Die 90er Jahre: Die besten Tragikomödien des Jahrzehnts II

Irgendetwas müssen sie den Amis Ende der 90er in ihre Longdrinks gekippt haben. Ausgerechnet Hollywood, das uns noch anfangs mit empathisch-naiven Komödien wie Mrs Doubtfire oder Peter Pan eine zuckersüße Heile Welt mit Moralgarnierung servierte, dekonstruierte plötzlich genüsslich das eigene Ideal der amerikanischen Saubermann-Familie und führte in einer bis dato ungewohnten Bissigkeit hinter die Fassade des amerikanischen Traums. Den bitteren Tiefgang des europäischen Kinos wollte zwar auch keiner so wirklich, aber als selbst Jim Carrey plötzlich seiner eindimensionaler Rolle als Hollywoods Grimassenschneider den Mittelfinger entgegen streckte, Anarcho Komiker verkörperte und ins Satire-Fach wechselte, war klar, dass dies der Beginn einer neuen tragikomisch grotesken Zeit sein konnte.

American Beauty [Sam Mendes]

(USA 1999)

Im Grunde genommen fangen die 00er Jahre bereits mit diesem Film an, der mit den seligen und höchstpatriotischen Familienrührseligkeiten der anderen Hollywood-Filme in diesem Jahrzehnt konsequent bricht. In American Beauty wird der Zuschauer Zeuge, wie eine amerikanische Durchschnittsfamilie an ihren falschen oder verlorenen gegangenen Idealen auseinander bricht und gleichzeitig die verlogene und heuchlerische Welt der amerikanischen Vorstadtidylle mit schwarzen Humor auseinander genommen wird. Ein Film, in dem eine minutenlange umherfliegende Einkaufstüte noch zum Kanon der Filmgeschichte wird, kann man nicht ,sondern muss man zu den besten Filmen, nicht nur der 90er, hinzu zählen.

 

 

Rushmore [Wes Anderson]

(USA 1998)

Wes Anderson sind wir bereits bei den Slackern und in der 00er Jahre Retrospektive begegnet. Mit Rushmore beginnt eigentlich das in den 00er Jahren so beliebte Spiel zwischen stiller Komödie, skurillen Aussenseiter-Figuren und melancholisch-dramatischen Unterton. Ein Film, der bereits vieles der Komödien des nachfolgenden Jahrzehnts vorwegnimmt, inklusive Bill Murray der schon bald endgültig und äußerst überzeugend in das tragikomische Fach wechselt und sein Clowns-Image aus Filmen wie Ghostbusters hinter sich lässt. Kleine Anekdote nebenbei: Jason Schwartzman, der hier die Hauptrolle des exzentrischen Schülers Max Fisher spielt, wird später auch mit seiner Band Phantom Planet bekannt, die mit “California” einen Indie-Hit landete, der aber erst nach Schwartzmans Ausstieg Charts-Erfolge feiern kann.

 

 

The Truman Show [Peter Weir]

(USA 1998)

Pete Weir ging ein großes Wagnis ein, seine subtile Medienkritik The Truman Show allein auf Carrey zu fokussieren. Jim Carrey, das war bis tief in die 90er der leicht nervige Brachialkomiker mit dem Gummigesicht. Umso erstaunter war man als mit “The Truman Show” zwar kein radikaler Kurswechsel in seine Vita kam, aber dennoch Facetten an Hollywoods Vorzeige-Blödel zu erkennen waren, die bis dato in lahmen Furzwitzen untergegangen waren. Seine sensible Darstellung des Truman Burbank, der ohne es selbst zu wissen, in einer künstlichen Fernsehwelt aufwächst und dabei von Millionen Zuschauern beobachtet wird, hätte einen Oscar verdient gehabt.

 

 

Der Mondmann [Milos Forman]

(USA 1999)

Jim Carrey, zum Zweiten… Aber der hat nun mal zum Ende der 90er einen Lauf. Die Verfilmung über das Leben und Wirken von Andy Kaufmann, der Humor stets nie als plumpen Service am Kunden sondern als Erfahrung begriff, ist immer noch brüllend komisch und zugleich tragisch. Und wer Originalvideos aus den 70ern mit der Perfomance von Carrey vergleicht, wird vermuten das es sich tatsächlich bei dem Duo kaufman/Carrey um ein und die selbe Person handeln könnte. Der Hollywoodstar lebt die Zerrissenheit, den Wahnsinn und die kindliche Neugier von Kaufman so überzeugend, dass man einfach nicht versteht, wie dieser Film kommerziell so untergehen konnte… und warum zum Teufel Carrey für die beste Leistung seiner Karriere abermals bei den Oscars übergangen wurde.

 

 

Kleine Morde unter Freunden [Danny Boyle]

(Großbritannien 1994)

Was wäre diese Rubrik ohne die Briten und vor allem ohne Danny Boyle, der von Drogenfilm über Horrorfilm bis Bollywood so ziemlich alles kann. Seine kleiner Bastard “Kleine Morde unter Freunden” ist genauso fies, lustig und schwarzhumorig wie es der Titel vermuten lässt. Mit einem geringen Budget ausgestattet gelang es dem damals noch unbekannten Boyle in Hitchock-Manier visuelle Kabinettstückchen und eine intelligente Story voller Twists miteinander zu kombinieren. Auch wenn das hier die Generalprobe für Trainspotting war, in dem er wiederum auf Ewan McGregor zurück griff, lässt sich bereits in dem Debutfilm das Genie erkennen und gehört zu den Klassikern des British Cinema der 90er.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>