Die 90er: Die besten Britpop-Alben des Jahrzents I

Mit den elektronischen Alben haben wir unsere musikalische Retrospektive der 90er begonnen und heute kommen wir zu einem weiteren höchst erfolgreichen Genre dieser Ära. Dabei ist gar nicht so wirklich klar und auszumachen, wo Britpop startet und aufhört: Der Höhepunkt dieses Subgenres war sicherlich Mitte der 90er, als plötzlich die Mischung aus Sixties-Pop, Punk und Zitaten aus aus dem Rave-Sound der 80er von der Insel zu uns rüberollte und für zwei Sommer lang den Globus infizierte. Der erste Grund für dieses Phänomen dürfte sicherlich die unglaublich hohe Dichte an guten Alben sein, aber auch die Reaktion auf die immer langweiliger werdende amerikanische Grunge-Musik, die zu allem Überfluss 1994 mit dem Tod von Kurt Cobain ihre wichtigste Persönlichkeit verlor und damit endgültig den Weg für smarten Pop aus UK freimachte. Britisch und Smart, beides Attribute, die man in Deutschland noch nie sonderlich schätze und  selbst heute wird hier Britpop immer noch auf Oasis und ihre erfolgreichste Single Wonderwall reduziert. Wir geben hier nun die Möglichkeit, weitere Bands des Genres kennen zu lernen und stellen in unserem ersten Teil unter anderem die zynischen Pulp, die unterschätzen Supergrass und die Ur-Väter des Britpop`95 vor…

Pulp – Different Class

(Polygram, 1995)

Different Class hat hier seinen Platz natürlich allein schon wegen Common People sicher, der großen Überhymne des Britpop. Dabei waren Pulp schon kurz davor als ewige Kultband abgeschrieben, bevor plötzlich der große Britpop-Hype 1995 auch diese Band  nach oben spülte und sie dank Hits wie Disco 2000 außerhalb der Insel bekannt wurden. Der androgyne Sänger Jarvis Cocker wird sogar zu den Lieblingen der Londoner Hipster Szene, seinen Stil beschreibt er treffend mit “Uncool ist das neue Cool”. Wie Blur sind Pulp fokussierte Beobachter der britischen Gesellschaft oder wie sie auf das Backcover schreiben “”We don’t want no trouble, we just want the right to be different. That’s all.”

Supergrass – In It For The Money

(Parlophone,1996)

Das Debutalbum machte Supergrass zu den Teenstars des Britpop, mit dem Nachfolger wurden sie allerdings schneller erwachsen als dass es der Teen-Presse recht sein konnte. Der Punk Kracher “Richard III” als Vorab-Single machte schon klar, daß es die Jungs ernst meinten, auch wenn sie im Gegensatz zu anderen Britpop-Bands keine krassen Kurskorrekturen hinlegten und stets dem Rock der 60er und 70er treu blieben. In diesen Jahrzenten wären sie wohl Superstars geworden, doch leider ging dieses verkannte Meisterwerk damals unter, obwohl hier der vielleicht beste Songe der Band “Sun Hits The Sky” drauf ist und diese sich selten so kompakt präsentiert hat. Vielleicht lag der ‘Misserfolg’ auch einfach an dem hässlichsten Album-Cover der Musikgeschichte…

Kula Shaker  – K

(Columbia, 1996)

Kula Shaker, die sich nach einem indischen Fürsten benannten, gehörten nicht wirklich oder ehrlich gesagt gar nicht zu den Innovatoren der britischen Britpop-Szene. Und trotzdem ist das hier mit das Beste was Britpop hervor gebracht hat. So traditionell die Band mit all ihrem Räucherstäbchen-Charme, ihren Tablas und Hindu-Thematik auch sein mag, das ganze versprüht trotzdem so viel jugendlichen Elan und Spielfreude, dass es so klingt als ob 60er Psycheldelica gerade erst erfunden wurde.

Mansun – Six

(Parlophone, 1996))

Weg von bekannten Namen wie Oasis oder The Verve hin zu den sträflich missachteten Mansun, deren pathostriefender Sound sicherlich nie an die Coolness der Bands aus Manchester rankam und doch im Geiste der Smiths und Suede sexuelle Undeutigkeit und anspruchsvollen Pop-Hymen verband, die zu den besten der Brit Pop Ära gehören und immer noch sträflich auf dem Dachboden der Musikgeschichte lagern, um dort eines Tages endlich entdeckt zu werden.

