Rapid Music Movements – Retrospektive zum neuem R.E.M. Album “Collapse Into Now”

Die Welt dreht sich weiter und R.E.M. veröffentlichen wieder ein neues Album. Seit nunmehr fast 30 Jahren erfreuen die Alternative-Rocker ihre Fans mit regelmäßigen, neuen Veröffentlichungen: Mal laut und kratzbürstig, mal experimentell, mal mit Pop und Harmonie flirtend, mal mit großem Stadionrock Gestus und dann wieder ganz zurückgezogen, melancholisch und nachdenklich. Über ein Dutzend Gründe, sich ihrer Discographie genauer anzunehmen…

Murmur

(IRS, 1983)

Als Alternative Rock noch wirklich eine Abwechslung zum Mainstream war und nicht eine Heimat für Deppenbands wie Three Doors Down oder Nickelback… Im Gegensatz zu späteren Alben klingt Murmur noch roh  produziert, war aber trotzdem ein großer Kritikererfolg. Sogar die Charts konnten mit dem Debut erobert werden, was eigentlich verwundert, da Murmur ein verträumtes und verschlossenes Album ist, welches keine Überhits wie Losing My Religion zu bieten hat. Die Musikzeitschrift “Rolling Stone” wählte Murmur bei ihrer Wahl zum besten Album 1983 trotzdem auf Platz 1 , sogar vor “Thriller” von Michael Jackson. Sänger Michael Stipe war übrigen schon bereits zu dem Zeitpunkt übercharismatisch, hatte noch volles Haare und klang hier bereits wie Kurt Cobain 10 Jahre später. Dieser hat sich übrigens stets als großer Fan der Gruppe bezeichnet und angeblich vor seinem Freitod “Everybody Hurts” gehört.

Reckoning

(IRS, 1984)

Im Gegensatz zu dem noch etwas schüchternen Murmur kommt Reckoning direkter und besser produziert daher, der Sound wirkt insgesamt optimistischer, melodieverliebter, aber auch glatter. So ist Reckoning eine Art Übergangsalbum, welches zwar wieder Kritikerliebling wird aber doch so wirkt, als ob hier noch nicht das ganze mögliche Potential ausgeschöpft wurde, da sich die Musik nicht zwischen Kommerz und Underground entscheiden kann.

Fables of the Reconstruction

(IRS,1985)

Nachdem R.E.M. bei dem zweiten Album einen nicht gerade unerheblichen Druck von Seiten des Plattenlabels spürten, scheint das dritte Album eine Trotzreaktion auf das eher leicht konsumierbare Reckoning zu sein, und die Stimmung während der Aufnahmen wird von den Bandmitgliedern als” düster und abgeklärt” beschrieben. Fables ist der erste Bruch mit dem College Rock der ersten beiden Alben. Immer noch nicht die große Durchbruchs-LP, aber so langsam wird man auch außerhalb der Staaten auf R.E.M aufmerksam.

Lifes Rich Pageant

(IRS, 1986)

Nach dem düsteren Fables of Reconstruction ist das Nachfolgealbum Lifes Rich Peagent wieder deutlicher Uptempo-beeinflusster und punkiger. Hier kristallisieren sich erstmals die R.E.M heraus, die man sie auch später kennt und liebt. Michael Stipes Stimme klingt präziser, anklagender und wütender, wie eben auch die Songs auf dem schmissigen Lifes Rich Pageant. Es geht  immer weiter nach oben und REM gelingt es so langsam eine feste Größe in der Alternative Rock Landschaft zu werden.

Document

(IRS, 1987)

Na, fällt schon was auf? Genau, kein Jahr ohne ein neues R.E.M. Album. Wo heute schon Bands nach dem Debutalbum erstmal 3 Jahre für maue Nachfolger in Anspruch nehmen, machen R.E.M. einfach weiter und erlangen den verdienten Lohn für die harte Arbeit: Document schafft erstmals die Top Ten der Billboard Charts und ist der Anfang einer langjährigen Zusammenarbeit mit Produzent Scott Litt. Auf Document klingt R.E.M. nun endgültig wie eine Band, die es wissen möchte und nicht mehr nur darauf aus ist dem hippen Underground oder den College Studenten zu gefallen. Die logische Konsequenz: Mit ” It’s the End of the World as We Know It (And I Feel Fine)”  die erste Hit-Single. Trotz allem kommerziellen Erfolg ist man aber immer noch weit entfernt von seichtem Pop-Alben und dem üblichen Charts-Kram.

Green

(Warner, 1988)

Schon Document wurde von den Fans der Anfangszeit skeptisch beäugt und mit Green veröffentlichen R.E.M erstmals auf einem Major-Label. Sie wollen endgültig nicht mehr Kultband für die Nische sein und gehen noch weiter Richtung eingängige Songs und harmonische Popmelodien. Was aber bei vielen anderen Bands auch gleichzeitig einen großen Qualitätsverlust bedeuten würde, ist hier zumindest Stagnation auf einem mittlerweile äußerst hohen Level. R.E.M. werden erwachsen und Songs wie das sträflich vernachlässigte “Hairshirt” wirken nachdenklich-reflektiert, als wollen sie ihren eigenen Schaffensprozess kommentieren. Es wird klar, dass hier bald was sehr Großes kommt.

