Die 90er Jahre: Die besten Satiren, Grotesken und schwarzen Komödien des Jahrzehnts

Okay… Hier soll es wirklich böse, bizarr, grotesk, allerdings dennoch und gerade deswegen urkomisch werden. Und um das gleich klarzustellen: Wenn an dieser Stelle von schwarzen Komödien die Rede ist, dann ist auch wirklich schwarz gemeint. Pechschwarz! Nicht der sadistische Fäkalhumor, der sich als böse tarnt, um zu verbergen, dass er doch nur moralinsaure Teenager- und Massenunterhaltung aus Hollywood ist… nein, nein… gemeint ist das Lachen, das dir im Halse stecken bleibt und dort noch Tage später schmerzt. Das Lachen, das weh tut, weil es die eigene Amoralität, den eigenen Sadismus, die ureigenen dunkelsten Seiten des Menschen enttarnt. Böse gehässig und eben doch zum Schreien komisch, oder zum Leiden komisch, zum Erschrecken komisch, whatever. Die besten des Jahrzehnts: Wir haben euch gewarnt.

Sitcom [François Ozon]

(Frankreich 1998)

Genug gewarnt… jetzt geht es in die Vollen. Sitcom ist wie der Name schon verrät eine nette, lustige Familienkomödie, die sowohl was für das Zwerchfell als auch für das Herz bietet: Inzest, versteckte Gelüste, Amokläufe, Massaker… und eine Ratte, die das Leben des Bürgertums – aus nicht näher genannten Gründen – ziemlich durcheinander wirbelt. Sitcom ist so etwas wie die Bourgeoise-Version der Aristocrats, eine absurde Farce, die an die innersten Werte der Familie hernatritt, diese genüsslich seziert, um dann mit dem Hackebeil drauf los zu gehen… begleitet vom Hohngelächter des Publikums. Wenn die gutbürgerliche Mutter mit ihrem Sohn schläft, um diesem die Homosexualität auszutreiben, wenn die Tochter nach einem erfolglosen Suizidversuch gelähmt ist und der Vater nach dem Verspeisen der Ratte zum Gewehr greift, dann ist das Lachen über die irre Neuinterpretation des US-Sitcom-Arrangements schon sehr speziell. Genau so muss es auch sein in dieser bösen, bitterbösen Farce, die so etwas wie eine Kreuzung von Teorema und Monty Python darstellt.

 

Das deutsche Kettensägenmassaker [Christoph Schlingensief]

(Deutschland 1990)

Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst… Schlingensiefs gerade mal einstündiger Trip “Das deutsche Kettensägenmassker” ist ein räudiger Bastard aus Experimentalfilm, politischer Satire, Exploitation und vor allem vollkommen überzogenem Splatterhorror. Es ist schon ganz schön dreist, wie das Regie Enfant Terrible hier Motive des deutschen Autorenkinos mit avantgardistischer Experimentalfilmkunst und wüstem Trash des amerikanischen Torture Porns kombiniert. Das ist natürlich in jeder Hinsicht too much, trashy, hin und wieder arty, aber vor allem derart Over the Top, das es einfach nur im Zwerchfell schmerzt. Ein kleiner, derber und dreckiger Filmspaß, der sich an seinem eigenen Dilettantismus erfreut, und das Publikum mit Gewackel und Gestümper ebenso irritiert wie verstört… Ein perfider kleiner Jungenstreich auf Zelluloid gebannt.

 

The Player [Robert Altman]

(USA 1992)

Natürlich können wir an dieser Stelle ganz galant auf den hauseigenen Essay zu “The Player” verweisen, der sich bereits mit dessen Selbstreferenzialität auseinandergesetzt hat…. Naja, ein paar Zeilen mehr dürfen es trotzdem sein. The Player ist zugleich Robert Altmans Rückkehr nach als auch seine Rache an Hollywood. Eine bitterböse Farce, die vor nichts und niemanden halt macht. Nicht nur das der Protagonist Filmproduzent und Oberarschloch ist, daneben tummeln sich auch noch naive bis debile Drehbuchautoren, exzentrische Künstler, hinterhältige Studiobosse, während so ziemlich jeder Schauspieler aus Beverly Hills zumindest für einen kurzen Cameoauftritt vorbeischauen darf. The Player ist ätzend zynisch, bitterböse, vollgespickt mit Seitenhieben gegen das Filmbusiness und dabei ein herrlich ungezwungenes, nonchalantes Vergnügen.

