Die 90er Jahre: Die besten Trash-Filme des Jahrzehnts II

Und weiter gehts im Kino der niedersten Niederungen, der obskuren Ideen und kostengünstigen Antipoden zum Big Business. Dieses Mal haben sich gleich ein paar qualitativ hochwertige Filmversatzstücke in unserer Trash-Schau eingefunden. Neben Christoph Schlingensiefs Trash-Blaupause United Trash – die wie alle seine Filme heftig mit Avantgarde und Hochkultur kokettiert – kümmern wir uns um das deutsche Trashurgestein Helge Schneider und seinen Anti-Western Texas, freuen uns noch einmal auf Troma-Ware bei Sgt. Kabukiman und packen mit dem Geballer von Rutger Hauer in Split Second und den Nippeln von Demi Moore in Striptease zumindest noch zwei Filme dazu, über deren Qualitäten man vorzüglich streiten kann.

United Trash [Christoph Schlingensief]

(Deutschland 1996)

Ähmmm…. ja… also… also… ja. Na gut, beginnen wir mit den rohen Fakten: Eine V2-Rakete Adolf Hitlers als Geschenk eines schwulen UNO-Generals in Afrika, ein neugeborener Jesus (Peter Panne), dessen Kopf nach einer lebensrettenden Operation von einer Vagina verziert ist, der obskurste Mordanschlag aller Zeiten… ähmmm, ja. So viel zu den Fakten. Schlingensiefs Avantgarde-Trasher wie Terror 2000 pendelten schon immer zwischen Hoch- und Tiefstkultur. Bei United Trash überspannt er den Bogen aber endgültig. Alles hier schreit nach der Vorgabe des Titels: Bunt, schrill, laut. Irgendwo zwischen 70er Jahre Exploitationkino, Sex und Gewalt, dekadenter Filmzertrümmerung. Hier ist nichts heilig, nichts verboten, jedes Tabu nur da, um gebrochen zu werden. Zwischen Dilettantismus und düsterer Endzeitvision ist United Trash letzten Endes eine große Schlingensief-Party, zu der alle eingeladen sind und die niemand verpassen sollte.

Sgt. Kabukiman N.Y.P.D. [Llyod Kaufman, Michael Herz]

(USA 1990)

Yeah! Troma! Die hatten wir ja schon beim letzten Mal im Programm. Wie gesagt, immer für eine Überraschung gut, mal mit langweiligem Schrott, mal mit großer B-Movie-Filmkunst aufwartend. Sgt. Kabukiman N.Y.P.D. fällt definitiv in letztere Kategorie. Ein Cop wird durch einen Kuss vom Geist des Kabuki besessen (oder gesegnet) und kann sich folgerichtig in Sgt. Kabukiman eine vollkommen überdrehte Superheldenkarikatur verwandeln. Das Ergebnis ist ein irrer Kampf gegen das Verbrechen und zugleich ein Kampf gegen die eigene Macht und deren Schattenseiten. Sgt. Kabukiman ist ein platter vollkommen überdrehter und dummdreist zusammen geschusterter Trashspaß, dem kein Kalauer zu billig, keine Slapstickeinlage zu weit hergeholt, kein schrilles Interludium zu viel ist. Hier ist alles bigger, wilder und abgefahrener, als man es sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann. Scheiße auf Zelluloid gebannt, aber selten durfte in der Geschichte des Films Scheiße so schillernd und mitreißend sein.

Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem [Ralf Huettner, Helge Schneider]

(Deutschland 1993)

Zurück nach Deutschland und hinein in die Wirrungen des Genies Helge Schneider. Dass der Mann wirklich was drauf hat, dürfte mittlerweile nicht nur denen bekannt sein, die seine furiose Jazzmusik zu würdigen wissen (auch wenn er für viel zu viele ewig der Katzeklo-Sänger bleiben wird). Aber Schneider ist auch seit jeher ein Freund des Dilettantismus und Trash und gerade in seinem Anti-Western Texas lebt er diese Veranlagung bis zum Exzess aus. Der merkwürdig improvisierte Film, dessen Witz sich vor allem aus Antiwitzen speist, ist ein kruder Flickenteppich an losen Szenen, missglückten Dialogen und chaotischen Szenerien. Fehler werden hier bewusst in Szene gesetzt, Verstöße gegen jegliche filmischen Konventionen zum Stilmittel erklärt, und dazwischen dürfen auch mal Lieder über Mütter und deren Butterqualitäten angestimmt werden. Texas ist ein Antiwitz, ein Antifilm, ein Antikunstwerk und darin alles in allem verdammt mächtig.

Split Second [Tony Maylam, Ian Sharp]

(USA 1992)

Rutger Hauer als ziemlich abgefuckter Cop mit merkwürdigen Essgewohnheiten, ein Killer, der nicht so ganz menschlich erscheint, ausgerissene Herzen, eingeritzte Pentagramme, ein wenig Detektivarbeit… Split Second hat alle Ingridenzien, die einen feinen B-Movie-Klassiker ausmachen. Und tatsächlich hat  der teils selbstironische teils unfreiwillig komische Film  einen echten Kultstaus entwickelt. Und das vollkommen zurecht. Split Second ist ein derber Low Budget Science Fiction Mysterythriller, zwischen ordentlichem Gore, obskurer Story, viel Over-the-Top-Geschnörkel und einem ordentlichen Abgefucktheits-Faktor, der so manchen Big Budget Film vor Neid erblassen ließe. Definitiv kein Meisterwerk, aber neben seinem B-Movie-Charme tatsächlich auch recht spannend und mitreißend und damit fast schon wieder zu schade für die Trashecke… aber eben auch nur fast. Vollkommen egal, ansehen lohnt sich, unabhängig davon, wie ernst man die ganze Chose nehmen will.

Striptease [Andrew Bergman]

(USA 1996)

Ich schalte dann mal in den Verteidigungsmodus: Diesem Film wurde viel, viel Unrecht angetan. Klar: Gut schauspielern kann will hier niemand. Die story pendelt unentschlossen zwischen Drama, Trill und Comedy. Demi Moores Striptease-Szenen sind so erotisch wie eine Steuererklärung, und der ganze Nackedei-Hype rückt den Film eben doch in ein recht suspektes Licht. Aber verdammt nochmal, ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass keiner der Beteiligten diese Posse ernst genommen hat. Burt Reynolds gibt als schmieriger Politiker die Overacting-Performance seines Lebens ab, Vingh Rames läuft permanent mit einem “Wo bin ich da nur reingeraten”-Gesichtsausdruck durch die Gegend, Demi Moore hat sichtlich Freude daran ihre Glocken fesch der Kamera zu präsentieren… und ja, irgendwie haben alle anscheinend mächtig Spaß dabei. Striptease ist eine groteske Selbstparodie, eine Art Realsatire auf Mechanismen des Filmgeschäfts und darin ein ungezwungenes, dreckig glitzerndes Vergnügen. Er nimmt sich nur ernst, um seine geheuchelte Ernsthaftigkeit dem Publikum ins Gesicht zu schlagen, er kokettiert mit seiner eigenen Schlechtigkeit, lacht scheinbar die Zuschauer aus, die für ihn Geld ausgegeben haben und findet doch noch Zeit für einen furiosen Showdown, der ebenso durch Spannung wie durch Albernheit besticht. Striptease ist – allen Spöttern zum Trotz – eine Wundertüte, ein B-Movie, der sich in Big Budget Bereiche verirrt hat, ein großes Vergnügen, desse schlechte Reputation hauptsächlich dem Image seiner Hauptdarstellerin verschuldet ist. Lacht nur, aber diese Selbstparodie, dieser Publikumsarschtritt hat keine sieben goldene Himbeeren verdient sondern einen Platz in den Annalen der Filmgeschichte… und Demi Moores Titten sind hierfür der geringste Grund.


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