Hörenswertes: Mai 2011: 31 Knots, Gabby Young and other Animals, Blackmail, Wonga

Bunt ist das Leben und granatenstark… Der Mai hat begonnen und wir sind endgültig wieder dort angelangt, wo die Musik das Leben einfach nur abfeiern darf. So wie zum Beispiel im Re-Release von Gabby Young and other Animals – We’re all in this together, das satten Folk/Swing/Jazz-Pop präsentiert. Aber allzu leicht wollen wir uns das Leben dann doch nicht machen, und so schießen wir mathematische Störfeuer von 31knots und verknoteten Krautrock von Wonga in die Big Band Parade. Und dazwischen finden wir auch noch kurze Zeit uns dem neusten Album von Blackmail zu widmen, die nicht nur den Sänger raus- sondern auch gleich zahllose Momente ihres musikalischen Konzepts umgeworfen haben. Volle Kanne Hoschi!

31knots – Trump Harm

(Cargo, 6.5.2011)

Die 31knots schon wieder… Auf den letzten Alben haben sie ja immer ein wenig mit dem Pop geflirtet, um dann doch wieder zu hirnfickrigem, staubtrockenen Math Rock zurückzufinden. Staubtrocken ist das Zauberwort; denn genau so ist auch Trump Harm mal wieder geworden. Progressive Rock minus Pathos minus Opulenz plus eine dreckige, rohe Punk-Attitüde. Aber von dieser sollte man sich nicht in die Irre führen lassen, kann man auch gar nicht, wenn die zehn verschwurbelten Songs über einen herfallen. Das ist kalkuliert, durchkalkuliert von der ersten bis zur letzten Note, auch wenn die hin und her stolpernde Stimme von John Haegen manchmal anderes vermuten lässt. Nein, nein, die Rhythmussection tut ihr schon ihre mathematische feingeschliffene Arbeit. Und das ist wie auf den Alben zuvor, abwechslungsreich, spannend und bar jeder falschen Gefühlsregung.

Wenn Emotionen aufkommen, dann immer – da das mathematisch enge Korsett der Instrumentals diese strikt unterbindet – in der Stimme von Sänger John Haegen, und wenn sie vorkommen, dann immer zersetzt, disversifiziert, so wie im agonistischen “Love in the Mean of Heat”. Meistens werden sie jedoch konsequent destruiert und dekonstruiert. Kopfmusik, freilich, aber hinter dem progressiven Gewand lauern die Abgründe, das Dionysische, das Vitalistische und Exzentrische. Es darf wieder mal in aller Düsternis getanzt werden, wenn auch holprig, zu kaputten Borderline-Rhythmen. Das schmerzt und zieht und ist dabei verdammt unterhaltsam. Frickelnde, schleppend kämpferische Selbstbefreiung. Man kann sich auch elegant aus den Ketten winden, ohne diese zerstören zu müssen… Trump Harm ist wie die Alben zuvor eine faszinierende Erfahrung zwischen freiem Kampf und exakter Selbstgeißelung: zerfahren, abgefahren, uneinsichtig, undurchsichtig und unbedingt hörenswert.

Gabby Young and other Animals – We’re all in this together

(Edel, 29.4.2011)

Auf zur anderen Seite des Regenbogens. Im Vergleich zu 31knots sprödem Math Taumel ist Gabby Young mit ihren anderen Tieren as big as it gets. We’re all in this together ist ein jazzig, poppiges Big Band Werk par excellence. Pianogeklimper, Bläser, sphärische Hintergründe und im Vordergrund das unglaubliche Organ der Sängerin Gabby Young, die sowohl mit ihrem Orchester als auch der Hörerschaft flirtet, diese bezirzt und in höchste Höhen entführt. Das ist alles schon ziemlich exzentrisch, irgendwie Pop und doch mehr. Da verbeugen sich die acht animalischen Musiker ein ums andere Mal vor der Musikgeschichte, tingeln durch die Bars des 20. Jahrhunderts, legen einen längeren Zwischenhalt bei Variété und Burleskem ein, finden den Schritt vom Folk zum Boulevard, nur um sich kurz darauf in fantastischen Swing fallen zu lassen.

We’re all in this together ist im Grunde genommen nur ein Re-Release, obendrein noch ein Album, dem Geschichte wichtiger ist als irgendwelchen aktuellen Poptrends… und doch klingt das alles so verdammt frisch, lebendig und unerhört vital. Zu dem musikalischen Grundgerüst gesellen sich Akkordeon, Banjo, Gitarren, elektronische Sperrfeuer… was eben gerade funktioniert. Wobei musikalisches Grundgerüst an dieser Stelle schon zu viel gesagt ist: Songs wechseln die Stimmung ebenso wie die Einflüsse im Minutentakt. Mindestens genau so variantenreich wie der instrumentale Hintergrund ist auch die stets vordergründige Stimme von Gabby: Schmeichlerisch, charmant, mal kratzbürstig… zwischen Swing, Jazz, Pop, Rock… zu viel, zu eklektisch? Aber sicher doch. So verdammt lebendiger Big Band Pop war schon lange nicht mehr zu hören; gerade dank der bewussten Anachronismen und Dissoziationen ein zeitloser, fantastischer Spaß, der gerne auf der nächsten burlesken, dekadenten Party auf Dauerrotation gespielt werden darf.

