Alternative Rock dürfte wohl keine der hier aufgezählten Bands sein. Doch auch in den 90ern brauchte es Schubladen in die Künstler gesteckt wurden, die meistens erste Erfolge im Underground hatten und durch eine verträglichere Ausrichtung oder Stiländerungen eine breitere Käuferschicht und Fanbase erreichen konnten. Anders als bei vielen Bands aus dem Indie- oder Underground Bereich , der sich bewusst vom Mainstream-Kanälen abgrenzte (oder es zumindest vorgab), gab es bei den Alternative Rockern keine größeren Berührungsängste mit MTV oder Angst vor Verwendung der Songs in Massenmedien, was das Genre schnell in Veruf brachte. So steht dieses heutzutage im Ruf der angeblich (!) “ehrlichen und handgemachten Mucke” (was immer das auch bedeuten mag), die Klaus-Uwe auf dem Weg in sein Provinznest laut aufdreht. Wir begeben uns jedoch an die relativ unschuldigen Anfangstage und den kreativen Höhepunkt des Alternative Rock in den 90ern, als Stadionrocker wie U2 plötzlich auch mal anders sein wollten, die Präsidenten der USA der Generation X das Lächeln beibrachten und ein Sonderling namens Beck alles auf den Kopf stellte.

The Presidents of The United States Of America – The Presidents of The United States Of America

(PopLama,1995)

Ein Sakrileg. Die Presidents kamen aus Seattle und fielen weder durch voluminöse Haarpracht noch eine nihilistische Weltanschauung auf, sondern durch ihre extrem spaßige Mischung aus Grunge, Pop und Punk. Mit breitem Grinsen gab es da kaputte Songs wie Peaches oder Lumb mit teilweise schwachsinnigen Texten zu belächeln. Nur konsequent, dass die Spaßvögel 1996 einen Gig vor dem Mount Rushmore spielten und damit mal eine zeitlang tatsächliche die Präsidentschaft über das Alternative Rock Land eroberten. Fragt sich nur wer uns  diese unbekümmerte Ironie der drei Bekloppten wieder geben kann, so cool jedenfalls wohl keiner mehr. Sie selbst leider auch nicht, wie die  wenig tollen Alben nach dem überzeugenden Zweitling “II” bewiesen.

 

U2 – Achtung Baby !

(Island,1991)

Kaum zu glauben, dass auch ein Bono Vox in den 90ern von seinem Starruhm angenervt war und frühzeitig erkannte, dass eine neue Zeit anbrach. Stadion-Superstars der 80er schlug plötzlich der zynische Gegenwind der Generation X entgegen und so sprangen U2 auf den Zug mit auf, persiflierten ihr Rockstar-Image und jetteten nach Berlin um die chaotisch kreative Übergangszeit nach dem Mauerfall mitzuerleben und sich von der elektronischen Clubszene inspirieren zu lassen. Das Resultat dieser wohl mutigsten Phase von U2 sind Klassiker wie One, Ultraviolet,Even Better Than The Real Thing und das nachfolgende experimentelle Mini-Album Zoo TV, mit dem U2 ihren Fans, die wieder auf Hymnen wie With or without you warteten, endgültig vor den Kopf stießen.

 

Beck –  Odelay

(Geffen,1996)

Crossover durch alle Genres, ja dafür darf man die 90er dann doch lieben. Wie selbstverständlich und mit einer fast unverschämten Leichtfüßigkeit samplet sich Beck Hansen durch 40 Jahre Popmusik und komprimiert alles was in den 90ern geil ist auf dieser knallbunten Bonbontüte von einem Album. Wie Björk verliert der gute Mann allerdings später den Überblick und schafft es nur noch selten Genie und Wahnsinn so gekonnt zu verbinden wie auf der großen Odelay. Doch auf der bleibt Beck der große Zeremonienmeister vieler Stilarten, von denen man bis dato nicht vermutete, daß sie überhaupt zusammen passten. Ein ehemaliges Sklacker-Kid, das ungewollt in den Grunge-Hype gestoßen wurde, schwamm sich damit endgültig frei und schwang mit der Begeisterung und Unverkrampftheit eines Teenagers die Abrissbirne quer durch alle Genre-Mauern. Ein weiteres Must-Have Album der 90er und ein Instant-Klassiker.

