Piss Christ von Andres Serrano: Pisse, Kunst und Vandalismus

by Florian Bayer on 22. April 2011

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Die Nachricht ist schon ein paar Tage alt, passt aber perfekt zum Karfreitag. Auf dem oberen Bild ist der Ausschnitt eines Kunstwerkes des amerikanischen Künstlers Andres Serrano zu sehen. Piss Christ heißt das Werk und ein Blick auf das Gesamtbild in Verbindung mit dem offensiven Titel verrät schon, um welche Form der Kunst es sich hier handelt. Das 1987 entstandene Foto Serranos (der mit Urin und Blut übrigens auch für das Cover-Artwork der 90er Jahre Metallica Alben Load und Reload verantwortlich ist) wurde dieses Jahr in Avignon in Frankreich ausgestellt, wo es letzte Woche Opfer einer vandalistischen Attacke wurde.

Die Fotographie von 1987 stellt Jesus Christus als leidenden Märtyrer am Kreuz da. Was auf den ersten Blick wie eine traditionelle, naive Ikone wirkt, in der der christliche Superstar im strahlenden Licht erscheint und von einer leuchtenden Aura umhüllt ist, offenbart seine subversive Kraft erst durch die Aufnahmetechnik, mit der es entstanden ist. Serrano bediente sich hier eines klassischen Fotoverfahrens, entwickelte die Abbildung dabei allerdings nicht im traditionellen Emulsionsbad sondern in seinem eigenen Urin. Und schon eröffnen sich ganz neue Deutungsebenen und -möglichkeiten. Genau diese Interpretationsmechanismen, die bei einem im wahrsten Sinne des Wortes der Pisse entstiegenen Heiland aufkommen, waren wohl einigen religiösen Fanatikern nicht so ganz geheuer und so reagierten diese, wie Fundamentalisten oft reagieren, wenn sie ihr Weltbild angegriffen sehen: Destruktiv.

Nachdem sich bereits zuvor eine rechtskonservative Protestbewegung gegen die Ausstellung des vermeintlich blasphemischen Werkes gebildet hatte, die unter anderem Demonstrationen gegen das Exponat organisierte, wurden die Sicherheitsmaßnahmen für das kontroverse Foto erhöht und dieses hinter einer dicken Plexiglaswand versteckt. Diese Maßnahmen reichten aber offensichtlich nicht aus, als vergangenen Sonntag mehrere fanatische Kritiker des Bildes die Wachleute mit Hämmern bedrohten, das Plexiglas einschlugen und das Foto aufschlitzten, wobei sie ironischerweise ausgerechnet das Gesicht von Jesus zerschnitten. Nicht nur Piss Christ sondern auch ein weiteres Bild Serranos – The Church – wurde Opfer der fundamentalistischen Attacke.

Interessant in diesem Zusammenhang sind vor allem zwei Dinge: Zum einen ist Andres Serranos angebotene Interpretation von Piss Christ keineswegs blasphemisch, eher das genaue Gegenteil. Nach Eigenaussage richtet sich die Kritik des Fotos gegen Kommerzialisierung und Inflationierung ikonischer Darstellungen, die wiederum selbst einen gewissen blasphemischen Akt darstellen, der von zahllosen Christen munter praktiziert wird. Zumindest in diesem Fall ist der Islam mit seinen Abbildungsverboten weitaus konsequenter als der Katholizismus und läuft nicht diese Gefahr, der  Banalisierung des Heiligen anheim zu fallen. Zum zweiten hat sich das Bild durch seine Zerstörung gleich eine weitere Interpretationsebene eröffnet und soll folgerichtig auch, ergänzt durch diese, weiterhin ausgestellt werden. Der destruktive Akt, der in die urinale Ikone eingeschrieben ist, lässt das Foto nunmehr erst zum religions- und vor allem fundamentalismuskritischen Werk werden. Dem Gesicht Christi ist die Radikalität und Ignoranz fanatischer Religionsanhänger im wahrsten Sinne des Wortes eingeschnitten. Selbst wenn der Zuschauer zuvor der Interpretation des Künstlers folgte, so kommt er spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr an einer erweiterten Deutungsebene des Exponats vorbei.

Piss Christ ist übrigens nicht das erste Werk Serranos, das Opfer einer vandalistischen Attacke wurde. 2007 wurden verschiedene seiner Exponate in Lund (Schweden) von einer Gruppe Neo-Nazis beschädigt. Auch über ein halbes Jahrhundert nach Schlagworten wie Enttartete Kunst, scheinen die Idioten und Banausen noch nicht ausgestorben zu sein…

 

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