 

Barton Fink [Joel Coen, Ethan Coen]

(USA 1991)

Wir bleiben bei der Filmsatire. Dieses Mal gehts nicht den Studios und Filmemachern an den Kragen, sondern den erfolglosen Drehbuchautoren. Aber die Coens wären nicht die Coens, wenn sie hier eine klassische Satire auf das prekäre Künstlertum inszenieren würden… Stattdessen gehen sie anders vor, ganz anders. In Barton Fink treffen sich Franz Kafka, Nathanael West und Luis Bunuel zum absurd grotesken Stelldichein. Thriller, Mystery, Surrealismus und abartiger Humor verbrüdern sich zu einem kleinen, fiesen und dreckigen Bastard von Film, zu einer überspitzten expressionistischen Montage, die sich nie so ganz sicher ist, ob sie lachen, weinen oder sich fürchten soll. Wahrscheinlich  ein Werk, auf das der englische Begriff “weird” immer noch am besten passt, und alles in allem ein kaum überschaubares Kaleidoskop des menschlichen Wahns. Einer der schrägsten und besten Filme der genialen Brüder überhaupt.

 

8½ Frauen [Peter Greenaway]

(Großbritannien 1999)

Vater und Sohn wollen noch einmal richtig das Leben genießen – sexuell, ungezügelt – und so beschließen sie sich ihren eigenen kleinen Harem einzurichten. 8½ Frauen und eine edle Villa stehen ihnen dafür zur Verfügung. Und dann wird es erstmal so richtig grotesk. Wer Peter Greenaway kennt, weiß, dass dem britischen Regisseur das straighte Storytelling nicht so liegt. Stattdessen favorisiert er das Absurde, Übersteigerte und Irreale. Zwischen Japan und Großbritannien, zwischen Fellinis 8½ und Ferreris “Das große Fressen” wird 8½ Frauen zum absurden, düsteren Lustspiel, in dem der sündhafte Reigen mehr und mehr zum Alptraum wird, indem weibliche Abziehbilder prototypische Ängste des Mannes projizieren, in dem Klischees genüsslich ausgebreitet und dekonstruiert werden. 8½ Frauen ist chauvinistisch, dekadent, ätzend zynisch, verzweifelt hoffnungslos… und auf seine eigene krude Art sau komisch. Klar, ein narzistisches, artifizielles Kunstwerk, mehr Panorama als Film, aber dabei derart Over the Top, dass es schon wieder höllischen Spaß macht.

 

Willkommen im Tollhaus [Todd Solondz]

(USA 1995)

Todd Solondz werden wir in den 90ern an späterer Stelle noch einmal begegnen. In “Welcome to the Dollhouse” beweist er bereits sein Talent in der Inszenierung tragikomischer, absurder und schmerzhafter Stoffe. Die Geschichte um das vernachlässigte, gemobbte und verhasste Teenagergirl Dawn ist eine bitterböse Farce über die Sorgen und Ängste Heranwachsender. Ohne falsche Sentimentalitäten zeigt Solondz knallhart wie hart, böse und ungerecht die Jugend und das Leben an und für sich sein können. Dabei nimmt er keine Rücksicht: Weder auf seine schräge Protagonistin noch die zahlreichen überzeichneten Nebenfiguren. Ein bitterer Film, ein Film der schmerzt, aber auch ein Film, der zum zynischen und masochistischen Lachen einlädt.

 

Terror 2000 – Intensivstation Deutschland [Christoph Schlingensief]

(Deutschland 1992)

Und noch einmal Christoph Schlingensief. Dieses Mal mit dem letzten Film  seiner Deutschlandtrilogie (Das ebenfalls empfehlenswerte groteske Kammerspiel “100 Jahre Adolf Hitler” ist von ’89 und hat so den Einzug in unsere Liste knapp verpasst). Terror 2000 ist eine Generalabrechnung mit den entweder defätistischen oder überoptimistischen Zukunftsentwürfen Deutschlands der beginnenden 90er Jahre. Zwischen Gladbeck, Neonazismus und Überbevölkerung bewegt sich Schlingensiefs gesellschaftskritischer Themenkreis, zwischen Splatterhorror, bissiger Mediensatire und Tatortparodie dessen Inszenierung. Wie das Kettensägenmassker steht Terror 2000 immer mit einem Bein im Trash, mit dem anderen in der Avantgarde, ist böse, laut, frei improvisiert, dreist und frech und lässt Deutschland zur Freakshow verkommen. Ein Film direkt aus der gesellschaftlichen und medialen Intensivstation…

 

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