Nu Metal Retrospektive II (Pioniere): Die Deftones und der Nu Metal – Geschichte eines Missverständnisses

An alle Deftones-Fans
Musiksnobgasse 2
Alternativemetalhausen
CC/ Tool-Fans

Betreff: Re.: “Die Deftones sind kein Nu Metal”

Liebe Deftones-Fans,

um das gleich klar zu stellen: Ich bin einer von euch. Nicht, dass angesichts dieses Textes irgendwelche Missverständnisse aufkommen. Ich mag die Deftones, ich liebe sie geradezu. Fast jedes Album: Den Hassfetzen Adreanline, das fiebrige Around the Fur, das schillernde Meisterwerk White Pony, ja sogar dessen in Fankreisen verpönten selbstbetitelten Nachfolger. Ich liebe diese Band seit den 90er Jahren, halte sie für einen der besten Nu Metal Acts überhaupt… Und genau deswegen, weil ich sie liebe und weil ich sie für eine großartige Nu Metal Band halte, muss ich an dieser Stelle mit euch schimpfen. Ihr mögt die Band, zweifellos, sonst wäret ihr wohl kaum Fans; zugleich wehrt ihr euch aber mit der selben Leidenschaft mit der ihr die Band liebt gegen jede potentielle Einordnung der Mannen um Chino Moreno in das so verhasste Genre. “Die Deftones machen keinen Nu Metal!” muss ich dann immer wieder hören. Und genau das ist gelinde gesagt Blödsinn.

Die Deftones (Die auf meinem RaR-Shirt von anno dazumal übrigens noch als “The Deftones” aufgeführt sind) gehören nicht nur zu den Pionieren sondern mitunter gar prototypischen Bands des Genres. Um das zu begreifen muss weder das peinliche Back to School Musikvideo noch die Kollaboration mit Soulfly (Ihr wisst schon, die Weiterführung Sepulturas in Zeiten des Nu Metal) herangezogen werden. Schon auf ihrem lauten, taumelnden Debüt Adrenaline (1995) besitzen die Deftones sowohl Attitüde als auch musikalische Stilmittel des Genres und setzen diese mehr als effektiv ein. Die Vocals alternieren zwischen wütendem Gekeife und androgyner Selbstverstümmelung, der Wechsel von sprechgesangähnlichen Passagen, cleanem bis heiseren Gesang und Metal-Shouts ist fließend, die Basswände hängen tief… und wenn ich mal frei zitieren darf: “Suck, suck suck… They fuck with my head!” beziehungsweise “No fist to fuckin’ save you from / You knock me out / No fist to fuckin’ save you from / I’m going home” ‘Nough Said!

Und diese Nu Metalhaftigkeit wird auf den folgenden Alben keineswegs weniger. Okay, White Pony (2000) badet in einer düsteren Industrial-Landschaft und ist noch am ehesten vom Sound der verhassten Mitgeneration entfernt. Aber Around the Fur (1997) mit der schon angesprochenen Cavalera-Kollaboration Headup sowie dem auf der Höhe der Zeit smashenden Hit “Be Quiet and drive”, der Rap/Shout Bastard “Hexagram” auf dem selbstbetitelten White Pony Nachfolger Deftones (2003) (meiner Meinung nach immer noch einer der besten Songs der Bands) aber auch so etwas wie der College Metal Hit (Genre/Wortschöpfung meinerseits) “Knife Party” eben auf jenem Un-New-Metalligsten Album…? Ich meine, hallo? Habt ihr die Ohren verstopft? Das kann ja eigentlich nicht sein, sonst würdet ihr die Musik der Band nicht so sehr schätzen. Aber wie um alles in der Welt könnt ihr dann nicht hören, dass diese hervorragenden Stücke nur einen Katzensprung von Bands wie Limp Bizkit entfernt sind und stilistisch nahezu auf einem Level mit Bands wie Korn stehen?

