Die 90er Jahre: Die besten Zeichentrickfilme des Jahrzehnts II

Dass die 90er Jahre keineswegs ein rein amerikanisches Zeichentrickjahrzehnt waren, hatte die letzte Trickfilmretrospektive bereits unter Beweis gestellt. Hier sind die USA sogar in der Unterzahl. Dominiert werden die 90er Zeichentrickklassiker von Asien – selbstredend insbesondere dem Studio Ghibli. Aber auch eine klassische Disney-Produktion hat sich hierher verirrt, und sogar ein unglaublich bezaubernder Hybrid aus traditioneller Zeichentrickkunst und Up-to-Date-Computeranimationen.

Prinzessin Mononoke [Hayao Miyazaki]

(Japan 1997)

Wenn es einer mit den Disney-Trickfilmkünstlern aufnehmen kann, dann das Studio Ghibli und insbesondere Hausregisseur und Zeichenvirtuose Hayao Miyazaki. Prinzessin Mononoke gehört zu den erwachsensten Filmen des vielseitigen Trickfilmvirtuosen. Der spannende Fantasyfilm mit Ökobotschaft hat so manche brutale Szene zu bieten und entzieht sich auch bei der Darstellung seiner Charaktere jeder niedlichen, kindgerechten Schwarzweißmalerei. Stattdessen verbeugt sich der Film tief vor seinen Vorbildern des Kabuki-Theaters und des japanischen Historienfilms, erzählt in poetischen Bildern eine ebenso bezaubernde wie düstere Geschichte und gibt nicht nur den fantastischen Zeichnungen sondern auch der differenzierten Erzählhaltung viel Platz zur Entfaltung. Ein packendes und mitreißendes Epos.

Der Gigant aus dem All [Brad Bird]

(USA 1999)

Brad Bird ist mit Filmen wie “Die Unglaublichen” und Ratatouille in den 00er Jahren als Regisseur von herrausragenden Animationsfilmen in Erscheinung getreten.  1999 stellte er bereits sein Können im Erzählen fantastischer Geschichten unter Beweis und zeigte außerdem noch, dass klassische Zeichentrickkunst und CGI sich keineswegs ausschließen, sondern sogar ergänzen und wunderbar zusammen funktionieren können. Angesiedelt im paranoiden Klima der 50er Jahre ist der Gigant aus dem All die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, ein bezauberndes Retro Science Fiction Märchen mit universell humanistischer Botschaft und ein ungemein leidenschaftlich und präzise gezeichneter wie animierter Trickfilm. Die perfekte Melange aus Nostalgie und den ästhetischen Möglichkeiten unseres Zeitalters.

Porco Rosso [Hayao Miyazaki]

(Japan 1992)

Hayao Miyazaki, Klappe die Zweite. Das historische Fantasyabenteuer Porco Rosse ist eine fantastische Reise zwischen Jules Verne Reminiszenz, klassischem Fliegerepos und wunderschöner Liebesgeschichte. Angesiedelt in unserer Welt der 20er Jahre vermischt Miyazaki auf faszinierende Weise reale historische Bezüge mit fantastischen Elementen und dem großen Traum vom Fliegen. Heraus kommt ein zauberhafter, ebenso witziger wie epischer Abenteuerfilm, der nicht mit turbulenten Actionszenen geizt, immer aber einen äußerst empathischen Blick für seinen skurrilen aber auch liebenswerten Antihelden wahrt.

Memories [Kōji Morimoto, Tensai Okamura, Katsuhiro Otomo]

(Japan 1995)

Große asiatische Trickfilmunterhaltung beherrscht jedoch nicht nur das Studio Ghibli:  Im Kurzgeschichtentrio Memories sind gleich drei herausragende Regisseure vertreten, von denen vor allem Akira-Schöpfer Katsuhiro Otomo dem deutschen Publikum ein Begriff sein sollte. Diese erzählen in drei sehr unterschiedlichen Animegeschichten von großen Liebesabenteuern im Weltall, der Rettung der Menschheit durch den einfachen Helden von nebenan und von dystopischen, surrealen Welten, in denen Krieg zur obersten Bürgerpflicht wird. Alle drei Filme sind sowohl dramaturgisch als auch technisch auf höchstem Niveau, speziell erzählt, alles andere als konventionell und dennoch stets mitreißend und nicht so schnell loslassend. Eineindrucksvolles Statement der Vielseitigkeit und Ausdruckskraft des japanischen Trickfilmkinos.

