Die 90er Jahre: Die besten Tragikomödien des Jahrzehnts III

Ja… wir haben noch ein paar Tragikomödien, die das cineastische Jahrzehnt der 90er entscheidend mitgeprägt haben und auch heute noch unbedingt sehenswert sind. Wie schon die letzten Male aufgefallen sein dürfte, ist in diesem Genre vieles möglich: mal kippt es fast komplett zur Tragödie um, mal obsiegt das Lachen eindeutig, mal hält es die Waage und ein anderes Mal flirtet es mit surrealen, grotesken Momenten. So jedenfalls in der australischen Farce Bad Boy Bubby und Woody Allens sarkastischem Biopic Harry außer sich. Friedvoller, traditioneller geht es dagegen in den humanistischen Tragikomödien Grüne Tomaten und EDtv zu, auch wenn diese beiden ebenso eine ordentlich gesellschaftskritische Komponente besitzen. Diese spielt ohnehin in fast allen Filmen dieses Artikels eine Rolle. Egal ob als sarkastische Vorstadtsatire wie in Happiness oder als schillernde Auseinandersetzung mit Transgender-Topoi wie bei Priscilla – Königin der Wüste. Die besten Tragikomödien sind eben auch oft politisch oder zumindest gesellschaftskritisch motiviert, jedoch ohne, dass sie von ihren Themen inhaltlich erschlagen werden…

EDtv [Ron Howard]

(USA 1999)

EDtv ist so etwas wie der Pechvogel unter den Tragikomödien der 90er Jahre, und das gleich in zweierlei Hinsicht. Trotz seiner satirischen Spitzen, seiner mitunter ziemlich pessimistischen medienkritischen Inszenierung wird Ron Howards Film allzu gerne allzu schnell in die Komödienecke abgeschoben. Das viel größere Problem von EDtv ist indes, dass er 1999 veröffentlicht wurde und sich in direktem Konkurrenzkampf mit dem thematisch ähnlich gelagerten Epos The Truman Show befand, gegen dessen Größe er nur verlieren konnte. Dabei ist EDtv in vielen Punkten der realistischere und spitzere Film. Das Prinzip der medialen Dauerüberwachung auf freiwilliger Basis, wie es in EDtv zelebriert wird, ist Dank Big Brother mittlerweile keine Zukunftsvision mehr. Das Verhalten der Medien in einem nachvollziehbar legalem Rahmen ist in dem Film bitterböse und doch zu jeder Zeit nachvollziehbar und authentisch geschildert. Daneben besticht EDtv mit einer schönen, den ein oder anderen interessanten Bogen schlagenden tragikomischen Geschichte, gelungenen Charakteren, allen voran Matthew McConaughey als etwas naivem, tumben Jedermann und einer gefälligen Balance zwischen Tragik und Komik. Ein gelungener Film, dem weitaus mehr Aufmerksamkeit gebührt, als er bis dato erhalten hat.

Happiness [Todd Solondz]

(USA 1998)

Todd Solondz durfte hier schon einmal mit der herausragenden Groteske “Willkommen im Tollhaus” sein Talent unter Beweis stellen. Auch Happiness oszilliert stetig zwischen schwarzem Humor, bewegendem Drama und bissiger Gesellschaftssatire, ohne dabei jemals allzu sehr in eine Richtung auszuschlagen. Die Geschichte vom verbitterten Leben in einem Vorort von New Jersey handelt von exzentrischem Verhalten, Neurosen, Pädophilie und himmelschreiender Naivität. Ständig zwischen düsterer Tragödie, feinsinniger Gesellschaftsparabel und leisem bis ätzendem Humor hat Happiness trotz seiner pessimistischen Ader und seinen dunklen Themen immer genug Platz für Herzerwärmendes, Ergreifendes und pure Menschlichkeit.

