Die 90er Jahre: Die besten Episodenfilme und Composite Films des Jahrzehnts

Geschichten über Geschichten… Verwoben, versponnen, (un)zusammenhängend, episodisch, fragmentiert und doch immer in einen Kontext gesetzt, der über eine bloße Aneinanderreihung von Kurzfilmen hinausgeht. Nachdem uns schon viele Episodenfilme der 00er Jahre begeistert haben, gibt es auch in den 90ern eine Menge Komponiertes und Collagiertes zu entdecken. Die besten Episodenfilme des Jahrzehnts, direkt nach dem Klick.

Short Cuts [Robert Altman]

(USA 1993)

Keine 90er Episodenfilmliste ohne Robert Altmans Klassiker Short Cuts. Generell keine Composite Film Liste ohne diesen Geniestrei von 1993. Robert Altman wirft einen episodischen, kaleidoskopischen Blick auf das Leben zahlreicher Menschen in Los Angeles. Mit empathischem Gespür durchleuchtet er große und kleine Katastrophen, Alltägliches und Besonderes, Tragisches und Komisches und lässt die weit verzweigten, immer wieder miteinander verbundenen Ereignisse in einer großen Naturgewalt konkludieren. Short Cuts ist ein ebenso gigantisches wie bescheidenes Sittengemälde, dem Banalitäten und Bagatellen ebenso wichtig sind wie scheinbar lebensverändernde Geschehnisse. Ein eindrucksvolles, mikrokosmisches und weit verzweigtes Bild, das zu einem universellen, tragikomischen Sittengemälde wird.

 

Magnolia [Paul Thomas Anderson]

(USA 1999)

Keine 90er Episodenfilmliste ohne Paul Thomas Andersons Klassiker Magnolia. Genrell keine Composite Film Liste ohne diesen Geniestreich von 1999. Anderson wirft einen episodischen, klaeidoskopischen Blick auf das Leben zahlreicher Menschen in Los Angeles: Empathisch, gewaltig, universell, in einer großen Naturgewalt konkludierend…. ja verdammt. Magnolia ist schon extrem dicht dran an Short Cuts. Sowohl von Erzählhaltung als auch Aufbau und Ästhetik. Und doch gibt es feine Unterschiede. Unterschiede, die sogar dazu führen, dass das Plagiat die Hommage präferiert werden kann. Anderson kümmert sich nicht so sehr um weite Verzweigungen, muss seine Protagonisten nicht ständig übereinander stolpern lassen, sondern gibt den einzelnen Episoden genug Platz zur freien Entfaltung. Außerdem verzichtet er auf den lakonischen Humor des Klassikers, um ein großes – fast biblisches Ausmaß erreichendes – Melodram zu inszenieren. In Magnolia ist alles größer, weiter, universeller: Die langen Kamerafahrten, die sich in ihren eigenen Zorn hineinsteigernden Schnitte, der philosophische Background. Magnolia ist so etwas wie der epische Bruder von Short Cuts, sein theatralischer Zwilling. Gemeinsam bilden die beiden eine cineastische Klammer um den Episodenfilm der 90er Jahre. Und Magnolia ist mindestens genau so essentiell wie sein Vorbild, wenn nicht gar einnehmender, tiefer und faszinierender.

 

 

Chungking Express / Fallen Angels [Wong Kar-wai]

(Hongkong 1994 / 1995)