The Charlatans – Tellin’ Stories

(Beggars Banquet Music, 1997)

Eigentlich gehören The Charlatans zu den Bands der glorreichen “Manchester” -Tage, denen auch die Happy Mondays und The Stone Roses ihr Tribut zollten. Als junge Bands wie Oasis die alten Platzhirsche aus Manchester langsam ablösten  und Grunge noch immer präsent war, begannen auch die die Charlatans ihren Sound Richtung Sixties zu drehen und konnten so mit dem selbstbetitelten Album ein Comeback hinlegen, das  ihnen viele nicht mehr zutrauten und welches ihnen fast 5 Jahre nach ihrem Debutalbum wieder einen Platz 1 in UK bescherte. Tellin’ Stories führte die Erfolggeschichte weiter und verbeugt bis auf den Kracher “One To Another” noch tiefer vor dem Britpop Sound dieser Tage.

 

Robbie Williams – Life Thru a Lens

(EMI, 1997)

Ähm ja, der gehört hier irgendwie doch rein. Nach dem Ende der Boygroup Take That war für viele klar, wer die erfolgreichste Solokarriere hinlegen würde… die Antwort war zu dem Zeitpunkt: Gary Barlow, der mit Back for Good nochmal den letzten großen Take That Hit schrieb, kurz bevor R. Williams die Band verließ und sich erst einmal mit Bands wie Oasis die Kante gab um kurz darauf abzutauchen. Nachdem Barlow und auch die anderen ehemaligen Mitglieder reichlich viel schnachigen Kram veröffentlicht hatten, kam die Stunde von Robert Williams, der mit Guy Chambers einen der fähigsten Songwriter überhaupt ins Boot holte und plötzlich dank des Überhits “Angels” über Nacht zum Superstar wurde. “Life Thru a Lens” ist sicherlich qualitativ The Verve und Blur unterlegen, aber betont Pop dermaßen angenehm und überzeugend, wie keines seiner luschigen Mainstream-Werke danach.

Blur – The Great Escape

(Food Records, 1995)

Ok, nach dem kleinen Schocker mit Robbie nun wieder eine Band, die wohl zusammen zusammen mit  Oasis für immer für den Begriff Britpop`95  stehen wird, wie die Beatles und Stones eben für die 60er.  Kleiner Hinweis an die neue hinzugekommenen Blur Fans, die erst ab “13” die Band für sich entdeckt haben: Damon Albarn hasst “The Great Escape” wie die Pest, was wohl daran liegt, dass dieses Album hinter den beiden großen Alben von Oasis verschwand und Albarn immer noch schaudernd an den Battle of Bands zurück denken lässt, den Blur in Sachen Albumverkäufen gnadenlos vergeigten. Das liess sie  später ziemlich beleidigt auf alles Gift und Galle spucken, was mit Britpop in Verbindung gebracht wurde. Hier sind sie aber noch, die großen Britpop-Momente, wie das alles überragende “The Universal” (beste Britpop Single überhaupt?), das auch von Blur Fans vergessene “Yuko + Hiro” oder das herrlich überdrehte und zutiefst britische “Charmless Man”, das dem Konzept dieses Albums folgt, indem es die britische Gesellschaft zynisch betrachtet. Später übernimmt  vor allem Querkopf Graham Coxon das Ruder und zerschreddert auf “13” äußerst unironisch alles was auf “The Great Escape” mit typisch britischen Humor kommentiert und inszeniert wurde. Kann man verstehen und trotzdem das kompakteste Britpop-Album der 90er gut finden.

https://www.youtube.com/watch?v=tt1gM10MZRk

The La`s – The La`s

(Go! Discs, 1990)

Die Geburtsstunde des Britpop der 90er? Sonnenbrillen, Pilzkopf-Frisur und die Vermischung von The Smiths mit Sixties-Musik sind jedenfalls der Grundstein für das legendäre Debutalbum von den La`s, auf das sich auch Noel Gallagher immer wieder berief. Mehrere Produzenten wurden für dieses Album verschlissen, weil sie dem maninschen Perfektionismus von Sänger Lee Mavers nicht gewachsen waren oder in seinen eigenen Augen die Anforderungen nicht erfüllten. Der Legende ließ er sogar Orginal 60er Jahre Staub auf dem Mischpult verteilen, was wiederum an die Verrücktheiten von Beach Boys Sänger Brian Wilson erinnert, der sicherlich an Songs wie “There She Goes” seine helle Freude gehabt hätte.

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