Hörenswertes: März 2011 (III): Têtes Raides, Nicolas Jaar, Home Video, Jonny Greenwood, Gold Panda

Ja ihr lieben Leute… Es wird Frühling. Wir feiern das neu erwachende Leben mit fröhlichem, eleganten Folk Rock aus Frankreich von Têtes Raides und herrlich nonchalantem Indie Electro-Pop von Gold Panda. Die letzten Furchen des Winters stehen aber noch in unseren Gesichtern und so haben sich auch etwas kargere, kältere Klänge in unseren Soundcheck geschmuggelt. Der tragische Norwegian Wood Soundtrack von Jonny Greenwood und Can, der etwas spät eintrudelnde – aber immer noch geniale – Minimal Techno von Nicolas Jaar und melodieverliebter, semielektronischer Art Pop / Art Rock von Home Video. Wie immer alles mit dem Seite360 Hörenswert-Gütesiegel versehen.

Têtes Raides – L’an Demain

(Tôt Ou Tard / Import, 31.1.2011)

Und wir so in Gex im Auto unterwegs. Und unser Fahrer dann so “Un peu de musique?” Und wir so “D’accord!” Und dann klingt dieser wunderbare, stilsichere französische Chanson/Pop/Rock aus den Boxen. Und ich hör nur irgendwas mit “Têtes” und denke noch: “Verdammt, das muss ich mir merken!”… und gleich mal zu Hause danach suchen und nochmal nachfragen müssen (“Merci, Karen”) und endlich das Album finden, das gerade mal zwei Monate auf dem Buckel hat und in Deutschland natürlich nur als Import erhältlich ist. Egal. Das ist einfach ein so verdammt guter, so verdammt schöner und so verdammt lebendiger Hybrid aus Pop, Rock, Folk und französischer Chansonkunst, dass man sich nur in Têtes Raides verlieben kann. Diese existieren übrigens schon seit 1988 und haben unter anderem mit Yann Tiersen zusammen gearbeitet. Verdammt, warum sind die mir nicht früher aufgefallen? Unglaublich vitale Musik zwischen Frühstück im Pariser Straßencafé, mittägiger Straßenmusik, einer lauten, bunten Zirkusmanege am Abend und einer verrauchten Bar, in der die Nacht begangen wird. Mal vital, mal melancholisch, mal schelmisch, mal laut, mal punkig, mal tanzbar, meistens einfach nur schön.

Verstehe praktisch kein Wort von den französischsprachigen Texten. Stelle mir dann aber einfach mal vor, dass sie von der Schönheit des Lebens handeln, mit leichtem Augenzwinkern, vielleicht hin und wieder auch ein bisschen makaber, sarkastisch. Aber niemals zynisch oder gar ätzend. Têtes Raides dürfte jedem gefallen, der Element of Crime mag, jedem der auf ausgefallene Folkstücke steht, jedem der dem – Achtung, Klischee! – französischen Savoir Vivre etwas abgewinnen kann… Ach verdammt, das muss einfach jedem gefallen! Musik, die für 45 Minuten lebendig und glücklich macht… und darüber hinaus. Die perfekte Begrüßung des Frühlings.

Nicolas Jaar – Space is only Noise

(Rough Trade, 4.2.2011)

Wo wir gerade dabei sind, Überhörtes der letzten Monate nachzuholen. Natürlich ist auch hier der Hype um Nicolas Jaar wahrgenommen worden. Und dass die Platte “Space is only Noise” hier nicht besprochen wurde, liegt wohl vor allem daran, dass niemand in der Redaktion sich in der aktuellen Techno Szene besonders gut auskennt. Dabei hebt sich der kurzzeitige – oder vielleicht auch doch längerfristige – neue Liebling der elektronischen Musikszene angenehm von anderen Minimal Techno Künstlern ab. Space is only Noise ist im besten Sinne des Wortes ein bunter, elektronischer Hybrid, der Experimentaleinflüsse ebenso zu handlen weiß wie Dubstep, Minimal, Ambient und Lounge Music. Dass dabei der Überblick nicht verloren geht, liegt vor allem am unnachahmlichen Talent Jaars, verschiedenste Einflüsse zu einem homogenen Ganzen zu verweben. Die daraus entstehende Musik scheint wie ein elektronisches Eiland, ein Ruhepol, der um gediegene ruhige Pianoeinlagen nie verlegen ist und dennoch in den richtigen Momenten mitreißend nach vorne treibt. Unterlegt von Jazzigen, funkigen, bluesigen Klängen schmeichelt das Material dem Hörer, gibt sich relaxt, ohne langweilig zu wirken, gibt sich vertrackt und intelligent, ohne prätentiös oder zu verkopft zu sein. Ein eleganter, komplexer Electro/Ambient-Mix; vielleicht die Zukunft der elektronischen Musik, vielleicht nur ein kurzfristiger Hype, auf jeden Fall aber ein äußerst hörbares Album und ein gediegener Elecdtrogenuss auf höchstem Niveau.