Grüne Tomaten [John Avnet]

(USA 1991)

Grüne Tomaten ist ein sentimentaler, lebensbejahender Film und schleicht immer geschickt um kitschige Fallhöhen und aufdringlichen Pathos herum. Die Verfilmung von Fannie Flaggs gleichnamigem Roman erzählt die in den 20er und 30er Jahren angesiedelte, wunderschöne Geschichte einer Frauenfreundschaft und behandelt dabei mit leichtem Augenzwinkern schwere Themen wie Rassismus, Gewalt in der Ehe, den Drang nach Freiheit und Selbstvertrauen. Dabei gelingt es Grüne Tomaten auf einzigartige Weise sowohl nostalgisch als auch universell gültig, sarkastisch und spitzfindig aber auch bewegend und mitreißend zu sein. Ein wunderbares, an allen Ecken und menschelndes Frauenportät, eine raffiniert konstruierte gesellschaftskritische Parabel und viel viel Herzenswärme machen ihn zu einer der besten Tragikomödien überhaupt.

Bad Boy Bubby [Rolf De Heer]

(Australien 1993)

Auch die australische tragikomische Groteske Bad Boy Bubby menschelt, und zwar nicht zu knapp, sowohl im negativen als auch positiven Sinne. Was als surreal angehauchte Gesellschaftssatire beginnt, wechselt während seiner Laufzeit des öfteren die Farbe: Von obskurem psychologischen Drama, über muntere Komödie, über bissige Satire bis hin zur humanistischen Parabel ist alles drin. Die ungewöhnliche Reinterpretation von Kasper Hauser, dem Wolfsjungen, inklusive ödipaler Versatzstücke und bitterbösem Sittengemälde ist irgendwie anders, irgendwie krude, mitunter schmerzhaft direkt und dann wieder diffus vage… aber zwischen all dem ergreifend, humanistisch, und auf makabere Weise empathisch auf der Suche nach dem Guten im Menschen. Alles andere als gewöhnliche Tragikomik-Kost und gerade dadurch einzigartig und immer wieder verblüffend.

Priscilla – Königin der Wüste [Stephan Elliott]

(Australien 1994)

Transsexualität, Transgender, Travestie und Homosexualität… ohne die Vorreiterschaft des 90er Jahre Kinos zu diesen Topoi würden wir heutzutage vermutlich viel verkrampfter mit diesen Themen umgehen. Priscilla – Königin der Wüste ist einer dieser schillernden Diamanten, der sich ohne verkrampfte Dramatisierung transsexuellen Motiven annimmt und aus diesen eine heitere, bunte und lebensbejahende Tragikomödie zaubert. Der Road Movie, in dessen Mittelpunkt drei Travestiekünstler stehen, steckt voller Menschlichkeit und Lebensfreude, scheut sich aber auch nicht davor die dunklen, intoleranten Abgründe der Gesellschaft bezogen auf Sexualität und Geschlechtsidentität zu zeigen und mit freigeistiger Lebensfreude kollidieren zu lassen.

Harry außer sich [Woody Allen]

(USA 1997)

Woody Allen schon wieder…? Haben wir den nicht bereits hier und hier und hier über alle Maßen abgefeiert? Sorry Folks, der Mann war eben (nicht nur aber auch) in den 90ern eine Klasse für sich. Wie schon bei den gefeierten Komödien angemerkt, bewegen sich seine Meisterwerke immer an der Schwelle zwischen Drama und Komödie und finden zu einer ganz eigenen Konklusion der beiden Genres.  Zwischen klassischer Allen-Neurotik, hedonistischen Ausschweifungen und einem gewaltigen religiösen Subtext bewegt sich die Tragikomödie “Deconstructing Harry” zusätzlich noch auf dem schmalen Pfad des Surrealismus und absurden Theaters. Harry wird nicht nur mit seinem ausschweifenden Leben konfrontiert sondern auch mit der Verschwimmung von Vorstellung und Realität, von Wille und Schöpfung und schließlich sogar mit dem Teufel höchstpersönlich. Dass der Film dabei nicht in unkonsumierbare Arthaus-Skurrilität abdriftet ist der großen Meisterschaft Woody Allens zu verdanken, der die tiefgründige  Hinterfragung eines übervollen Lebens gewitzt und rasant inszeniert und wieder einmal Intellektualität und Herzenswärme gekonnt mit ätzendem Sarkasmus und Zynismus kreuzt. Kopfkino, Herzkino, Zwerchfellkino in Vollendung.


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>