 

Garbage – Version 2.0

(Mushroom Records, 1998)

Es gab coolere Bands als Garbage, die irgendwie nie wirklich eine Band im  klassischen Sinn des Wortes waren, sondern eher wie ein Projekt von Nirvana Produzent Butch Vig klangen, dessen Songs bewusst stylish und modern wirken sollten. Wo anfangs Grunge -Jünger noch Sell Out riefen, war die Sache  mit der Credibility bei Version 2.0 eh gegessen und Garbage durften hemmungslos der Experimentierlust  fröhnen. Mit dem Album begannen sie sich zu emanzipieren und führten ihren Sound zwischen Art Rock, Avantgarde und Pop auf ihren kreativen Zenit. Sängerin Shirley Manson wurde zudem zum androgynen Sex-Symbol und mit ihrem vorlauten Mundwerk Role-Model für Mädchen in ihrer Rebellen-Phase.

 

Fun Lovin Criminals – 100% Colombian

(Virgin Records,1998)

Mafia-Epen, Jazz, Rock, Soul und Hip Hop brachten die Fun Lovin Criminals mit einer Lässigkeit rüber, wie sie eben nur smoothe New Yorker haben oder wie man sich das so in einem öden westfälischen Kaff vorgestellt hat. Anyway, 100% Colombian hat das was man heute so vielen Alben nachsagt. Selten wird es tatsächlich so überzeugend erreicht wie hier: Maximale Tightness und eine entspannte Liebesserklärung an die größte Stadt der Welt. Und wann bitteschön haben ein paar dünne Weißbrote so sexy einer schwarzen Soul-Legende Tribut gezollt wie in der Barry White Tribut “Love Unlimited”?

 

Collective Soul – Collective Soul

(Atlantic,1995)

Eigentlich war diese Band schon am Ende, weil der erhoffte Erfolg sich einfach nicht einstellen wollte. Doch die Single “Shine” wurde Anfang der 90er ein US-Radiohit und so blieben die Mannen um Ed Roland weiter im Rennen. Natürlich braucht man sich nichts vormachen: Collective Soul waren keine Innovatoren, Grenzgänger und sicherlich dem Radiopop mehr als anderen Bands der Sparte zugeneigt. Aber sie schafften doch solide Alben die abgeklärt zwischen Grunge und Hard-Rock oszillieren. Einen Hit oder größere Bekanntheitsgrad außerhalb der USA, wie sie Live oder die Counting Crowes erreichten, gelang Collective Soul zwar nicht, aber dieses Schicksal teilten sie mit den damals ebenfalls formidablen Goo Goo Dolls oder der Dave Matthews Band.

 

Foo Fighters – The Colour And The Shape

(Roswell,1997)

Keiner hätte wohl nach dem Ende von Nirvana geglaubt, dass eines der Bandmitglieder jemals wieder auch nur einen den Hauch von Erfolg haben würde. Der Schatten des Idols Kurt Cobain war einfach zu groß; zu übermächtig schien da Vermächtnis, das er der Nachwelt hinterließ. Erst Recht war es extrem unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet die beiden blassen Mitstreiter Chris Novoselic und Dave Grohl schaffen sollten, diesem Schatten zu entfliehen, und das erste mittelmäßige Foo Album schien dann auch allen Kritikern Recht zu geben, die dem Drummer, der in seiner Band auch als Frontmann und Sänger auftrat, zwar Potential bescheinigten aber keine größere Karriere prophezeiten. Wie wir nun wissen, ist es anders gekommen und leider auch ein bischen mehr oder eher gesagt zu viel. Jedenfalls klingen die Foo Fighters schon lange nicht mehr so vor Kreativität überschäumend und punk-poppig wie auf dem nie wieder erreichten Meisterwerk “The Colour and the Shape”. Hier sind die Großtaten zu finden, denen Grohl heute hinterhechelt oder diese zugunsten von breitbeinigem Poser-Rock geopfert hat, der aus dem damals smarten und netten Slacker-Typen mittlerweile ein großmäuliges Rock-Tier werden ließ. Man ahnt, warum Cobain sich selber immer derartige Rock-Manierism strengstens verboten hat. Trotzdem hätte er für Stücke wie das wunderschöne “Everlong” seinem Bandkollegen auf die Schultern geklopft.


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