Was Robert Altman und Paul Thomas Anderson für Los Angeles sind, ist Wong Kar-wai für die Millionenmetropole Hong Kong. Chungking Express und Fallen Angels sind Bruder und Schwester und bilden zusammen ein gigantisches Panorama der Hongkonger Gesellschaft: Mal schmerzhaft realistisch, mal skurril und fantastisch überezichnet, dann wieder romantisch verträumt. Anhand von losen Episoden, die mitunter ohne Anfang und Ende auskommen, erzählt Wong Kar-wai von Auftragskillern, von verzweifelt Liebenden, von absurden Wohnungsdekorationen, von unfreiwilligem geselligen Beisammensein, von Sprachlosigkeit und Menschlichkeit, von Ananasfressattacken und anderen merkwürdigen Begebenheiten und entwirft damit ein ebenso verzauberndes wie verstörendes wie amüsierendes Panorama der postmodernen Gesellschaft. Beide Filme sind fiebrige Trips zwischen Traum und geerdeter Verbundenheit, immer unschlüssig, immer fragmentarisch, unsortiert wie das urbane Leben, ihre Interessen und Foki wechselnd, nie verlegen um plötzliche Stimmungsumbrüche und dabei doch immer ganz dicht an ihren Protagonisten. Empathisch, charmant, mitreißend… Meisterwerke des urbanen Kinos.

 

 

Night on Earth [Jim Jarmusch]

(USA 1990)

Es gibt nur wenige Orte, die sich so gut zur Darstellung kleiner menschlicher Schwächen, Sorgen und Träume eignen wie Taxis. Im zeitlich abgegrenzten Mikrokosmos einer Fahrt treffen Typen und Lebensweisen aufeinander, die sonst weit voneinander entfernt sind. Jim Jarmusch hat mit seinem Episodenfilm “Night on earth” jenem Clash of the Cultures ein filmisches Denkmal gesetzt. Fünf Städte auf zwei Kontinenten: Kurze, lakonisch erzählte und dabei ungeheure charmante Episoden vom Leben und Sterben, voller Sehnsucht und Hoffnung, mit viel trockenem Humor und geschliffenen Dialogen, die ihres Gleichen Suchen. Aber Night on Earth ist trotz des selbstgesteckten Rahmens alles andere als ein langatmiger Dialogfilm. Ganz im Gegenteil: Ein herrlich einfacher, reduzierter und zutiefst bewegender Film voller Menschlichkeit und Wärme, bei dem das ganze menschliche  Dasein auf engstem Raum stattfindet, reflektiert und zelebriert wird.

 

 

Boogie Nights [Paul Thomas Anderson]

(USA 1997)

Paul Thomas Andersons Boogie Nights ist natürlich in erster Linie die Biografie des Pornodarstellers Dirk Diggler, geht aber deutlich über den Rahmen eines einfachen Biopics hinaus. Anhand von unzähligen Nebencharakteren entwirft Anderson hier ein panoramisches Sittengemälde der Pornoindustrie der 70er und 80er Jahre. Durch den Aufbruch des Fokus vom einzelnen Protagonisten auf vermeintliche Statisten, väterliche Fürsorger, kleine Sternchen und große Stars entwickelt Boogie Nights als Composite Film eine ungeheure großflächige Sogkraft, immer zwischen pathetischem Melodram, leichtfüßiger Tragikomödie und geschliffener, satirischer Gesellschaftskritik. Der Umstand, dass Anderson auf jede Moralisierung, jede distanzierte Abwertung verzichtet, hält den Film angenehm klischeefrei. Er bringt genug Empathie für jede noch so kleine, noch so vermeintlich erbärmliche Figur auf, zieht sein – mitunter absurdes – Geschehen nie ins Lächerliche, sondern nimmt sich selbst ernst genug, um auch im noch merkwürdigen Vexierspiel das Menschliche und gesellschaftlich Universelle zu finden.