Jaja, Alternative Metal blablabla… Alternative kann man irgendwie alles nennen, was nicht traditionell klingt. Leute! Auch Korn spielen fucking Alternative Metal. Selbst Linkin Park kann man da irgendwie einordnen. Und – kleiner Seitenhieb am Rande – Tool. Jepp! Ich würde jetzt sogar einfach mal – wenn wir schon beim Anschiss sind – so weit gehen und Tool mehr als ein paar Nu Metal Stilmittel zuordnen. Hört euch nur mal “Ticks & Leeches” auf der Lateralus an. Da winken Korn aber sowas von um die Ecke. Okay, das soll ja kein Toolfan-Rant werden (wozu es auch genug Gründe gäbe, obwohl ich diese Band ebenso wie die Deftones schätze), also zurück zu Chino und seiner Crew… Der Style: Baggypants, Kapuzenpullis, schwarz, Turnschuhe… any questions still? Gut, denn modetechnisch unterscheidet die Band praktisch gar nichts von ihren musikalischen Nachbarn (oder eben auch Brüdern). Und die Clips und Bühnenauftritte erst. Da wird mit dem Bass der Boden geschruppt, rumgesprungen, dicht – viel zu dicht – ins Mikrophon gebrüllt… okay, live war die band ohnehin nie so der Bringer. Aber braucht es wirklich noch mehr Evidenzen? Deftones sind Nu Metal, waren schon immer Nu Metal – meinetwegen variantenreicher als andere Bands des Genres, etwas großzügiger nach links und rechts schauend, aber dennoch damn, fucking Nu Metal!

Und wisst ihr was: Das ist überhaupt nicht schlimm. Könnt ihr nicht einfach glücklich darüber sein, dass es wenigstens eine gottverdammte gute Nu Metal Band auf diesem Planeten gibt (Lasst euch an dieser Stelle auch gerne gesagt sein, es gibt noch mehr!)? Die Deftones als Pioniere und Spitzenreiter eines Genres zu akzeptieren, das ansonsten sehr viel Müll produziert hat? Ist das denn so schwer? Immerhin spielte Johnny Cash auch Country… und was in diesem Genre so alles rumgefleucht ist… Guru war ein Rapper und “Wir sind Helden” machen ja auch irgendwie Schlagermusik. Und jetzt will ich nichts von wegen “Scheiß auf die Schubladen!” hören… Diesbezüglich könnte ich diesen Rant auch gleich an die Band selbst (und Dutzende anderer Musiker) weiterleiten. Verdammt nochmal, natürlich sind Schubladen Verkürzungen, Reduktionen, Simplifizierungen bla und so weiter. Aber eben auch sinnvoll. Allein um verwandte Bands und potentiell interessante Alben ausmachen zu können. Oder sollen sich die Deftones ab sofort die Kategorie “öhmm, ähhh” mit Radiohead, Weeknd, Portico Quartet und Herbert Grönemeyer teilen? Wohl kaum.

Um zum Titel dieses kleinen Rants zurückzukommen: Die Geschichte der Deftones und des Nu Metal ist die Geschichte eines Missverständnisses… und zwar auf eurer Seite. Zumindest solange ihr nicht akzeptiert, dass die Band gut 70% Nu Metal Anteile (+/- 10% je nach Song) besitzt. Wenn es dazu nicht reicht, könnt ihr euch wieder zusammen mit den Toolfans (die mögt ihr doch genau deswegen ganz gerne) in euer kleines “Genre-diffus”-Haus zurückziehen und darüber wundern, warum die Hälfte der Musikszene (die zu blöd ist Einzigartigkeit zu verstehen) über euch Snobs die Nase rümpft. Ich mach da jedenfalls nicht mit. Nu Metal Schublade auf, Deftones rein.. und weiterhin mit großer Freude gehört. Thats It.

Liebe Grüße,

Plor.

 

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