Aladdin [Ron Clements, John Musker]

(USA 1992)

Neben The Lion King (siehe Teil 1) ist Aladdin der Disney Zeichentrickklassiker der 90er Jahre: Und nahezu alles, was über den Löwenkönig gesagt werden kann, kann auch für Aladdin übernommen werden: Wunderbare, ins feinste Detaill gehende Zeichenkunst, eine spannende und lustige Geschichte, große Emotionen, mitreißende Gesangseinlagen, herausragend gezeichnete Charaktere (Der lustige Sidekick darf hier sogar wesentlicher Protagonist sein) und eine farbenfrohe Umsetzung lassen Aladdin zu einer würdigen Interpretation des arabischen Märchens werden. Vielleicht nicht ganz so episch, nicht ganz so packend und monumental wie der zwei Jahre später veröffentlichte Löwenkönig, aber im Vergleich zu den meisten anderen Disneyfilmen – und amerikanischen Zeichentrickfilmen überhaupt – ein eindrucksvolles Referenzwerk und ein zeitloser Klassiker noch dazu.

Only Yesterday -Tränen der Erinnerung [Isato Takahata]

(Japan 1991)

Und noch einmal Isao Takahata, der in den 90ern ein wenig seinem 80er Meisterwerk “Die letzten Glühwürmchen” hinterherlief, dessen Qualität nicht mehr erreichte und dennoch wunderbare Animes hervorzauberte. Tränen der Erinnerung ist ein wehmütiger und zugleich optimistischer Film, der voller Nostalgie und Sehnsucht steckt und diese in wunderschönen Bildern auszudrücken weiß. Die Geschichte von einer einfachen Fahrt aufs Land wird zur introspektiven Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und unsichere Zukunft, zwischen Romantisierung und klarem, empathischen Blick. Ein wunderschöner, kleiner und zurückhaltender Film, dem es gelingt, seine Zuschauer mit den einfachsten Mitteln zu fesseln und zu verzaubern.

Ghost In The Shell [Mamoru Oshii]

(Japan 1995)

Radikaler Genrewechsel… Der Science Fiction Cyborg Thriller “Ghost in the Shell” ist eine der populärsten Mangaumsetzungen überhaupt. Die Geschichte von Cyborgs, Puppenspielern und existenziellen Fragen ist ein hypnotischer und meditativer futuristischer Trip in die Abgründe der menschlichen Gesellschaft. Großartig gezeichnet, visionär sowohl bild- als auch storytechnisch arbeitet “Ghost in the Shell” geschickt mit klassischen Science Fiction Motiven, bricht diese immer wieder mit treibenden, starken Actionszenen auf und findet ebenso immer wieder zu universellen und philosophischen Fragestellungen zurück. Ein perfekt ausbalancierter, tragischer Cyborgthriller, dessen Einfluss auf die kommende Science Fiction Generation gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Beavis & Butthead do America [Mike Judge]

(USA 1996)

“Uh… that sucks” “Heh, hehehe” “Yeah…hehehe” “Uh, hehe, thats cool, hehe!”… Jajaja… Beavis und Butthead sind schon ziemlich bescheuert. Sie gehören aber in die 90er mindestens genau so wie MTV und zerrissene Jeanshosen. Und ja, auch der Film ist ziemlich stupide, primitiv, dämlich und vulgär… eben ein auf Leinwandformat aufgeblasenes Rotznasenabenteuer, voller sexueller Zweideutigkeiten, obszöner Sprache und dreckigem Humor. Aber genau damit stellen Beavis und Butthead auch so etwas wie die Urväter des zynischen Zeichentricks der Marke “South Park” und Family Guy dar, die Geburt des gezeichneten Diettantismus, der Spaß an der eigenen Verderbtheit… und heh, dafür ist der Film echt gelungen. Man sollte natürlich wissen, worauf man sich einlässt (auf jeden Fall nicht auf die grausige deutsche Synchro!), aber dann bekommt man genau, was man sucht. Derbe, bescheuerte, assoziale, auf unterstem Niveau pendelnde – und genau deswegen mordsspaßige – Anarchotrickfilmunterhaltung.

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