Hörenswertes: April 2011 (III): Fleet Foxes, Ja Panik, Jeremy Jay, Crystal Stilts, Yuck

War das ein Oster-Wochende… mit frühsommerlichen Temperaturen, blauem Himmel und allerfeinstem Biergarten-Wetter. Nun ist endgültig die Zeit für entspannte Musik, die jeden Sonnenstrahl nochmal endlos multplizieren und das Sonnebad noch schöner anfühlen lassen kann, als es eh schon ist. Wem allerdings die vielen Menschen im Park ein Graus sind, der darf sich mit Crystal Stilts in den Schatten setzen oder das neue Album von Ja, Panik auf einem Ledersofa im Hotel Foyer des Maritim hören. Yuck hingegen zerstören dein Jugendzentrum und Jeremy Jay mag  irgendwie alle und alle mögen ihn.

Fleet Foxes – Helplessness Blues

(Bella Union / Cooperative / Universal,29.04.2011)

“Weißt du was geil wäre? Die Fleet Foxes auf dem Haldern und dazu entspannt im Gras liegen und alles um sich herum vergessen.” Manche Träume gehen halt doch in Erfüllung. Wer keine Karte für das beschauliche Fest am Niederrhein hat oder eh nie vorhatte, dorthin zu fahren, kann sich diesen Wunsch, natürlich abzüglich des Live-Erlebnisses, auch schon im Frühling erfüllen und sich das wohl entspannteste Album überhaupt in seine eigenen vier Wände holen. Nach dem todtraurigen Album von Bandmitglied J. Tilman im letzten Jahr scheint die psychische Gesamtheit der Band wieder aufgeräumt zu sein: Helplessness Blues atmet einmal mehr die luftige Zeitlosigkeit des Debüts, dass im Jahr 2008 dem neuen Folk endgültig zum Durchbruch verhalf. Keine Ahnung wo genau die Ideen für das Album entstand, aber wenn es dieser weiße Strand, dieses ruhige blaue Meer und diese einsame Fischerhütte sind, die ich beim Hören von Helplessness Blues vor Augen habe, kann ich nur hoffen, dass keiner diesen geheimen Ort verrät und gestresste Großstädter wie ich auch in Zukunft von dessen Inspiration profitieren. Kleine Geniestreiche wie “The Plains/Bitter Dance”, die Psychedlica, Folk, antik anmutende Klampfen und Prog in Einem sind, wird man so jedenfalls von einer anderen Band in diesem Jahr und womöglich bis zum nächsten Fleet Foxes Album nicht mehr hören.

 

Ja, Panik – DMD KIU LIDT

(Staatsakt / Rough Trade,15.04.2011)

Von einem Album, das mit großer Wahrscheinlichkeit in den Polls vorne landen wird, zu einem potentiellen Spalter, den man nur hassen oder lieben kann. Ich hasse dieses Album, aufrichtig und abgrundtief. Ja,Panik haben einmal als Band mit tollen Wiener Schmäh angefangen und mit der ordentlich beschwingten Single “Wien, du bist ein Taschenmesser” bereits den Weg Richtung Konsens Indie-Darlings eingeschlagen, die sie aber eigentlich sein wollten. Doch die hassgeliebte Hauptstadt war wohl zu klein für das Ego und den Anspruch der Band. Und so kam es, wie es wohl mittlerweile ehernes Gesetz für hoffnungsvolle Newcomer sein muss: Der großte Trip nach Berlin stand an und schon Angst & The Money hatte neben tollen Songs wie “Alles hin” unfassbaren Blödsinn, mit dem man wohl direkt einen Persilschein für alle Vernisacen und die krassen “Meine Kunst!”-Events dort bekommt. Den Feuilleton haben sie jedenfalls im Sturm erobert und endlich hat das nerdbebrillte Berliner Spießertum wieder eine Band, mit der es sich schön hemmungslos von all den Cretins abheben kann, die sich neuerdings auf Konzerte der ehemaligen Säulenheiligen Tocotronic verirren und sich erdreisten  am Wochende auch mal Großstadt-Luft mitschnuppern zu wollen. Dass der Sänger immer noch so schön nach Wien klingt, die Texte zwischen Deutsch und Englisch switchen..äh wechseln ist natürlich auch so voll kosmopolitisch und typisch Berlin-Szene, ey. Was nutzt zudem die Revolution wenn sie dermaßen chiffriert wird, dass die Empfänger ohnehin nur bestimmte elitäre Zirkel sind, die eh nur in Zynismus flüchten und nichts an ihrem gehobenen Status Quo ändern wollen. Und ja, ich habe natürlich dieses wohl großartigste Album des deutschsprachigen Intelektuellen-Bieder-Pop nicht verstanden, aber selten habe ich auch Unwissenheit so dermaßen zu schätzen gewusst. Unangehmer Nebeneffekt obendrauf: Im Gegensatz zu diesem affektierten Gestotter findet man plötzlich die bierselige Kumpel-Prosa von Tomte sogar wieder erträglich. So, wenn nun Kante bitte wieder aus der Versenkung auftauchen könnten…

