Godard trifft Truffaut – April/Mai 2011 im Kino

Manchmal ärgert es schon ein wenig, das Gefühl etwas verpasst zu haben… Ich rede jetzt nicht unbedingt von dem Film “Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague”, der seit ungefähr einer halben Woche im deutschen Programmkino läuft (und von dem ich tatsächlich jetzt erst etwas mitbekommen habe), sondern von der Nouvelle Vague an und für sich. Was hätte ich gerne in der damaligen Zeit gelebt… und natürlich im damaligen Frankreich: Aufbruchsstimmung, große neue Filmideen, Experimentierlust, zeitzersetzende wahnwitzige inszenatorische Ideen, von Jump Cuts über selbstreferenzielle Momente bis hin zu ungewöhnlichen Narrationen. All das und noch viel mehr nutzten die Regisseure der Nouvelle Vague um eindrucksvolle, zeitlose Klassiker des postmodernen Kinos zu kreieren. Zwei der einflussreichsten Regisseure der damaligen Epoche sind Jean-Luc Godard und Francois Truffaut, deren Zusammenarbeit und Auseinanderdriften Emmanuel Laurent mit der Dokumentation “Deux de la Vague” nun ein filmisches Denkmal gesetzt hat.

Und dieses gehört dann eben genau zu jenen Filmen, bei denen ich denke: “Whoah! Muss ich sehen!” Ich liebe sie beide, diese so unterschiedlichen Regisseure, die scheinbar nur zufällig einer gleichen Bewegung angehörten. Francois Truffaut mit seinen wunderbar präzise erzählten, tragikomischen fast schon klassischen Narrationen und Jean-Luc Godard, der im Laufe seiner Karriere immer abstrakter, surrealer, zugleich aber auch politischer und bissfreudiger wurde. Ja, die beiden unterscheidet schon einiges, wodurch auch der – dafür ziemlich spät erfolgte – Bruch mehr als folgerichtig ist. Francois Truffaut war immer an den großen, universellen Themen interessiert, die sich in kleinen einfachen Geschichten äußern: Das melancholische, wehmütig nostalgische Sie küssten und sie schlugen ihn… (1959), das empathische Freundschafts- und Dreiecksporträt Jules und Jim (1961), der pädagogische aber nie aufdringlich missionierende Humanismusklassiker Der Wolfsjunge (1969), der es schließlich hinein in den didaktischen Filmkanon geschafft hat, der wehmütige, sich vor der Filmkunst verbeugende Die Amerikanische Nacht  (1973)… Truffaut war schon immer ein Erzähler, ein Konstrukteur und Beobachter. Trotz avantgardistischen Anspruchs und Experimentierfreude nie destruktiv oder exzentrisch.

Ganz anders diese Bestie von einem Regisseur Jean-Luc Godard. Schon in seinem Frühwerk Außer Atem (À bout de souffle, 1960) zeigten sich seine Tendenzen zum cineastisch Radikalen, indem er eine “einfache” Krimihandlung mit selbstreferenziellen Momenten, Jump Cuts und verwackelter Handkamera zerschoss. Dieser Hang zum ebenso ästhetisch wie politisch Radikalen steigerte sich sukzessive im Lauf seiner Karriere: das spröde, essayistische Porträt-Drama Die Geschichte der Nana S. (1962) dürfte zahllose Regisseure des Neuen Deutschen Films inspiriert haben, mit Die Verachtung (1963) schuf er ein verstörend selbstreferenziell postmodern durchflutetes Werk, während er mit der Satire Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution (1965) und dem kruden, surrealen Weekend (1967) Filmkonventionen nur noch herbeizitierte, um sie vor den Augen des irritierten Publikums genüsslich zu zerreißen.

“Godard trifft Truffaut” erzählt die gemeinsame Geschichte dieser so unterschiedlichen – und doch zahllose gemeinsame Bezugspunkte besitzenden – Regisseure. Von ihren gemeinsamen Anfängen als Filmkritiker bei der für die Nouvelle Vague einflussreichen Filmzeitschrift Cahiers du cinéma (1951 – heute), über die gemeinsame Arbeit an Jean-Luc Godards “Außer Atem” (Für den Francois Truffaut das Drehbuch schrieb) bis zum Bruch in den 70er und 80er Jahren. Ich freue mich schon auf den Film, werde ihn mir nächste Woche ansehen und eine Kritik so schnell wie möglich nachreichen.

Der 90minütige Dokumentarfilm Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague läuft seit dem 28.4.2011 als Originalversion (mit und ohne Untertitel) in den deutschen Kinos.

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