Out of Time

(Warner, 1991)

Mit Document der erste Top Ten Erfolg, Green auf einem Major Label und nun lassen sich R.E.M. auch noch 3 Jahre Zeit. Egal, sollen die Underground-Fans endgültig die Band abschreiben, denn ab hier wird es Weltklasse. Out of Time ist der Auftakt für die beste und kreativste Schaffensphase vom R.E.M, die in den 90er zu Superstars aufsteigen und neben Nirvana zu der meistkopierten Band dieser Dekade werden. Out Of Time verliert zwar endgültig die Kanten der frühen College Tage, aber der Sprung in die Oberliga ist nicht mehr aufzuhalten. “Losing My Relgion” wird in Zeiten des zynischen Grunge, der im gleichen Jahr zu einem Massenphänomen wird, zu einer Hymne, die leider seitdem deutlich zu oft im Radio gespielt wurde. “Shinny Happy People” ist genauso trällernd wie es der Titel vermuten lässt, kommt aber unter seinem Popkorsett mit zähnefletschendem Sarkasmus daher. Wer R.E.M. allerdings hier nur auf diese beiden Radiohits reduziert, wird aber sicherlich auch nie was “Low” gehört haben, das eher nach Patti Smith oder Velvet Undergroud als nach B-52 klingt und zu den stärksten Songs der Band überhaupt gehört.

 

 

Automatic for the People

(Warner, 1992)

Die Verbitterung und Dunkelheit von Grunge geht auch nicht an R.E.M. vorbei. Wo viele Stadion-Rocker aus den 80ern nur noch lächerlich dastehen, gilt die Band als großes Vorbild für die vielen jungen Bands aus der Grunge-Hochburg Seattle. Die Verspieltheit der 80er, die auch noch auf Out Of Time erkenbar war, ist nun endgültig weg und weicht dem Zynismus und dem Gefühl der Einsamkeit, wie bei “Everybody Hurts”, das vielleicht doch ein wenig pathetisch ausfällt. Zum Glück geht der Rest des Albums in eine andere Richtung und bietet mit Drive, Nightswimming und Man ond The Moon zeitlose Klassiker, denen es gelingt einerseits einem immer größeren Publikum zu gefallen, andererseits auch Indie-Fans aufgrund ihrer Komplexität zu faszinieren. Für viele Fans ist die Band hier am Zenit und Automatic For The People ist, obwohl eher düster und deutlich weniger Pop-orientiert gleichzeitig auch mit 18 Mio Alben das erfolgreichste Album R.E.M’s.

Monster

(Warner, 1994)

Während Automatic For The People als das Konsens-Abum von R.E.M. gilt, ist der Nachfolger Monster ihre umstrittenste LP. In der Hochphase des Grunge gelten Superstars als uncool und R.E.M. scheinen ausverkaufte Stadien und erhöhte Präsenz auf MTV langsam auch eher unangenehm zu sein, so dass auf den Mega Erfolg des Vorgängers ein härteres Album folgt, das sich betont kratzbürstig gibt und sich (noch) nicht der Bequemlichkeit des Erfolgs hingeben möchte. Leider vergessen R.E.M. bei aller etwas aufgesetzt wirkenden Zähnefletscherei auch große Songs zu schreiben, ausgerechnet der ruhigste Song von Monster “Strange Currencies ” überzeugt im Nachhinein am meisten. Im Gegensatz zu den anderen 90er Alben kein rundum überzeugendes Album, aber doch wichtig für die Orintierung der Band und eine offensive Absage vor der Vereinahmung des Mainstream.

New Adventures in Hi-Fi

(Warner, 1996)

Die logische Konsequenz  für viele Bands nach einem gefloppten Album wie Monster wäre ein Hit-Album. R.E.M. lassen sich aber nicht auf dieses allzu offensichtliche Spiel ein und scheinen nach Monster wird die Lust an Ecken und Kanten gefunden zu haben. Nachdem R.E.M. Anfang der 90er ihre Fans aus alten Tagen schockierten sind es nun die Mitläufer und Radiohörer, denen R.E.M. ein dunklen Brocken vor die Füsse schmeißen.  Der Wille hier viele Mainstream-Hörer zu vergraulen macht sich auch in der Auswahl der ersten Single bermerbar. Denn anstatt auf die verträglichen Songs wie Bittersweet Me oder Electrolight zu setzen kommt das verstörende E-Bow The Letter, in dem das Idol Patti Smith mit ihrer dunklen Grabesstimme zwischen Tod und Resignation oszillieren darf. Die zweite Großtat neben Automatic For The People, für nicht wenige sogar die noch bessere.

