Songcollage zum Liebhaben- Rezension zu “Collapse into now” von R.E.M.

Anfang des neuen Jahrtausends schien die Sache klar. Schluss mit den Experimenten, Schluss mit düsterem 90er Alternative Folk, Schluss mit alternativem Rock: Umarme das Leben und feiere es mit angemessenen Hymnen! Mit Reveal schufen R.E.M. einen anschmiegsamen Zwitter aus gut gelauntem (Indie) Pop und sonnestrahlenden Beach Boys Reminiszenzen, um gleich darauf mit “Around the Sun” einen ruhigen, kleinlauten Rock-Schönling nachzulegen. Auch 2008 schien die Sache klar: Accelerate war ein Befreiungsschlag eben genau aus jener guten Laune heraus, die anscheinend zum eigenen Gefängnis geworden war: Laut, roh, rockend… fast schon nostalgisch die 80er wiederbelebend. Und 2011? Da ist die Sache erst einmal alles andere als klar.

Das beginnt schon bei dem Cover, das eher an das hilflose Plakat einer politischen Untergrundpartei erinnert, denn an das Artwork gestandener Rockgrößen und setzt sich in der Musik zweifellos fort. Nachdem sowohl Reveal als auch Around the Sun als auch Accelerate klare musikalische Konzepte verfolgten, tauchen R.E.M. mit Collapse into now wieder tief hinab in die Heterogenität, Verspieltheit und die Schnörkel der 90er Jahre Alben. Und diese Wiederentdeckung des Facettenreichtums steht ihnen verdammt gut zu Gesicht. Collapse into now scheint weder Konzept noch roten Faden zu besitzen, ist in seinem Gesamtarrangement fast schon zerfahren, uneinsichtig vielschichtig, und während man als Hörer ein ums andere Mal von vollkommen unterschiedlichen gleichberechtig nebeneinander stehenden – wild durch die Genres hüpfenden – Songs überrascht wird, beginnt man langsam festzustellen, dass jeder einzelne davon ein verdammter Hit ist. So ist es! Es ist lange her, dass ein R.E.M.-Album eine solche Hitdichte erreichte. Jeder Refrain sitzt, jede Melodie kriecht ins Ohr, jedes Riff reißt den Körper herum und jedes weitere Dreiminutenarrangement wird zum besten Freund genau für jene drei Minuten.

Folglich fällt die Entscheidung gar nicht so leicht, bei welchem dieser Kleinkunstwerke angefangen werden sollte: Vielleicht bei den prächtigen Alternative-Rockern? Das muntere und frische “All the Best”, das treibende und mehr als ohrwurmgefährliche “Mine smell like Honey” oder doch die grandiose Peaches-Kollaboration “Alligator…”, die wild nach vorne peitschend Tanzflächen zum Einsturz bringt? Während diese Rocker das Blut in Wallung bringen, haben R.E.M. keine Scham, das eigene Adrenalin abzubremsen. Wie von einem vollkommen anderen Album, wenn nicht gar musikalischen Planeten wirken die Balladen und Semi-Balladen, die sich im Zentrum von Collapse into now einnisten. Und wenn man gerade dabei ist Michael Stipe für so viel Pathos zu verfluchen, entdeckt man, wie die romantischen, überhöhten und schwelgerischen Kleinode einen umgarnen und mitreißen. Love me! Love me! Love me! scheinen Songs wie “Oh my Heart” und “Every Day is yours to win” zu schreien und sie haben trotz irritierender Kitsch- und Adultrock-Nähe Erfolg damit. Als hätte Phil Collins plötzlich wieder gelernt gute Musik zu schreiben und die Ergebnisse dieser Arbeit Stipe geschenkt. Das irritiert beim ersten Hören, spätestens beim zweiten oder dritten möchte man aber auch diese kleinen, sentimentalen Perlen in den Armen nehmen und fest drücken. Ja, es ist Musik zum Verlieben, die R.E.M. hier produzieren. So bedingungslos naiv die Texte und die schwelgenden instrumentalischen Untermalungen sind, so bedingungslos möchte man sich diesen hingeben. In den großen elegischen Momenten wird Collapse into now schlicht ein Album zum Liebhaben.

Und das gelingt dann vor allem in der eigenen Zurücknahme:  “Ueberlin” – unüberlesbar ein Tribut an die deutsche Hauptstadt – gehört mit zum besten, schnörkellosen balladesken Rock, den R.E.M. seit Drive gespielt haben und bleibt direkt im Herz hängen. Das Eröffnungsstück erlaubt sich gar eine schleppende, stockende und stolpernde Reminiszenz an die eigenen rohen Indie Rock Anfangstage während “That Someone is you” nochmal tief auf sommerlichen Beach Boys Stimmfang geht. Spätestens beim hypnotischen, verträumten Abgang Blue brechen dann alle Dämme. Im schwelenden Instrumentalzündeln, unterlegt von Stipes flehender Stimme findet die ambivalente Struktur des Albums zu sich selbst zurück. Da müsste nicht einmal der Opener zitiert werden, um die vorangegangene Vielschichtigkeit, die immer nur einen Hauch von Konfusion entfernt ist, zu einem versöhnlichen Ganzen zu bündeln. R.E.M. haben auf Collapse into now zu etwas zurück gefunden, was in letzter Zeit ein wenig verloren schien: Zu Songs! Zu prächtigen Einzelstücken, die sich im Rhythmus eines vielgesichtigen Albums umspielen, miteinander konkurrieren und ein ums andere Mal die Gunst des Hörers gewinnen.

Alternative, Folk, Adult Rock, Tanzflächenstimmung und romantisches Schwelgen, nicht immer harmonisch, aber immer mitreißend vereint. Jeder einzelne Song ein Statement für sich selbst, jeder einzelne Song ein individuelles, kleines Kunstwerk zum Liebhaben. So füllerlos haben sich R.E.M. vielleicht gar seit “Automatic for the People” nicht mehr präsentiert, so gut mindestens nicht mehr seit (der sträflich unterschätzten, ebenfalls vielschichtigen) Up. Collapse into now ist eine Hitcollage im besten Sinne des Wortes, eine würdige Begrüßung des beginnenden Frühlings und schlicht und ergreifend eine Sammlung von Songs, die man alle gleich lieb haben möchte. Die Geburt des Liedes aus dem Geiste des Albums und ein prächtiger Beweis dafür, dass R.E.M. alles andere als alt sind und in dieser Form auch gerne noch zehn oder zwanzig weitere Alben, oder besser noch 200 bis 600 Songs produzieren können.

R.E.M. – Collapse into now (Warner, 4.3.2011)

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