Blackmail – Anima Now!

(Soulfood, 29.4.2011)

Jaja… schreit meinetwegen, das sei alles nur Gewöhnung, Aydo Abay sei ohnehin nicht der Kopf hinter Blackmail und nur der charismatische Frontmann gewesen, und auch ohne ihn könnte es ordentlich weiter gehen, die Band habe sich sowieso schon auf “Tempo, Tempo” ganz schön verändert, und so weiter…  Für mich gehört das düstere mitunter etwas träge und vor allem nasale Organ von Aydo Abay genau so zu Blackmail wie die vermeintlich stimmliche Vorlage Moloko zu Placebo gehört. Wie soll das ohne ihn funktionieren, ohne dass Blackmail plötzlich wie eine ganz andere Band klingt? Die Antwort gibt Anima Now! gleich in den ersten Sekunden. Blackmail wollen gar nicht mehr nach Blackmail klingen. Zumindest partiell hat der Rauswurf Abays die Band komplett verändert.

Da wird plötzlich deftig auf den Punkt gerockt. Die Melancholie früherer Veröffentlichungen ist fast vollkommen verschwunden, mitunter scheinen Blackmail sogar Punk sein zu wollen. Funpunk wohlgemerkt, und so mancher Song steigt dann auch direkt in den Ring gegen… okay, ganz so schlimm ist es doch nicht, aber es ist schon erstaunlich wie Blackmail zwischenzeitlich ohne Schnörkel ohne Interruptionen nach vorne rocken. Steht ihnen auch ganz gut. Wirklich auf der Verliererstraße bewegt sich Anima Now! ausgerechnet bei den Balladen, die viel zu brav, viel zu pop-gescheckt daher kommen und irgendwie keine richtige Atmosphäre gewinnen. Da wird auch mal der Robbie-Williams-Pathos Gedächtnisregler nach oben geschraubt oder eben einfach nur dösig romantisiert.  Besser sind da schon die Selbstkopien wie das klasse, klassische “The Whys of the way”. Insgesamt gesehen kriegen Blackmail nochmal die Kurve : Anima Now! ist ein solides aber alles andere als herausragendes Alternative Rock Album. Und der Neue? Mathias Reetz macht am Mikro seine Sache wirklich gut, beherrscht die Verzweiflung ebenso wie den Zorn, auch wenn er nicht die Intensität seines Vorgängers erreicht und so mitunter hinter den Soundwänden etwas untergeht. Aydo Abays Stimme und die Atmosphäre, die sie erzeugt hat, werden fehlen. So viel ist sicher. Andererseits ist das vielleicht auch alles nur eine Sache der Gewöhnung…

 

Wonga – Milan

(Eigenvertrieb, 2010)

Yey! erst einmal ein Danke loswerden. Gestoßen bin ich auf Wonga über Schallgrenzen. Und ganz taufrisch ist Milan auch nicht mehr, steht immerhin schon seit einem halben Jahr auf Soundcloud rum. In diesem Fall soll es uns egal sein, denn der instrumentale Mix aus funkigem Math Rock und zappaesker Nervosität ist durch die Bank hörenswert. Auf ihrer Soundcloud kennzeichnen sich Wonga selbst als Postrock. Viel eher haben hier aber noch klassischer Krautrock und funkiger Fusion ihre Finger im Spiel. Wonga bewegen sich geschickt zwischen chaotischem Eklektizismus – der durch seine Launenhaftigkeit und seine Orientierungssuche mitunter an Can erinnert – und bringen einen guten Schuss Postrock-Monotonie mit ins Geschehen. Das klingt dann nach Irmin Schmidt, der sich auf den Treppen M.C. Eschers verloren hat und nach einem musikalischen Ausgang sucht.

Redundanz um Redundanz groovt sich ins Ohr, setzt noch einmal eine Schleife obendrauf und wird plötzlich von unerwarteten Dissonanzen durchbrochen. Klar, das ist schon ganz schön frickelig, ein bissel narzistisch auch. Soll es auch sein und will seine Progherkunft gar nicht verleugnen. Vor allem wenn es ganz plötzlich in tiefe atmosphärische Höhlen hinabtaucht – wie im verschleppten ZIVI – weiß man, dass sich das Harren über dem instrumentalen Vexierspiel gelohnt hat. Großartiges Math/Progressive/Kraut-Geschwurbel der alten Schule, ohne Anbiederung an Industrial und Avantgarde unserer Zeit. Und das Beste: das ganze gibt es komplett kostenlos bei Soundcloud zu hören.

wonga cd “milan” by redroommusik

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