Hans Falladas “Jeder stirbt für sich allein”

Mit „Jeder stirbt für sich allein“ erschuf Hans Fallada in nur 24 Tagen ein äußerst eindringliches, vielschichtiges und umfangreiches Werk über die innerdeutschen Schrecken der Nazi-Herrschaft. Erich Kästner kündigte den Untergang der Menschlichkeit in „Fabian“ bereits an. In Falladas letztem und meiner Meinung nach wichtigstem Werk taucht Menschlichkeit nur noch vereinzelt auf, und zwar als Verbrechen. Es ist die Schilderung einer gesellschaftspolitisch totalisierten und irr-rationalen Welt.

„Der Führer hat meinen Sohn ermordet.“

Nachdem das Ehepaar Otto und Anna Quangel in einem Feldpostbrief den Tod ihres Sohnes mitgeteilt bekommen, beschließen sie etwas zu tun, etwas gegen das Nazi-System. Sie beginnen Postkarten zu schreiben in denen sie die Führerherrschaft bloßstellen. Die Quangels legen die Postkarten in der Berliner Öffentlichkeit aus. Sie erhoffen sich andere zum Umdenken zu bewegen und zu Sabotageakten anzuregen. Doch sie erreichen das Gegenteil. Fast alle Karten werden bei der Gestapo abgegeben.

In einem personellen Mikrokosmos zeigt sich das totalitäre System in all seinen Auswirkungen. Fallada zeichnet eine Welt die auf dem Kopf steht. Die Lüge wird hier zur Wahrheit und die Wahrheit zur Lüge. Menschlichkeit wird zum Verbrechen und Unmenschlichkeit wird gefördert und belohnt, erkennbar in alldem Denunziantentum. Die Gestapo-Informanten sind, sofern sie keine Überzeugungstäter sind, Kleinkriminelle, die sich ein paar Mark nebenbei verdienen, im Roman vertreten in der Figur Borkhausen. Fallada zeigt die Allgegenwärtigkeit von Angst und eklen Zwang. Es herrscht ein Zwang zum Verbrechertum und es herrscht die Angst, dass man seiner Anständigkeit wegen in den Kellern der Gestapo verschwinden könnte. Die Menschen müssen diese vom Regime initiierte Fiktion des Volkstaates tragen und aufrecht erhalten, wenn sie überleben wollen.

Um in dieser verkehrten Welt nicht „Täter“ (des Guten) zu werden, sind die Menschen quasi dazu gezwungen die quangelschen Postkarten bei der Gestapo abzugeben. Schon allein dass man sie gefunden hat und somit ein Artefakt in Händen hielt, welches nach der Logik des Systems nicht existieren dürfte, schon allein deswegen begab man sich in die Nähe des Todes, weil man in dem totalitären System der Lüge Zeuge der Wahrheit wurde. Die nationalsozialistische Gesellschaft war ein einziges riesiges Gefängnis. Die Pein und der Terror sind außerhalb Gestapogefängnis psychisch. In den Verhörräumen werden sie physisch. Diejenigen die sich im “Gefängnis der Gesellschaft” besonders „gut“ führten lockten Aufstieg und Anerkennung. Zur guten „Führung“ gehört der vorauseilende Gehorsam, legte man diesen nicht an den Tag, konnte man schnell vom Täter zum Opfer werden, im Buch exemplifiziert an der Figur des Gestapo- Kommissar Escherich.

„…das sind andere Menschen heute.“  […]   „Es sind keine anderen Menschen. Es sind ein bisschen mehr geworden, und die anderen sind ein bisschen feiger geworden, aber die Gerechtigkeit ist dieselbe geblieben…“

Schließlich kommt es wie es Falladas Zeichen schon von Beginn an merken ließen: die Quangels kommen in Gestapo-Gewahrsam. Hier zeigt sich nun die Nazi-Herrschaft in all ihrer Willkürlichkeit und Gewalt. In den Kellern der Gestapo dann die Hölle:

„… lagen tot Männer und Frauen, und alle nackt, wie sie auf die Welt gekommen waren. Da lagen sie mit zerschlagenden Gesichtern, mit blutigen Striemen, mit verdrehten Gliedern, krustig von Blut und Schmutz.“

Hier offenbart sich die konsequente und expansive Biopolitik des Regimes. In die Gestapo-Gefängnisse findet gewissermaßen die “Restauslese” statt. Hier landen all diejenigen, von denen nicht von vornherein klar war dass sie„kranke Zellen“ im „Volkskörpers“ sind. All diejenigen von denen die Gefahr der Wahrheit, die Gefahr der Güte und Anständigkeit ausgeht, sodass sie “vernichtet” werden müssen. Auch könnten die sie umgebenden Menschen („Zellen“) möglicherweise „infiziert“ sein, sodass auch diese in die „Untersuchung“ mit einbezogen werden müssen. (Im Roman sind es die nächsten Verwandten und Bekannten.) Wenn man das weiterdenkt ergibt sich eine endliche Progressionskette, die nur in Weltherrschaft oder Menschheitsvernichtung enden kann.

„Denn mit einer pedantischen Genauigkeit wurde der Bekannten- und Freundeskreis jedes Verhafteten nachgeprüft, `damit die Eiterbeule auch ganz ausgebrannt werde´.“

Zu den größten Verdiensten dieses Romans gehört, dass er den Nationalsozialismus als das offenbart was er im innersten war: der (vorläufige) „Sieg“ des engstirnigen, unreflektierten und aufwärtsstrebenden Kleinbürgers. Diesen schilderte schon Heinrich Mann in “Der Untertan”, jenen Kleinbürgertypus der Kaiserzeit, der “nach oben buckelt und nach unten tretet.” In den Wirren der Weimarer Republik zeigt sich die Unwiederbringlichkeit der kaiserlich-autoritären Gesellschaft, so trägt das pervertierte Autoritäts- und Ordnungsgehabe der Nazis den Sieg davon gegen den gegenüberliegenden Radikalismus der kommunistischen Linken. Hitlers Ideologie ist die kleinbürgerlich-pervertierte Form des traditionell autoritär gesinnten Großbürgers plus die Hineinleitung und Förderung politischen Verbrechertums. Hans Falladas Roman hätte aber genauso in Sowjetrussland Stalins stattfinden können. Dort fand eine ähnliche Entwicklung unter anderen Vorzeichen statt.

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