Up

(Warner, 1998)

Nach der düsteren Trilogie “Automatic For The People”, “Monster” und “New Adventures in Hi-Fi “kommt wieder ein Streitfall. Drummer Bill Berry hat genug vom Touren und verlässt die Band,  tauscht Zeit mit seiner Familie gegen die Karriere ein, während der Band nach Krisen gesundheitlicher Art wohl wieder mehr nach einem Up zumute ist als sich noch weiter zu verschließen. Da Ende der 90er elektronische Klänge en vogue sind und die befreundeten Radiohead mit OK Computer die Richtung für das kommende Jahrzehnt vorgaben, entschließen sich R.E.M. dazu, ihren neusten Streich experimenteller zu gestalten, indem sie Drum Loops und elektronische Musik in das Material einfließen lassen. Sowohl Fans als auch Kritiker reagieren allerdings zwiegespalten und Up wird erst über die Jahre zu einem Album, dessen Mut zur Veränderung honoriert wird. Nach Kommerz-Verweigerung Art-Rock zu bekommen, war wohl damals für Viele doch etwas zu viel des Guten.

 

 

Reveal

(Warner, 2001)

Nach den anspruchsvollen und erfolgreichen 90ern, kommen wir nun zum einem Jahrzehnt, in dem R.E.M.immer mehr Richtung Radio-Pop gingen, in welchem ihnen auch der vorher so gekonnte Grad zwischen Anspruch und Pop nicht mehr so überzeugend gelang. Reveal sollte eine luftiges Sommeralbum werden und genau das ist es auch, wenn auch mit deutlicher weniger Anspruch oder Risikobereitschaft als auf den Alben zuvor. R.E.M erstes wirkliches Pop-Album, das auch die Reduktion der 90er fallen lässt und großen Breitwand-Sound auffährt, der die schon die aus Up bekannten Drum Patterns beinhaltet: Dance-Sound, der sich die ganze Zeit nicht wirklich mit den eher folkigen Songs alter Schule verträgt und R.E.M. wie eine Band wirken lässt, die sich selbst und ihrer Zeit hinterher läuft, während sie sich an das neue Jahrtausend anpassend möchte. Schöne Songs wie I`ll take The Rain bietet es trotzdem und ist wohl all denen als Einstieg zu empfehlen, die sich von Adventures in Hi-Fi haben abschrecken lassen oder es auch ansonsten lieber leicht konsumierbar mögen.

Around the Sun

(2004)

Ich habe keine Ahnung was Around The Sun werden sollte und vielleicht weiß es die Band auch nicht so genau. Erstmals in ihrer so erfolgreichen Karriere laufen REM Gefahr beliebig und überflüssig zu werden. Around The Sun klingt wie die vertonte Rock Rente in einem schicken Loft in New York und lässt einen grübeln, ob man R.E.M wirklich noch braucht. Das schlechtverkaufteste Album seit Green hat natürlich trotzdem eine schöne Single namens Leaving New York. Ansonsten regiert hier leider Mittelmaß.

Accelerate

(Warner,2008)

Kurz bevor R.E.M. aufgrund eher mauer 00er Alben für tot erklärt werden, kommen sie mit Accelerate zurück und zeigen, daß mit ihnen wieder zu rechnen ist. Kein zuckriger Pop-Kleister oder gediegener Altherren-Rock stört hier die Rückbesinnung auf die alten College-Tage. Wie bereits die Single “Supernatural Superserious” ankündigt, rocken R.E.M. hier mit dem besten und ehrlich gesagt wirklich einzig richtig guten Album der 00er Jahre. Die Fans freuen sich, dass die Durststrecke beendet ist; so inspririert und angriffslustig klangen R.E.M. wirklich schon lange nicht mehr. Stipes fängt wieder wütend an zu bellen wie in frühen Tagen und lässt einen mit deftigen Rocksounds die Harmlosigkeit der vorigen Alben vergessen. Das versöhnt sogar die richtig alten (und  altgewordenen) Fans, die R.E.M bereits in den 90ern nicht mehr folgen wollten.

 

2 Gedanken zu „Rapid Music Movements – Retrospektive zum neuem R.E.M. Album “Collapse Into Now”“

  1. Joa… da kann ich ja eigentlich gleich mal widersprechen. ;)
    Fand die Reveal trotz Popeinschlag ziemlich gut, während die bemühte Bissigkeit auf Accelerate mich eher kalt gelassen hat.

    Ansonsten aber sehr cooler Artikel: Würde das meiste so unterschreiben. Ich liebe die elektronische Experimentierfreude von Up, das Rohe der Murmur, den düsteren Folkeinschlag der Automatic… Irgendwie haben REM dann ja doch zu jeder Stimmung das passende Album. Daher dürfen die auch meinetwegen noch weitere 30 Jahre veröffentlichen, so lange sie so vielfältig bleiben.

  2. Mein Favorit bleiben immer noch die düsteren Automatic und New Adventures. Die Riveal hatte ein paar hübsche Melodien, war dann aber auch einfach zu überproduziert.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>