 

Jeremy Jay – Dream Diary

(Cargo, 15.04.2011)

Ok, Blick auf das Cover reicht um zu erkennen, daß wir es hier eventuell mit einem 80er-infizierten Album zu tun haben. Post-Punk, Wave und Pop erinnern auch recht schnell an die ähnlich gestrickten Modest Mouse, ein bischen verspulte Dinosaur Jr Atmosphäre dazu ergeben ein gutes und wortwörtlich verträumtes Album des New Yorkers. Das Gespür für gute Melodien ist durchaus vorhanden, wie man diese allerdings über Albumlänge abwechslungsreich gestaltet noch nicht wirklich. Es hätte auch nicht geschadet jeden Song mit einem (natürlich gewollt) billigen Synthie Sound zu “veredeln” und Dream Diary nicht nur so ähnlich sondern eben haargenau wie ein Lo-Fi Album klingen zu lassen. Nun ist aber Schluss mit dem Genörgel… denn das Album geht okay, ohne allerdings nachhaltig zu beeindrucken.

 

Crystal Stilts – In Love With Oblivion

(Cargo, 15.04.2011)

 

Velvet Underground kommen nicht mehr zurück, aber wofür braucht man die auch heutzutage wenn es Bands wie Crystal Stilts gibt. Auf dem zweiten Album hat sich sogar an The Doors erinnernder Blues eingeschlichen, wenn auch nur schemenhaft durch den Drogen-Nebel zu erkennen. Ansonsten bleibt alles so schief und kaputt wie auf dem hervorragenden Debüt Allight of Night. Im Grunde genommen machen Crystal Stilts alles richtig, was Jeremy Jay bei seinem Album falsch gemacht hat. Gute Ideen werden nicht mit Zuckerguss überzogen, sondern gerade der bittere Beigeschmack wirkt umso nachhaltiger. In Love With Oblivion macht Spaß, weil es eben nicht nach Spaß klingen möchte, sondern bedrohlich wie ein angeschossener Nick Cave in einem noch nicht gedrehten Western von David Lynch (wie geil wäre das eigentlich mal?, Anmerk. des Redakteurs) klingt. Nicht die Platte um verträumt im Gras zu liegen, sondern um hinter durch Rauch vergilbten Vorhängen und verdreckten Fenstern die hereinfallenden Sonnenstrahlen zu absorbieren.

 

Yuck – Yuck

(Cooperative Music/Universal,22.04.2011)

Im Bereich Noise-Pop geht ja schon seit längerer Zeit wieder einiges, leider nimmt  hier noch keiner wirklich Notiz davon. Genügend tolle Bands gibt es und es hätte eigentlich auch genügend tolle Songs für die Welteroberung, aber zwischen Gaga-Electro und Bieder-Folk scheint es derzeit nicht viel Platz für die Aufmerksamkeit zu geben und so spielen Bands wie Yuck auch bald wieder nur in den Schimmelclubs dieser Republik. Wie immer fragt man sich, warum das hier nicht schon längst ganz groß ist und die Leute vor der Konzerthalle Schlange stehen. Naja, vielleicht wissen die meisten auch einfach nicht von der Existenz von der Band aus – man mag es bei diesem uramerkianischen Lo-Fi Sound nicht glauben – London. Dinosaur Jr. standen zwar unüberhörbar Pate für diesen Sound, aber die können von mir aus auch noch 50000 andere Bands beeinflussen, solange das so gut klappt wie auf dem selbstbetitlten Debüt von Yuck.

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