 

 

Akira Kurosawas Träume [Akira Kurosawa]

(Japan, USA 1990)

Das Spätwerk Träume ist einer der letzten Filme des Regieveteranen Akira Kurosawa und gehört zugleich zu seinen ungewöhnlichsten Werken. Während der Shakespeare-Adaptierer und Konstrukteur gewaltiger Epen sonst sehr akribisch strukturiert und dramaturgisiert, ist dieses kleine Juwel frei, assoziativ in seinen Handlungsphasen und reiht Traumsequenz an Traumsequenz. Dabei bewegt er sich von kindlich naiv, über düster prophetisch und apokalyptisch bis hin zu humanistisch versöhnlichen Themen. Wie ein traumtänzelnder Lebenszyklus hängen die einzelnen Episoden lose zusammen, erzählen mal weniger, mal mehr, mal offensichtlich, mal symbolistisch, mal surreal,  mal zwischen den Zeilen und lassen sich sehr viel Zeit für ästhetizistische, ruhige Stimmungsaufnahmen. Ein wunderbares, zurückhaltendes Werk, das ebenso eskapistisch wie reflektiert ist, sowohl schwelgt, als auch mit präzisem Blick analysiert. Ein vorzügliches Traumkaleidoskop für anspruchsvolle Zuschauer.

 

 

Smoking / No Smoking [Alain Resnais]

(Frankreich 1993)

Ein weiteres Spätwerk eines großen Regievirtuosen. Alain Resnais, der mit seinem surrealistischen Klassiker “Letztes Jahr im Marienbad” und dem Montagespiel “Hiroshima mon amour” einst für Aufsehen sorgte, inszeniert mit dem Zwilling “Smoking / No Smoking” ein faszinerendes “Was wäre wenn”-Vexierspiel. Zwei Darsteller, sechs zusammenhängende Stücke, zwölf Variationen und immer die Frage: Was könnte sein, was würde sein, was sollte sein? Resnais bewegt seine beiden Protagonisten, die in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen, geschickt durch ein sich panoramatisch entwickelndes, zum universellen Gesellschaftsbild und Sittengemälde taumelndes Kleinstadtkaleidoskop. Während die Dispositionen feststehen, entwickeln die daraus entstehenden Geschichten eine einnehmende Sogkraft mit unvorhersehbaren Entwicklungen und Wendungen. “Smoking / No Smoking” ist ein schelmischer und zugleich liebevoller Regiestreich, garniert mit feinsinnigem Humor und einem berührenden, herrlich menschelnden Blick auf die Sorgen und Nöte einfacher Menschen. Resnais liebt seine Figuren, seine Protagonisten und Antagonisten und überträgt diese Liebe mit einer unvergleichlichen Leichtfüßigkeit und einem unheimlichen Verve auf die Geschichten, in denen sie sich bewegen. Ganz großes Kino im kleinen Rahmen, hinter dessen Einfachheit sich wiederum ein gewagtes, gewaltiges Panorama verbirgt.

 

 

Smoke [Wayne Wang]

(USA 1995)

Wir bleiben beim Laster des Rauchens. Denn dieses steht ganz und gar im Mittelpunkt von Wayne Wangs geschickt konstruierten, kontrastreichen und ambivalenten Episodenfilm Smoke. Ausgehend von einem kleinen Tabakladen in Brooklyn erzählen Wang und sein Drehbuchautor Paul Auster (bekannt für seine Erzählungen der New York Trilogie) insgesamt fünf Episoden, die sie geschickt montieren, sich parallel entwickeln lassen und an essentiellen Punkten kreuzen. Daraus entsteht nicht nur ein spannendes und mitreißendes Gesellschaftsporträt sondern ebenso eine Verbeugung vor dem lasterhaften Nikotingenuss, dem Leben an und für sich und eine humorvolle, lakonische Betrachtung der großen und kleinen Sorgen, die dieses mit sich bringt. Geschickt pendelt Smoke zwischen Tragik und Komik, zwischen großem Schmerz und kleinen Freuden und wird in seiner raffinierten Verwobenheit vor allem zu einem narrativen Leckerbissen, den sich Filmgourmets nicht entgehen lassen dürfen. Selbes gilt übrigens auch für den improvisierten, im Anschluss entstandenen “Blue in the Face”, der das selbe Setting nutzt um noch einmal seinen ganz eigenen – unkonventionellen, spontanen – Blick auf das Leben in einem Mikrokosmos zu entfalten.

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