 

Home Video  – The Automatic Process

(Groove Attack, 4.3.2011)

Ja, die Bostoner schrammen gerade so haarscharf an Radiohead vorbei: Scharf genug, als dass man ihren liebevollen Plagiatismus fast schon dreist finden könnte, aber dann doch eigenständig genug, dass die Musik auch jenseits diverser Oxford-Vergleiche Spaß machen kann. Ohnehin haben die elektronischen Klangkünstler noch zu viel anderes im Gepäck, als dass sie auf die bloße Yorke/Greenwood-Epigonie reduziert werden sollten: Zwischen düsteren Klanglandschaften die sich mitunter auch mit dem Psychedelic Goth von Anathema und Antimatter verbrüdern, zwischen experimentellen Electrobeats der Marke Kid A und tanzbaren Semi-Popsongs à la Cooper Temple Clause sind Home Video ebenso spröde wie anschmiegsam. nur ab und zu rutschen sie doch ab in allzu artifizielle, allzu prätentiöse und selbstverliebte Art Pop Kompositionen, die auch auf den letzten Dredg-Alben ganz gut aufgehoben wären. Ansonsten ein feines Ding das… nicht ganz so stilvoll wie die Vorbilder. Manchmal etwas zu sehr wabernd, stilverliebt und verträumt. Aber doch irgendwie  schön.

Jonny Greenwood / Can – Norwegian Wood (OST)

(WEA, 8.3.2011)

Mit ziemlicher Verspätung beehrt uns Jonny  Greenwood (Radiohead) mit dem Original Soundtrack zu Norwegian Wood. Der japanische Film, zu dem Greenwood die Musik komponierte ist derweil noch gar nicht in den deutschen Kinos zu sehen und ein Release hierzulande ist auch nicht in Sicht. Das ist insofern irrelevant, da das Album auch wunderbar unabhängig von irgendwelchen zu untermalenden Bildern funktioniert. Jonny präsentiert uns eine gediegene und elegante Mischung aus atmosphärischen Streichern und Gitarren, die einen schlichten und dennoch starken, einnehmenden musikalischen Rahmen bietet. Passt vielleicht nicht gerade zur erwachenden Frühlingszeit und ist in seiner mitunter unantastbaren Schwere ziemlich melodramatisch, wird aber immer wieder elegant von Can’schen Krautrocksongs aufgebrochen. Die 70er Progressive Ikonen durchbrechen ein ums andere mal die tragend tragische Stimmung der Kompositionen und bieten so Halt in den drückenden e-musikalischen Landschaften. Ein sehr schöner, sehr sensibler aber auch auf die Stimmung drückender Score, der viel Ballaststoff fürs eigene Kopfkino bietet. Und ganz nebenbei macht die Musik auch neuigierig auf das tatsächliche Kino, für das sie komponiert wurde.

 

Gold Panda – Comparion

(Ghostly International,22.3.2011)

Japp, das feiere ich ab, und wie! Wunderbarere Indie-Electronica in Verwandschaft mit Four Tet, Pantha du Prince und The Field. Ich schäme mich zutiefst das Debüt Lucky Shiner letztes Jahr übersehen zu haben und mittlerweile ist das Interesse an dem zurückhaltenden und scheuen jungen Mann derart gewachsen, dass wir hier noch mal seine Frühwerke präsentiert bekommen, die unabhängig des vielbeachtenden Debuts locker ein eigene homogene Einheit bilden. Das ist hier ist die Zukunft von wunderbarer Electronica, abseits der Prollobuden und Hipsterdissen, und klingt nach Frühling in der Großstadt. Bitte vormerken, kaufen und mit abfeiern!

 

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