Die 90er Jahre: Die extremen, polarisierenden und kontroversen Filme des Jahrzehnts II

Hier kommt sie, die zweite Ladung der provozierenden und extremen Filme der 90er Jahre. Düstere Destruktionen der amerikanischen Gesellschaft in Gummo, eine verstörende Mischung von Sex und Gewalt in David Cronenbergs Crash, politischer Aktivismus im verschwörungstheoretischen Gewand von Oliver Stone in JFK – Tatort Dallas, bewusster Dilettantismus und die Reduktion des Filmischen auf das Notwendige bis hin zur vollkommenen inszenatorischen Nacktheit bei Lars von Triers Idioten und schließlich Perdita Durango, der Mitreiter auf der Welle des Tarantinoesken Kinos, der mit seiner zugespitzten, ungebrochenen Sympathie für die gewalttätigen Protagonisten aus dem Gangsterkino der 90er heraussticht.

Gummo [Harmony Korine]

(USA 1997)

Ein zerstörtes, apokalyptisch malträtiertes Kaff in Ohio: Verwahrlosung, Tristesse, Zynismus… und Gewalt. Unterlegt von einem harten, rohen und düsteren Score zeichnet Gummo ein prä- oder auch postapokalyptisches Kaleidoskop, das tief in den gesellschaftlichen Morast abtaucht und dort nur noch Sinneseindrücke der verstörenden allzu menschlichen Menschlichkeit findet. Das Ergebnis ist ein beklemmender, dreckiger kleiner Independentfilm-Bastard: Vielleicht so etwas wie der Anti-Slacker-Film schlechthin, ein Abgesang auf die 90er, auf die USA, auf die Jugend und auf die Menschheit an und für sich. Gummo ist ein spröder, improvisiert wirkender und unsteter Trip in Situationen, vor allem Situationen, die aus jeder kleinsten Narbe das schwitzen, was die Gesellschaft der 90er Jahre am liebsten unter dicken Mullbinden versteckt hätte: Traumatisch, provokant, konsequent und gnadenlos.

Crash [David Cronenberg]

(Kanada 1996)

Die Kombination aus Sex und Gewalt ist per se schon immer für Aufreger gut gewesen. In Crash verquickt Bodyhorror-Experte David Cronenberg Sadismus, Masochismus, sexuelle Zügellosigkeit und die Gier nach Adrenalin zu einem düsteren, apokalyptischen, subkulturellen Sittengemälde, das permanent neben sich steht und dort doch so etwas wie Antworten findet. Crash ist ein unterkühlter, wahnsinniger Trip, ein eiskalter Schnitt in die 90er Jahre Ästhetik und besitzt dennoch eine merkwürdige Form von Erotik und sogar Romantik. Dadurch ist bei Crash die primäre Schockwirkung, dass er in seine düstere, obszessiven dekadente Grundhaltung unzählige Momente der Schönheit und sogar Unterhaltung integriert. Ein infamer, grimmiger Schwarzblendenhumor begleitet stets die immer weiter reichenden Pervertierungen und irgendwie, ja irgendwie ist Crash in seiner verruchten Antihaltung auch so etwas wie Hollywood… oder zumindest kurz davor.

JFK – Tatort Dallas [Oliver Stone]

(USA 1991)

Während diese beiden Filme durch ihr bewusstes Überschreiten stilistischer und filmischer Konventionen für einen gewissen Empörungsfaktor gut waren, sorgte Oliver Stones Verfilmung der Recherche über den Mord an John F. Kennedy für eine ganz andere Form der Kontroverse: Wie dokumentarisch darf sich eine Fiktion (nach wahren Begebenheiten) geben? Wie sehr darf ein Regisseur investigativen Journalismus spielen? Und ab welchem Punkt wird ein Politthriller zur verschwörungstheoretischen Farce? Fest steht: Einerseits ist JFK – Tatort Dallas ein herausragender, spannender Ermittlungskrimi voller Fallhöhen und überraschender Wendungen. Andererseits kolportiert er aber Verschwörungstheorien, deren Gültigkeitsdatum schon in den 90ern größtenteils überschritten ist, stellt aus einer Mischung aus berechtigten Zweifeln an der Ermittlungsarbeit im Fall JFKs und wilden Spekulationen ein sich selbst faktisch schreiendes Flickenmosaik her und verkauft dies dem Zuschauer als endgültige Wahrheit, inklusive klassisch offensiver Stone-Inszenierung. Verwerflich einerseits, gebranntmarkt und vor allem von der Wissenschaft kritisiert, andererseits aber auch spannend, dicht und mit nicht zu leugnendem Gespür für Timing, Spannung und Verführungsrhetorik inszeniert.

Idioten [Lars von Trier]

(Dänemark 1998)

Idioten gehört zu den ersten Filmen, die nach dem berühmten Dogma95-Manifest entstanden sind. Und in diesem heißt es unter anderem eben auch, dass Sexszenen nicht inszeniert sein – sondern tatsächlich stattfinden – sollen. Die im Film stattfindende Gruppensexszene sorgte für so viel Gesprächsstoff, dass die weitreichendere Radikalität dieses Gesellschaftsporträts fast verloren ging: Ein unglaublich schnell zusammengezimmertes Drehbuch, viel Improvisation und launiger Filmanarchismus, kein Kunstlicht, wacklige Handkamera… Lars von Trier zeigt hier immer noch am eindrucksvollsten, wie Dogma95 gegen ein in Arthauskreisen weit verbreitetes Präzisionsdogma arbeiten kann, wie Dilettantismus große Kunst generiert und wie ein reduce-to-the-max-Prinzip eine ganz eigene Form des Kinos schaffen kann. Idioten ist weniger eine Provokation gegen das Publikum sondern viel mehr gegen die Filmschaffenden an und für sich und ein tiefer Schnitt in die mitunter verkrustete Arthaus-Szene.

Perdita Durango [Álex de la Iglesia]

(Mexiko 1997)

Im letzten Drittel der 90er Jahre stand der Tarantinoeske Film in der Blüte seiner Jugend. Viele, viele Regisseure wollten etwas von dem postpopkulturellen Kuchen etwas abhaben. So auch Álex de la Iglesia, der mit Perdita Durango einen wüsten Road Movie zwischen Gangsterfilm, Liebesgeschichte und obskurem Okkultismus inszenierte. Im Gegensatz zu seinem Vorbild verzichtet er jedoch fast vollkommen auf das postmodern ironische Augenzwinkern und inszeniert seinen Höllentrip zweier Verlorener als grimmiges Antimärchen, in dem sich der Sympathiefokus mehr und mehr auf die räudigen Akteure richtet. Und das bedeutet eben auch ab einem gewissen Punkt, Ritualmorde und sadistische Gewalt als narrative Intermezzi zu inszenieren, diese zu ihrem Selbstzweck und zur empathischen Einfpühlung zu nutzen und anstatt Empathie für die Protagonisten aufzubringen, diese zu übermenschlichen Superhelden zu stilisieren. Perdita Durango ist zweifellos nicht der einzige Film der 90er, der sich in Tabubrüchen bezüglich Gewalt und Sex übt. Er ist nicht der einzige Film, der neue Darstellunsgformen der Gewalt sucht und physische Grenzen überschreitet. Aber er ist der Film, der dies am Merkwürdigsten, am Befremdlichsten und letzten Endes eben auch am Ärgerlichsten tut. Er verliert jeglichen Drive, jegliche ironische Überspitzung und läuft geradewegs rein in die Falle der puren Apologie. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass er eben genau auch nur dafür stehen will und nicht ein Fünkchen mehr leisten kann oder will.

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